Es war vor fast einem Jahr, am Silvesterabend 2013, als Julia Bayer und Miriam Klaussner mit Freunden über das sprachen, was sie ab morgen besser machen wollten: weniger Süßigkeiten, mehr Bewegung, die üblichen guten Vorsätze eben. Und sie wollten bewusster leben. "Kennt ihr den No Impact Man?", fragte Klaussner in die Runde. "Colin Beavan?" Der New Yorker hatte ein Jahr lang versucht, die Umwelt nicht zu belasten; dazu gehörte auch, auf Verpackungen zu verzichten. Beavans Lebensstil erschien ihnen zu krass, doch könnte man nicht zumindest versuchen, verpackungsfrei einzukaufen? An der Theke im Supermarkt einfach sagen: Ich nehm’s ohne? Ein paar Tage später begannen sie, den Vorsatz umzusetzen. Seitdem hat sich für die beiden einiges geändert.

Laut Statistischem Bundesamt werden jedes Jahr mehr als 16 Millionen Tonnen Verpackungsmüll eingesammelt: die Plastikfolie, in die die Aubergine eingeschweißt ist; der Karton, in dem das Müsli in einer weiteren Plastikhülle steckt; das Styropor, auf dem die Käsescheiben liegen. Dazu kommen die Plastiktüten, in denen die Einkäufe meist nach Hause getragen werden: Eine Billion Tüten kommen jedes Jahr auf der Welt neu in Umlauf, rund 90 Prozent von ihnen landen anschließend direkt im Müll. In Deutschland liegt der Pro Kopf-Verbrauch bei jährlich 65 Tüten.

Kunststoffeinkaufstüten gelangen meist gar nicht in den Wertstoffkreislauf, laut Deutscher Umwelthilfe wird in Europa nicht einmal jede zehnte Tüte recycelt. Bei anderem Müll ist das anders. Ein Großteil der in Deutschland weggeschmissenen Verpackungen wird recycelt – das aber kostet Energie. Abfälle zu vermeiden ist daher ökologisch am sinnvollsten.

Julia Bayer und Miriam Klaussner kommen beide aus dem Medienbereich, sie wollten ihre Erlebnisse teilen, daher bloggten und twitterten sie von Anfang an über ihr Experiment, zwei Freunde machten ebenfalls mit. Schon nach vier Tagen hatte ihre Seite mehr als 10.000 Klicks. "Wir haben einen Nerv getroffen", sagt Julia Bayer. Wichtig war ihnen, dass der verpackungsfreie Konsum in ihren Alltag passt, er durfte also nicht zu umständlich sein und sollte auch nicht sehr viel mehr kosten. Über Twitter fragten sie deshalb, wo sie am besten einkaufen gehen sollten.

In Köln, wo Bayer und Klaussner leben, gibt es noch keinen verpackungsfreien Laden. Anders als in Berlin, wo zuletzt Original Unverpackt für Aufsehen sorgte; inzwischen wird selbst im Bordmagazin der Deutschen Bahn über das Unternehmen berichtet, das als erster Supermarkt der Hauptstadt ohne Einwegverpackungen auskommt. Weitere Läden, die versuchen, Verpackungen zu minimieren, gibt es in Kiel und Bonn. Wie aber funktionieren sie? Kann man als Ladenbesitzer einfach auf Verpackungen verzichten?

Anderthalb Jahre hat Hilke Deinet, die Geografie studiert hat, Seminare bei der Industrie- und Handelskammer besucht, sie schrieb Businesspläne und suchte Lieferanten, die ihr größere Mengen liefern können als die handelsüblichen Portionen verpackungsfreier Ware. Die Recherche war aufwendig, die Ware bekommt Deinet nicht über den normalen Großhandel. "Die liefern höchstens ein Kilogramm, nicht mehr." Vor allem regionale Zulieferer überzeugte sie deshalb persönlich, ihr größere Mengen als üblich zu liefern. Vor einem halben Jahr dann eröffnete sie Freikost Deinet in Bonn-Duisdorf.

Das Geschäft ist an diesem Nachmittag gut besucht, alle Kunden haben Rucksäcke dabei oder Jutebeutel, die Frau, die gerade an der Käsetheke steht, hat ihre Tupperdosen mitgebracht. "Ich darf die Waren in Kundengefäße einfüllen, das ist gesetzlich okay", sagt Deinet. "Ich muss nur dafür sorgen, dass alles hygienisch ist, das ist mein Risiko."

Trockenfrüchte wie Datteln oder Pflaumen lagern in Glasbehältern, Nüsse in länglichen Plexiglasgefäßen. Auf einem Tisch in der Mitte des Ladens stehen 10-Liter-Kanister mit Glasreiniger, Geschirrspül- und Waschmittel. Rund 300 Produkte bietet Deinet lose an. Anders als herkömmliche Läden hat sie wesentlich mehr Arbeit damit, ihr Lager zu pflegen. Getreide und Trockenfrüchte beispielsweise müssen regelmäßig auf Schädlinge überprüft werden.