Sigmar Gabriel © dpa

Mit Zahlen ist das so eine Sache. Die 40 etwa hat für die meisten Deutschen keine besondere Bedeutung. Doch für Sigmar Gabriel wird sie in der kommenden Woche wichtig sein. Am Mittwoch wird der Wirtschaftsminister gemeinsam mit Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) aus dem Kanzleramt kommen und einen Erfolg verkünden. Endlich sei klar, wie der Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent reduziert werden könne. Nachdem das Kabinett die Pläne zur Rettung der Energiewende beschlossen hat – so oder so ähnlich wird er sich ausdrücken –, bleibt Deutschland Vorreiter beim Klimaschutz. Die 40 soll Gabriel zum Klimahelden machen.

Das Problem ist nur: Der Minister ist ein Held auf Abruf. Auf den vielen Hundert Seiten, auf die sich das Kabinett wohl einigen wird, stehen zwar jede Menge Ideen, die das Land umweltfreundlicher machen könnten. Häuser sollen besser gedämmt werden, Autos weniger Sprit verbrauchen, Straßenlaternen mit sparsamen LED-Leuchten ausgestattet werden. Doch allen amtlichen Prognosen zufolge wird das nicht ausreichen, wenn nicht auch gleichzeitig die Kraftwerke ihren CO₂-Ausstoß reduzieren.

Wochenlang wollte Gabriel, der für den Strommarkt zuständig ist, nicht viel davon wissen. Anfang der Woche kam dann ein Papier seines Ministeriums heraus, in dem ein Beitrag der Kraftwerke steht – allerdings einer, der vermutlich zu klein ist: 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger sollen sie bis zum Jahr 2020 ausstoßen. Ein ranghoher Regierungsbeamter sagt dazu: "Wenn das reichen sollte, hätten wir großes Schwein."

Mit anderen Worten: Bei Gabriels Klimaplan regiert das Prinzip Hoffnung. Für den Minister kann das oberpeinlich werden, denn er selbst war es, der das 40-Prozent-Ziel im Jahr 2007 quasi erfunden hat. Damals war er Umweltminister der ersten großen Koalition unter Angela Merkel.

Natürlich weiß Gabriel all das. Doch der Minister hat nicht nur einen Ruf als ehemaliger Umweltminister zu verlieren. Er ist inzwischen Wirtschaftsminister. In dieser Funktion darf er die Industriebosse nicht zu sehr verärgern. Und als Sozialdemokrat, der Kanzler werden will, muss er obendrein die Gewerkschaften bei der Stange halten. Das alles verdonnert Gabriel zu faulen Kompromissen.

"Nö!", antwortet der SPD-Chef am Montagmorgen im Willy-Brandt-Haus nur, als er gefragt wird, ob er Kraftwerke zwangsweise abschalten wolle. Dann schweigt Gabriel und guckt genervt ins Publikum. Schließlich sagt er: "Ich mache keinen Vorschlag zur Abschaltung von Kraftwerken." Ende der Durchsage.

Dabei tobt in diesen Tagen um die Kohle der wichtigste Kampf, einer, der Gabriel noch lange begleiten wird. Der Grund: Allein durch sparsameren Umgang mit Energie, durch noch so viele neue Windräder und Solarpanels wird das Land seine Klimaziele nicht erreichen.

Gabriel will es sich nicht mit den Gewerkschaftern verscherzen

1990 stießen Kraftwerke, Fabriken, Heizungen, Autos und einige andere Emissionsquellen zusammen 1250 Millionen Tonnen Treibhausgase aus. Dieser Wert soll, so hat es Gabriel, damals noch als Umweltminister, selbst versprochen, um 40 Prozent sinken – also um etwa 400 Millionen Tonnen. Die Hälfte davon ist geschafft, es bleibt noch ein Zuviel von 200 Millionen Tonnen. Davon könnte mehr als die Hälfte in den nächsten Jahren durch bereits bestehende Vorschriften eingespart werden, zum Beispiel durch geringeren Spritverbrauch der Autos. Dennoch bleibt eine Lücke, im besten Fall sind es nur gut 60 Millionen Tonnen, sie kann aber auch auf fast 100 Millionen Tonnen wachsen. Sicher ist, dass diese Lücke sich nur stopfen lässt, wenn in Zukunft weniger von der umweltschädlichen Kohle verstromt wird. "Raus aus der Kohle", forderte der Vorsitzende des Umwelt-Sachverständigenrates bereits im Frühjahr (siehe ZEIT Nr. 18/14).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Für die SPD und ihren Vorsitzenden ist das ein heikles Thema. Er weiß zwar, dass der Strommarkt umgebaut werden muss, wenn die Energiewende gelingen soll. Er weiß aber auch, dass er sich nicht mit Gewerkschaftern anlegen sollte. Und die wollen ihre Industrien schützen.

Michael Vassiliadis ist Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie und damit nicht nur der oberste Kohlekumpel, er vertritt auch die Beschäftigten in der energieintensiven Chemieindustrie. In den vergangenen Wochen hat Vassiliadis die Abwehrfront gegen das Klimaschutzziel organisiert, nachdem ihm klar wurde, dass Klimaschützer sich auf das Abschalten von Kohlekraftwerken eingeschossen hatten. Er ließ Kumpels zu Demos karren und machte Front gegen zu ambitionierte Klimaziele. "Unsere Kollegen bezahlen unausgegorene Experimente gleich zweifach, mit der Stromrechnung und mit dem Arbeitsplatz!", rief er in Leverkusen 8.000 Kollegen zu. Die johlten.