Als der israelische Premier Izchak Rabin in Oslo ans Rednerpult trat, erzählte er der internationalen Festgesellschaft von der Landschaft des Nahen Ostens. "Tiefblaue Seen, tiefgrüne Felder, mattfarbene Wüste. Und Friedhöfe. Gräber, so weit das Auge blicken kann."

Während in diesen Tagen die Gewalt aufs Neue eskaliert, jährt sich die Verleihung des Friedensnobelpreises an Rabin, Schimon Peres und Jassir Arafat zum zwanzigsten Mal: Im Dezember 1994 wurden die einstigen Kriegsgegner für ihre gemeinsamen "Bemühungen um Frieden im Nahen Osten" ausgezeichnet. Die Würdigung sollte eine "Ermutigung für alle Israelis und Palästinenser" sein, die einen "nachhaltigen Frieden in der Region" anstrebten.

Vermittelt und finanziert von der norwegischen Regierung, hatte in Oslo eine israelisch-palästinensische Verhandlungsgruppe rund zwei Jahre zuvor mit informellen Gesprächen begonnen. 1993 präsentierte sie der Weltöffentlichkeit ihre kluge, weil pragmatische "Prinzipienerklärung", auch Oslo I genannt: Vor der Kulisse des Weißen Hauses verkündeten Rabin und Arafat, den Jahrhundertkonflikt beenden zu wollen. Sie versprachen einander wechselseitige Anerkennung und Sicherheit, vereinbarten den Abzug israelischer Truppen aus Jericho und Gaza und einigten sich darauf, der Palästinensischen Autonomiebehörde stufenweise die volle Eigenständigkeit zu gewähren. Das Ziel war vorgezeichnet: eine Zwei-Staaten-Lösung, die binnen fünf Jahren gefunden werden sollte. Befreit vom geopolitischen Korsett des Kalten Krieges, schien dieser Stellvertreterkrieg im Nahen Osten endlich beigelegt werden zu können.

Die Nobelpreis-Entscheidung war gleichwohl umstritten. Ein Jurymitglied trat zurück, zum ersten Mal in der Preisgeschichte. Kåre Kristiansen, ein konservativer norwegischer Politiker, protestierte damit gegen die Ehrung des "Terroristen" Arafat. Jahre später bedauerte ein anderes Mitglied, Peres ausgezeichnet zu haben: Der Friedenspolitiker habe sich als bloßer Friedensrhetoriker erwiesen. Mit diesem Auswahlkriterium aber wäre wohl nicht einmal Immanuel Kant preiswürdig gewesen, blieb doch sein "ewiger Frieden" bloße Theorie.

Der Jurystreit verwundert nicht. Bis heute polarisiert der israelisch-palästinensische Konflikt wie kein zweiter. "Der Nahe Osten ist der Spiegel, durch den sich die Welt sieht", formulierte das Nobelpreiskomitee 1994 treffend. Fast täglich scheitern die Konfliktparteien daran, die Menschenrechte einzuhalten. Eine Flüchtlingsgesellschaft trifft auf eine andere Flüchtlingsgesellschaft. Israelis wie Palästinenser sehen sich als Opfer Europas. Das jüdisch-israelische Recht auf Rückkehr prallt auf den palästinensischen Wunsch nach Rückkehr. Eine sich umzingelt fühlende Gesellschaft steht einer Gesellschaft im Besatzungszustand gegenüber, und im Innern beider tobt ein explosiver Kulturkampf. Wie löst man diesen "tragischen Konflikt", wie der Schriftsteller Amos Oz ihn nannte?

Viele der damaligen Nobelpreiskritiker waren Gegner des Friedensprozesses: Hamas, die nationalreligiöse Siedlerbewegung, aber auch der israelische Oppositionsführer und jetzige Premierminister Benjamin Netanjahu. In einer Atmosphäre wachsenden Hasses gesellte er sich seinerzeit zu den Oslo-Gegnern, ohne deren aufhetzende Transparente und Sprechchöre zu moderieren.

"Tod Rabin!", hallte es in Jerusalem. Auf Demonstrationen karikierte man den amtierenden Premierminister als SS-Führer und trug einen Sarg für ihn zur Schau. "Rabin wird eines Tages auch noch verkünden, dass er in Kairo einen palästinensischen Terrorstaat errichtet hat", tönte Netanjahu. Mit diesen Preisträgern sei "der Tiefpunkt in der Geschichte des Preises" erreicht. Noch 1997, als er zum ersten Mal Premierminister war, schrieb er: "In Oslo demonstrierte Israel der PLO und ihren Imitatoren, dass sich Terrorismus lohnt." Für ihn war die Palästinensische Befreiungsorganisation keineswegs die Vertretung des palästinensischen Volkes, sondern eine Vereinigung von "Terroristen". In der zerklüfteten palästinensischen Gesellschaft protestierte unterdessen Hamas gegen die als Exilanten wahrgenommene PLO-Spitze.

