An einem trüben November-Vormittag torkelt eine junge Frau heimwärts. Sie hat wohl die Nacht durchgezecht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Schließlich stürzt sie, kriecht über den Bürgersteig. Nur mühsam kann sie ein Begleiter aufrichten. Ihre Kleidung ist verrutscht. Es ist sicherlich kein schöner Anblick, den da ein Unbekannter auf Video festhält.

Wenig später landet der knapp zwei Minuten lange Clip auf der Internetplattform YouTube, und der Link wird einigen Medien zugespielt. Normalerweise müsste eine derartige Denunziation im Papierkorb landen. Es geht die Öffentlichkeit nicht das Geringste an, wenn jemand schwer benebelt den Heimweg antritt und dabei eine traurige Figur macht. Kein Revolverblatt hat das Recht, dem voyeuristischen Teil seiner Leserschaft solche Nachrichten aufzutischen.

In diesem Fall landete der Hinweis auf die peinliche Szene allerdings nicht im Müll. Sondern sogar auf einer Titelseite. Die Frau, die da im Internet bloßgestellt wurde, ist nämlich in ihrer niederösterreichischen Heimatstadt politisch tätig. Kürzlich wurde sie erst gegen den Widerstand der alten Platzhirsche an die Spitze der lokalen Parteiorganisation gestellt und fiel nun wahrscheinlich einem internen Revanchefoul zum Opfer. Und die Frau ist eine kleine Funktionärin der FPÖ. Plötzlich scheinen andere Maßstäbe zu gelten. Die Hyänen vom Boulevardjournalismus pfeifen unter diesen Umständen auf Persönlichkeitsrechte. Besonders zwei Gratisblätter, die in Wien dominierende Zeitung Heute und Lokalrivale Österreich, walzten in mehreren Ausgaben den belanglosen Vorfall zum süffigen Alko-Drama aus, mit voller Namensnennung und freizügigem Abdruck der Bilder aus dem Meuchelvideo. Der Medienpranger zeigte schnell Wirkung: Der YouTube-Clip wurde mittlerweile über 220.000-mal aufgerufen, und die Frau, eine 28-jährige Elektrotechnikerin, wurde von ihrer Firma gefeuert. Ihre politische Karriere dürfte für absehbare Zeit auf Eis liegen.

Bei den Schmuddelkindern der Politik ist Schmuddeljournalismus zulässig

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Österreich-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Bislang galt in der österreichischen Medienlandschaft die Regel, dass die Privatsphäre von Politikern und anderem öffentlichen Personal gewahrt wird, solange diese nicht von den Betroffenen selbst vermarktet wird. Über Beziehungskrisen wird ebenso wenig berichtet wie über den Alkoholkonsum, auch wenn man in jeder Redaktion des Landes ganz gut Bescheid weiß, wer gerne und häufig ziemlich tief ins Glas blickt. Jedermann steht in den Medien eine Intimzone zu, niemand darf verächtlich gemacht oder bloßgestellt werden, der Blick durch das Schlüsselloch ist nicht zulässig – auch wenn er noch so verführerisch wäre und der Auflage zu Höhenflügen verhelfen würde. Natürlich halten sich die Boulevardzeitungen nicht immer sklavisch an diesen Kodex, und vor allem auf ihren Chronik-Seiten schrammen sie mitunter über die rote Linie der Persönlichkeitsrechte, insbesondere wenn dadurch das migrantische Milieu angeschwärzt werden kann. Aber verlässlich heulen bei jeder Grenzüberschreitung die Medienwächter empört auf und prangern ihrerseits das Fehlverhalten an.

Im Fall der FPÖ-Stadtobfrau von Gänserndorf blieb es allerdings – mit Ausnahme einer Glosse in der Tageszeitung Die Presse – gespenstisch still. Das legt die Vermutung nahe, dass für Freiheitliche andere Maßstäbe gelten. Bei den Schmuddelkindern der Politik scheint Schmuddeljournalismus keineswegs verwerflich, sondern angebracht. Mitunter muss dann auch ein sogenannter Leserreporter herhalten, der etwa Heute, natürlich anonym, berichtet, er hätte Heinz-Christian Strache "total besoffen" in einem Partykeller angetroffen. Der FPÖ-Obmann verklagte daraufhin die Gratiszeitung wegen dieser Behauptung. Aber auch eine kleine blaue Funktionärin, die noch dazu gar kein Mandat bekleidet, sollte nicht den rüden Methoden der Gossenzeitungen ausgeliefert sein.

Die Geschichte aus Gänserndorf, die nie hätte in die Medien kommen dürfen, illustriert den qualitativen Verfall der Boulevardmedien in einer Zeit schwindender Ressourcen. Besonders der Wiener Markt ist unter den drei auflagenstärksten Blättern, Heute, Kronen Zeitung und Österreich, hart umkämpft. Zurückhaltung ist in dieser Situation nicht angezeigt. Mehr im Affekt stürzen sich die Berichterstatter auf jedes halbwegs marktschreierische Thema, ohne lange zu überlegen, ob ihre mediale Neugierde nicht fehl am Platz ist.

In die Privatsphäre ihrer Gönner aus der Politik wagen sich die Teufelsreporter allerdings nicht. Alle drei Massenblätter sind großzügig von der öffentlichen Hand mit Anzeigenmillionen angefüttert worden und schon allein deshalb einem gewissen Wohlverhalten ihren Mäzenen gegenüber verpflichtet.

Bei Freiheitlichen, wo nur wenig zu holen ist, sieht die Sache allerdings anders aus.