Heinz Strunk empfiehlt: J. M. Coetzees Schande

Karg, kalt, meisterlich

Nur sehr selten kommt es im Erwachsenenalter noch vor, dass man ein Buch zur Hand nimmt und bereits nach der ersten Seite weiß: Das ist es. Vor zehn Jahren ist mir das mit Schande (Disgrace) passiert, für das der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee 1999 mit dem Booker Prize und 2003 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Völlig zu Recht.

Die Geschichte spielt im Südafrika der Post-Apartheid-Ära. Literaturprofessor David Lurie, ein einsamer Mann, der durchdrungen ist von der Empfindung der Sinnlosigkeit seiner Existenz, den Romanfiguren von Houellebecq nicht unähnlich, fällt nach dem Bekanntwerden einer Affäre mit einer seiner Studentinnen in Ungnade und zieht nach der daraus resultierenden Entlassung auf die Farm seiner lesbischen Tochter Lucy in der Provinz Ostkap.

Die Geschichte ist trostlos, düster, bestürzend, beunruhigend, mit einem völlig überraschenden und, wie ich finde, genialen Ende. Coetzee ist es gelungen, in einer oberflächlich einfachen Handlung komplexe Themenstränge so zu verknüpfen, dass es mir auch beim wiederholten Lesen den Atem verschlägt. Mehr geht nicht!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Erzählt wird aus der Perspektive von Lurie, in einer so unpathetischen, schnörkellosen, kargen, ja kalten Sprache, wie ich sie vorher noch nie vernommen habe.

Was man jetzt vielleicht nicht für möglich hält: Der Roman ist höchst unterhaltsam und spannend. Das auch noch. Ich würde sagen: Mehr kann Literatur nicht leisten. Hier führt ein Meister vor, was eine zwingende Idee und herausragendes erzählerisches Talent in Verbindung mit Handwerk und Materialbeherrschung leisten können: Im letzten Jahr des ausgehenden Jahrhunderts ist Coetzee der Jahrhundertroman gelungen.

J. M. Coetzee: Schande Roman; a. d. Engl. v. Reinhild Böhnke; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006; 352 S., 10,– €

Heinz Strunk *1962. "Fleisch ist mein Gemüse" machte ihn berühmt.