Doch so unterschiedlich Motive und Taten der Oslo-Gegner waren, eines hatten die Extremisten beider Seiten gemeinsam: Ein friedliches Ende der Besatzung lag nicht in ihrem Interesse. Das Verhandlungsnetzwerk um Rabin/Peres und die im Exil lebenden Palästinenserführer Arafat und Mahmud Abbas hingegen versuchte Kompromisse zu finden und gemeinsame Interessen auszuloten. Zunächst hatten ihre Geheimgespräche noch den Charakter einer akademischen Simulation, doch sie mündeten in Realpolitik und wiesen den einzig erfolgversprechenden Weg zum Frieden im Nahen Osten. Den Friedensnobelpreis für diese Bemühungen zu vergeben war eine Sternstunde visionärer internationaler Diplomatie.

Bereits am Tag der Bekanntgabe aber zeigte sich, woran die Friedenshoffnung zerbrechen würde – an der Gewalt der Extremisten. Israel bangte an diesem Tag um das Leben eines von Hamas entführten 19-jährigen Soldaten. Nach einem Hinweis der Arafat unterstehenden palästinensischen Polizei stürmte ein israelisches Kommando das Versteck der Hamas-Entführer. Vergeblich: Die Geisel wurde ermordet, bevor man sie befreien konnte. Mehrere Kidnapper und weitere israelische Soldaten starben im Kugelhagel. Nur wenige Stunden nach der Preisbekanntgabe erklärte Rabin, er würde auf die Auszeichnung verzichten, "wenn so die toten Soldaten wieder zu den Lebenden zurückkehren könnten". Ein Jahr später war Rabin tot. Am 4. November 1995, beim Ausklang einer Friedensdemonstration in Israel, schoss ihm ein jüdischer Rechtsextremist auf dem Platz der Könige in Tel Aviv dreimal in den Rücken.

Bei Vernehmungen erklärte der Attentäter Jigal Amir: "Ich verstand, dass Rabin das Volk nicht führen kann. Ihm waren Juden egal, er log. Er manipulierte die Menschen und die Medien. Er entwickelte solche Ideen wie einen palästinensischen Staat. Zusammen mit Jassir Arafat, dem Mörder, erhielt er den Friedensnobelpreis. Ich musste die Menschen retten."

"Proisraelisch" und "propalästinensisch" sind nicht erst seitdem inhaltsleere Kategorien. Palästinenser wie Israelis, Chefunterhändler wie Geheimdienstchefs sind sich einig: Der Mord an Rabin veränderte den Lauf der Geschichte. Er leitete das Ende des Friedensprozesses ein. Keineswegs geschah dies erst im Jahr 2000 in Camp David, wo Jassir Arafat und Israels Premier Ehud Barak keine Einigung über Grenzen und Siedlungen, den Status Jerusalems und die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge erzielen konnten. Zwar war für manche Beobachter Oslo von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil diese Konfliktpunkte auf zukünftige Verhandlungen vertagt worden waren. Doch wer so argumentiert, denkt die Geschichte von ihrem Ende her. Entscheidend für die Lösung dieses asymmetrischen Konflikts sind Vertrauen und Kompromissbereitschaft – und dass beim stärkeren der beiden Verhandlungspartner Friedenswille und Friedensfähigkeit verankert sind: in Israel. Weil aber das politische System Israels mit seiner Zweiprozenthürde zu den dysfunktionalsten Parlamentssystemen der westlichen Welt zählt, bestimmten in nahezu allen Regierungen Partikularinteressen von Milieuparteien den "Friedenskurs". Unter Rabin schien ein Konsens noch denkbar zu sein. Nach seiner Ermordung schwanden die Chancen dafür rapide.

Ende Mai 1996 war schließlich das Ende von Oslo besiegelt. Netanjahu wurde zum Ministerpräsidenten gewählt. Nicht zuletzt Hamas hatte ihm zum Sieg verholfen. Sie hatte den Israelis mit Selbstmordattentaten gezielt Angst eingejagt und so den Oslo-Gegner zum knappen Wahlsieger gebombt. Die Palästinensische Autonomiebehörde hatte nun keinen verlässlichen Partner mehr in Israel. Nach und nach wandte sich die israelische Regierung, aber auch die Palästinensische Autonomiebehörde von der "Prinzipienerklärung" aus dem Jahr 1993 ab. Rasant wuchsen die israelischen Siedlungen. Netanjahu selbst bekannte sich stolz in einem gefilmten Hintergrundgespräch, "Oslo gestoppt" zu haben. Als Premierminister erwarb er sich vor allem zwei Verdienste: größere Siedlungen und größere Friedhöfe. Izchak Rabin wollte Israel in eine andere Richtung lenken. Er liegt auf dem "Berg der Erinnerung" in Westjerusalem begraben.

Der Autor lehrt Konflikt- und Gewaltforschung am Europa-Institut CIFE in Nizza, Frankreich.