Heinz Strunk empfiehlt: J. M. Coetzees Schande

Karg, kalt, meisterlich

Nur sehr selten kommt es im Erwachsenenalter noch vor, dass man ein Buch zur Hand nimmt und bereits nach der ersten Seite weiß: Das ist es. Vor zehn Jahren ist mir das mit Schande (Disgrace) passiert, für das der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee 1999 mit dem Booker Prize und 2003 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Völlig zu Recht.

Die Geschichte spielt im Südafrika der Post-Apartheid-Ära. Literaturprofessor David Lurie, ein einsamer Mann, der durchdrungen ist von der Empfindung der Sinnlosigkeit seiner Existenz, den Romanfiguren von Houellebecq nicht unähnlich, fällt nach dem Bekanntwerden einer Affäre mit einer seiner Studentinnen in Ungnade und zieht nach der daraus resultierenden Entlassung auf die Farm seiner lesbischen Tochter Lucy in der Provinz Ostkap.

Die Geschichte ist trostlos, düster, bestürzend, beunruhigend, mit einem völlig überraschenden und, wie ich finde, genialen Ende. Coetzee ist es gelungen, in einer oberflächlich einfachen Handlung komplexe Themenstränge so zu verknüpfen, dass es mir auch beim wiederholten Lesen den Atem verschlägt. Mehr geht nicht!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Erzählt wird aus der Perspektive von Lurie, in einer so unpathetischen, schnörkellosen, kargen, ja kalten Sprache, wie ich sie vorher noch nie vernommen habe.

Was man jetzt vielleicht nicht für möglich hält: Der Roman ist höchst unterhaltsam und spannend. Das auch noch. Ich würde sagen: Mehr kann Literatur nicht leisten. Hier führt ein Meister vor, was eine zwingende Idee und herausragendes erzählerisches Talent in Verbindung mit Handwerk und Materialbeherrschung leisten können: Im letzten Jahr des ausgehenden Jahrhunderts ist Coetzee der Jahrhundertroman gelungen.

J. M. Coetzee: Schande Roman; a. d. Engl. v. Reinhild Böhnke; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006; 352 S., 10,– €

Heinz Strunk *1962. "Fleisch ist mein Gemüse" machte ihn berühmt.

Ildikó von Kürthy empfiehlt Friedrich Torbergs "Die Tante Jolesch"

Wehmut kann lächeln

Ach, dieses wunderbare Buch. In meinem Regal stehen zwei Ausgaben der Tante Jolesch. Die eine hat, vor nun bald drei Jahrzehnten, acht Mark achtzig gekostet, die andere, vor ein paar Jahren, acht Euro. Das eine Buch riecht, wie alte Bücher immer riechen werden, die Seiten sind ansehnlich vergilbt, es hat, obschon sicherlich dutzendfach gelesen, keine Eselsohren, keinen beanspruchten Rücken und nur wenige, wie man bei eBay schreiben würde, "Gebrauchsspuren". Meine Mutter war Bibliothekarin und hat alle Bücher sorgsam behandelt, einige hat sie geliebt. Und dieses ganz besonders.

Das andere Buch ist vom Leben stärker gezeichnet. Es hat manche Nacht aufgeschlagen verbracht, womöglich eingeklemmt zwischen zwei Kissen, und ich habe mit verschiedenfarbigen Stiften, so, wie sie gerade zur Hand waren, meine Lieblingspassagen darin unterstrichen oder umkringelt oder dort einfach die Seite an der oberen Ecke umgeknickt.

Meine Mutter würde mir verzeihen, denke ich, denn ich würde ihr sagen, dass meine Liebe Spuren hinterlässt, ähnlich wie bei fadenscheinig gekuschelten Stofftieren und Lesesesseln. Ich finde, man darf Büchern ansehen, dass sie immer und immer wieder verschlungen worden sind, dass man die besten Stellen darin nicht vergessen und schnell wiederfinden möchte.

