In wahnsinnigen Zeiten ist das Normale eine Nachricht: Tunesiens Parlamentswahl vor einem Monat hat die Mehrheitsverhältnisse verändert. Die erste Runde der Präsidentschaftswahl vom vergangenen Sonntag brachte ein knappes Ergebnis. Die Stichwahl im Dezember wird spannend. Gleichwohl können sich die konkurrierenden Lager eine große Koalition vorstellen. So weit, so normal.

Und doch. Vor bald vier Jahren siegte in diesem Land am Mittelmeer der erste der arabischen Aufstände, die damals noch Frühling genannt wurden. Er gab das Signal, dem andere Länder folgten. Sie ertranken im Blut, Tunesien aber blieb stabil.

Und das ist außerordentlich, ist alles andere als normal. Revolutionen, in denen sich die Gemäßigten behaupten, sind seltener als dreihöckrige Kamele; die beiden großen europäischen Revolutionen 1789 und 1917 zum Beispiel verliefen vollkommen anders.

Wie wurde das tunesische Wunder möglich? Das Land hat nur 10,7 Millionen Einwohner, ist strategisch unwichtig, mit wenig Naturreichtum versehen, für fremde Mächte gibt es also kaum etwas zu holen. Das allein erklärt das Wunder allerdings nicht. Wichtiger ist da schon die europäisch beeinflusste Bildung der Privilegierten, der Mittelschicht in den Küstenregionen sowie der gut organisierten Arbeiterbewegung. So tiefgläubig Tunesiens Gesellschaft auch ist, sie profitiert von der Modernisierungsphase unter dem säkularen Autokraten Habib Bourguiba, die von 1957 bis 1987 dauerte.

Für eine traditionelle Gesellschaft ist das Ergebnis erstaunlich liberal

Den Tunesiern sind außerdem die Erfahrungen in den Nachbarländern bewusst. Im Westen Algerien: Nach einem demokratischen Aufbruch setzte in den neunziger Jahren ein grausiger Bürgerkrieg zwischen Islamisten und dem nationalistischen Militär ein, an dessen Ende Erstarrung stand, sie hält bis heute an. Und im Osten Libyen, das derzeit in Bandenkriegen untergeht, sowie Ägypten, wo die Konterrevolution der Generäle das Chaos durch eine Diktatur ersetzt hat. Böse Beispiele. Revolutionen sind riskant.

Aber die Tunesier handelten besonnen. Sie verjagten den Diktator Ben Ali und seine Kleptokraten, die Institutionen indes zerschlugen sie nicht, sie zwangen diese vielmehr dazu, sich der neuen Zeit zu beugen. Sodann handelten die Tunesier eine Verfassung aus: Gestritten wurde in aller Öffentlichkeit – auch das ein Novum – über den politischen Status des Islams und darüber, was gesagt werden darf und was nicht. Für eine traditionelle Gesellschaft ist das Ergebnis erstaunlich liberal. Kontinuität, Kompromiss: Das war schon ein politisches Kunststück.

Die erste Runde der jetzigen Präsidentschaftswahl bestätigt, dass zwei Grundströmungen einander gegenüberstehen, die Säkularen und die Islamisten. Die Partei der Ersteren, Nidaa Tounes, ist ein Bündnis, dessen wichtigste Stützen die alte Elite, eine globalisierungsfreundliche Mittelschicht und die bürgerliche Linke sind. Die Islamisten wiederum, die keinen eigenen Kandidaten aufstellten, aber den bisherigen Präsidenten Moncef Marzouki favorisieren, sind volksnäher, wenn auch familiär mit den oberen Gesellschaftsschichten verbunden. Ihre Partei Ennahda durchlief einen Reifeprozess, in dem eine kompromissbereite, um nicht zu sagen republikanische Strömung obsiegte.

Nach der Revolution regierte Ennahda eine Zeit lang, scheiterte, hatte jedoch die Größe, die politische Krise des vergangenen Jahres durch einen Machtverzicht zu beenden. Wo hat man so etwas schon gesehen?

Ennahda verlor die Parlamentswahl im Oktober. Gut möglich, dass nun Béji Caïd Essebsi Präsident wird, der Kandidat der Säkularen; dann hängt es von der Klugheit des Führungspersonals beider Parteien ab, ob sich die Islamisten zurückradikalisieren werden oder nicht. Die Gefahr existiert, und leider können gerade die tunesischen Säkularen ziemlich verbohrt sein. Sie sollten sich bewusst machen, dass Ennahda den Keim eines neuen Islamismus in der arabischen Welt darstellen könnte: eines Islamismus, der Rechtsstaat und Menschenrechte achtet. Was geradezu historische Bedeutung hätte.

Das radikale Potenzial in Tunesien speist sich aus nachrevolutionärer Unzufriedenheit, etwa mit der Rückkehr einstiger Kumpane Ben Alis in lukrative Positionen, während viele Untaten des alten Regimes der juristischen Aufarbeitung harren. Immer noch existieren unkontrollierte Repressionsapparate. Die Bürokratie ist erdrückend und korrupt geblieben, die Jugendarbeitslosigkeit ist höher als vor der Revolution, und nach wie vor werden gerade jene Regionen im Landesinneren benachteiligt und betrogen, in denen die Aufstände begannen.

Dass sich drei- bis viertausend junge Tunesier nach Syrien und in den Irak begeben haben, um gegen Assad oder gar aufseiten des IS zu kämpfen, ist ein Symptom dieser Krise. Nur eben, über alles das wird in den Medien und im Parlament frei gestritten wie noch nie. Die Tunesier debattieren und demonstrieren, anstatt einander an die Gurgel zu gehen. Bisher jedenfalls.

Wir können ihnen helfen, dass es so bleibt. Die EU sollte endlich ihren Binnenmarkt für tunesische Agrarprodukte und Dienstleistungen öffnen. Außerdem haben die Tunesier mehr als zwei Millionen libysche Flüchtlinge aufgenommen, untergebracht, verköstigt; von dieser Last sollten wir ihnen einiges abnehmen. Auch unsretwegen, übrigens: Wir mögen die Tunesier bewundern, aber dass sie auch uns schätzen, das müssen wir Europäer uns noch verdienen.