Sommer 2014: Tausende Besucher hören vor der Roten Flora der Außenübertragung eines Konzerts der Band Beginner um Jan Delay zu. © dpa

Dank der Roten Flora gibt es in Rahlstedt, weit oben im grünen Hamburger Nordosten, nun auch eine Problemimmobilie. Bislang fielen die Anwohner dort höchstens dadurch auf, dass sie sich öffentlich über den ungepflegten Zustand des Gehölzes beschwerten. Aber jetzt ist da dieses unauffällige Reihenhäuschen. Es soll das Zuhause von "Iris Schneider" sein, so der Deckname der heute 41-jährigen Polizistin, die sich zwischen 2000 und 2006 als queer-lesbische linke Aktivistin ausgab, um die Rote Flora und ihr Umfeld auszuspionieren. Im echten Leben heißt die Mata Hari der Hamburger Linksautonomie Iris P. Für sie schien die radikale Zeit im Schanzenviertel lange her und abgehakt zu sein. Offensichtlich fühlte sie sich so sicher, dass sie hier, im beschaulichen Rahlstedt, Eigentum gebildet hat. Jetzt ist das Klingelschild überklebt. Wenn man trotzdem schellt oder zu lange vor dem Neubau herumsteht, kann es passieren, dass zwei Zivilpolizisten um die Ecke biegen und höflich fragen, was man hier wolle.

Grund für die Unruhe ist ein 18-seitiges Dossier, das die ausspionierten Aktivisten der Roten Flora Anfang November auf einen Blog gestellt haben. Darin beschreiben sie detailliert, wie Iris P. es schaffte, die Szene jahrelang zu unterwandern. Sie hat das Café Niemandsland in der Roten Flora mitbetrieben, sie ging zum Flora-Plenum, sie zog los zu anderen Politgruppen – unter anderem unterstützte sie den Widerstand des Bambule-Bauwagenplatzes gegen die Räumung. Sie moderierte im Freien Sender Kombinat (FSK) feministische Radiosendungen, sie schrieb am autonomen Blatt Bewegungsmelder mit. Kurzum: Sie führte sechs Jahre lang ein privates Leben im Flora-Umfeld, das kaum in die 38,5-Stunden-Woche einer Polizeibeamtin gepasst haben kann. Auch das Liebesleben der verdeckten Ermittlerin kam nicht zu kurz: Zwei Beziehungen zu Frauen aus der Szene sei Iris P. während ihres Einsatzes eingegangen.

Die linksautonomen Ermittler in eigener Sache haben ein Foto auf den Blog gestellt. Es zeigt das rundliche Gesicht einer jungen Frau, im rechten Ohr steckt ein Piercing. Der Mund ist etwas verkniffen, das Porträt ist vor einer Art Häkeldecke aufgenommen, Blütenblätter einer gelben Tulpe schmiegen sich an das Kinn. Ein rätselhaftes Bild.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Rätselhaft wie der ganze Fall. Auch die bespitzelten Autonomen wundern sich. Zwar gehörten verdeckte Ermittler zum "Alltagsgeschäft staatlicher Überwachung" schreiben sie. Iris P. sei der fünfte Fall in der Geschichte der Roten Flora, sagt Andreas Blechschmidt, der seit der Besetzung 1989 dabei ist. Ihr Vorgänger war ein gewisser "Stefan", den ein Flora-Aktivist zufällig auf einer Party in Elmshorn traf, wo man ihn nur als Polizisten kannte. "Der hat immerhin damals das Frauenklo in der Flora gekachelt", sagt Blechschmidt. "Insofern hat er etwas Bleibendes hinterlassen." Doch so emotional wie Iris P. hat sich noch niemand in den autonomen Sumpf gestürzt. "Wieso hat die mich angerufen, um mir von dem Beziehungsstress mit ihrer Freundin zu erzählen?", fragt sich Simone heute, eine Flora-Aktivistin, die Iris P. schon früh kennenlernte. "War das Teil ihres Ermittlungsauftrags?"

Der Spitzel ein paar Jahre vor ihr hatte wenigstens das Frauenklo gekachelt

Simone ist Mitte dreißig. Als sie anfing, sich in der Flora zu engagieren, war sie Anfang zwanzig und kam aus der Provinz. Zur Jahrtausendwende hatte das besetzte Kulturzentrum eine Öffnung ausgerufen – man wollte neuen Leuten ermöglichen, zur alten Tante Flora aufzuschließen. Junge Dreadlock-Träger und Antifa-Youngster kamen aus Aurich, Itzehoe oder Neumünster und hatten den Song der Band Tocotronic im Kopf: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Sie entdeckten die Flora, ihre Strukturen, die Sprachregelungen, Codes und Diskurse. Es war die ideale Gelegenheit, um unter ihnen einen Spitzel zu platzieren.