Zwei kleine Schwämmchen, ein paar Kabel und ein Gummiband um den Kopf – Anthonys selbst gebauter Gedankenbeschleuniger sieht nicht gerade spektakulär aus. Doch was zählt, ist der Effekt: Mit dem Hirnstimulator hat der junge Amerikaner nach eigener Aussage seine Lesegeschwindigkeit um fast die Hälfte erhöht, deutsche Vokabeln lernt er angeblich im Nu. Überdies, so berichtet Anthony auf YouTube, verfliege bei der Elektrostimulation seiner Großhirnrinde selbst schlechte Laune.

Der Hobbybastler ist nicht allein. Unter dem Stichwort "tDCS" findet sich auf dem Videoportal YouTube ein ganzes Sammelsurium an Beiträgen zur selbst gemachten Hirnoptimierung. Neuronale Heimwerker wie Anthony preisen dort die "transcranial Direct Current Stimulation" als Wundermittel für besseres Lernen, mehr Kreativität und positive Stimmung. Bauanleitungen für selbst gebastelte Stimulatoren gibt es gratis dazu.

Mit einer 9-Volt-Batterie, zwei in Salzwasser getränkten Schwämmchen und ein paar Kabeln hat man die meisten Teile beisammen, mit ein wenig Bastelgeschick ist die Maschine schnell zusammengebaut. Und damit lässt sich dann also jedes Gehirn auf Höchstleistung bringen?

Tatsächlich versteckt sich hinter tDCS, der transkraniellen Gleichstromstimulation, eine durchaus gängige Technik. Neurologen und Psychologen rund um die Welt arbeiten mit der Methode, monatlich werden etliche wissenschaftliche Artikel zu ihren Anwendungen publiziert. Das Funktionsprinzip ist relativ simpel: Durch das Anlegen einer äußeren elektrischen Spannung kann die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn beeinflusst werden.

Dabei wird das Ruhepotenzial der betroffenen Neuronen entweder verkleinert – die Nervenzellen reagieren dann sensibler und feuern eher eigene Impulse ab – oder vergrößert, die Zellen reagieren dann etwas träger. Die tDCS löst selbst also keine Reize aus, sorgt aber dafür, dass ein Neuron schneller oder langsamer auf eingehende Impulse reagiert.

Dazu werden am Kopf zwei Elektroden angebracht. Bei angelegter Spannung fließt dann ein schwacher elektrischer Strom von ein bis drei Milliampere, der – je nach Lage der Elektroden am Kopf – verschiedene Bereiche der Großhirnrinde passiert. In der Nähe der Anode werden die Nervenzellen in erhöhte Erregbarkeit versetzt; Gehirnfunktionen, die in diesem Bereich ablaufen, werden begünstigt. Im Bereich der Kathode dagegen werden die Neuronen und die dort ablaufenden Prozesse gedrosselt.

"Es gibt eine Vielzahl an klinischen Studien über tDCS mit sehr interessanten Ergebnissen", sagt Walter Paulus, Direktor der Klinik für Klinische Neurophysiologie an der Universität Göttingen. Paulus ist einer der Pioniere der modernen tDCS-Forschung, Ende der neunziger Jahre hat er die fast in Vergessenheit geratene Methode wiederentdeckt.

Einsatzmöglichkeiten sieht er "zum Beispiel bei Schmerzpatienten, bei Migräne oder zur Regeneration nach einem Schlaganfall". Auch bei der Behandlung von Depressionen erhöht tDCS laut einer Studie die Wirksamkeit von parallel verabreichten Psychopharmaka, nach ungefähr sechs Wochen sind bei diesen Patienten positive Auswirkungen möglich. Die Gleichstrombehandlung ist also kein Schmu, sondern basiert auf überprüfbaren physiologischen Effekten.

Aber ist sie damit auch für jedermanns Hausgebrauch geeignet? Für unerschrockene Selbstexperimentatoren wie Anthony ist das keine Frage. Um etwa Deutsch zu lernen, schnallt er sich einfach einen der Kontakte knapp über sein linkes Ohr, dort, wo das Wernicke-Areal sitzt. Diese Hirnregion spielt eine wichtige Rolle beim Sprachverständnis. Wird sie stimuliert, so die Logik, müsste sich doch das Sprachenlernen verbessern!

Die Neuro-Bastler verweisen darauf, dass sich bei Versuchspersonen tatsächlich Hirnfunktionen nach einer Gleichstrombehandlung veränderten. Teilweise wurden dabei lang anhaltende Effekte beobachtet. Denn wie bei jedem Lernprozess festigen sich jene Nervenverknüpfungen, die intensiv genutzt wurden. Und diese neuronale Plastizität lässt sich durch tDCS offenbar beeinflussen. Der Theorie nach könnte Anthonys elektrifizierter Deutschkurs also durchaus funktionieren.

In der Praxis aber gibt es dann doch ein paar Haken. Zum einen werden in wissenschaftlichen Studien alle Teilnehmer individuell auf die Behandlung eingestellt. Denn die Dicke der Schädeldecke und die individuelle Hirnanatomie ist bei jedem Menschen unterschiedlich und wird vor dem Versuch genau vermessen. Erst daraus ergibt sich die exakte Positionierung der Elektroden, die darüber entscheidet, ob die gewünschten Hirnareale angesteuert werden oder nicht. Wer das im Heimverfahren macht, trifft allenfalls mit Glück sein Wernicke-Areal. Vielleicht aber kurbelt er eher seinen Gyrus fusiformis an, der nah beim Wernicke-Areal liegt und am Erkennen von Gesichtern beteiligt ist. Dann erinnert man sich statt der Vokabeln vielleicht eher an Birgit und Heinz aus dem Deutschbuch.

Zum anderen wurden wirklich nennenswerte Effekte der Gleichstromstimulation bisher nur an Kranken festgestellt, also an Menschen mit einem neurologischen Defekt. Walter Paulus erklärt das mit dem sogenannten Deckeneffekt: "Die Theorie besagt, dass das menschliche Nervensystem schon so optimiert ist, dass es gar nicht dauerhaft verbessert werden kann." Werde ein Bereich des Gehirns künstlich aktiviert, könne das auf Kosten anderer Hirnkapazitäten geschehen – was sich unterm Strich minimal oder gar kontraproduktiv auswirke.

"Bei Gesunden macht das überhaupt keinen Sinn", sagt auch der Neurobiologe Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. "Wirklich helfen könnte tDCS bei Patienten, bei denen man nichts Besseres zur Verfügung hat, etwa bei Schlaganfallpatienten." Den Hobbybastlern aber kann Birbaumer wenigstens einen Effekt mit Sicherheit bescheinigen: den Placebo-Effekt. Der ist nachweislich umso stärker, je teurer, aufwendiger oder abenteuerlicher die durchgeführte Behandlung ist.