Diese zum Beispiel: "Gnädige Frau, für platonische Liebe bin ich impotent." Oder: "Ein unverlässlicher Mensch. Er lügt so, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist." Oder, aus dem Geleitwort des Verfassers: "Dies ist ein Buch der Wehmut. Wehmut kann lächeln. Trauer kann es nicht."

Ich verschenke dieses Buch sehr selten. Nur, wenn ich jemanden finde, der es verdient hat. Der bekommt dann meine viel benutzte Ausgabe. Vielleicht zu diesem Weihnachten, das wäre schön. Und dann kaufe ich mir ein neues duftendes Exemplar und fange wieder von vorne an, zu zerlesen und zu unterstreichen und zu hoffen, dass ich es bald verschenken kann.

Das andere, das alte Buch ist mein Buch der Wehmut. Ich traue mich kaum, es anzufassen. Aber es anzulächeln, das geht.

Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch; dtv, München 1977; 304 S., 8,90 €

Ildikó von Kürthy *1968. Zuletzt erschien ihr Roman "Sternschanze"

Clemens Setz empfiehlt Michel Fabers "The Book of Strange New Things"

Ist es eine Satire? Nein

Wenn man den Inhalt in einem Satz zusammenfasst, verdrehen viele Menschen die Augen: Peter Leigh, ein englischer Geistlicher, wird von USIC, einer amerikanischen Kolonialgesellschaft, auf einen anderen Planeten geschickt, um den Einheimischen dort die Heilige Schrift näherzubringen. – Ja, ich weiß. Normalerweise hätte ich ganz ähnlich reagiert. Wie soll so ein Roman aussehen? So etwas kann nur eine alberne Satire werden. Aber der Autor ist Michel Faber, dieser einzigartig scheue, exzentrische Dichter, der in einem winzigen ehemaligen Provinzbahnhof bei Inverness wohnt und 23 Jahre lang allein für sich an einem 1400-seitigen Epos über eine Prostituierte im viktorianischen London arbeitete, dem späteren Kultroman The Crimson Petal and the White. Er wollte eigentlich niemals etwas veröffentlichen, bis seine Frau Eva Youren ihn dazu überredete. Ihr zuliebe erschienen seine Bücher, und sie wurden Welterfolge, sein Roman Under the Skin wurde vor Kurzem von Jonathan Glazer in ein rätselhaftes Sci-Fi-Ballett mit Scarlett Johansson verwandelt. Und nun dieses Buch, eine Alien-Missionar-Story. Ist es eine Satire? Nein. Christliche Erbauungsliteratur? Weit davon entfernt. Ich würde eher sagen, es ist eine Studie menschlicher Interaktionen und Hoffnungen in einem Kontext vollkommener Vergeblichkeit. Das Buch lässt den Leser mit zerzauster Seele zurück, doch zugleich beglückt und verzaubert. Es wird Fabers letzter Roman sein. Seine Frau Eva ist vor Kurzem gestorben. The Book of Strange New Things ist ein Abschied, nicht nur von ihr, sondern auch vom bisherigen Leben, von Gewissheiten, vom Universum.

Michel Faber: The Book of Strange New Things; Random House/Hogarth, New York 2014; 512 S., 28,– $, als E-Book 13,99 $

Clemens J. Setz *1982. Erhielt 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse für "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes"

Katja Petrowskaja empfiehlt Ivan Turgenevs "Klara Milič"

Ein Hauch des Jenseits

"Ich habe eine Novelle ziemlich sonderbarer Art geschrieben" – staunte Iwan Turgenev. Diese seine letzte Erzählung (1882) flimmert zwischen romantischen Schemen, Naturalismus und eigensinniger Mystik und trägt in sich den Hauch des Jenseits. In einem Musiksalon in Moskau begegnen sich die Sängerin Klara Milič und der Privatgelehrte Jakov Aratov. Klara scheint ihn sofort zu "erkennen", denn Liebe ist eine Erkenntnis. Hier entfaltet sich eines der beliebtesten Sujets der russischen Literatur (von Puschkin bis zum frühen Nabokov): die Geschichte vom "Nicht-Treffen" zweier Liebender. Die Frau steht zu ihrer Liebe, wie zum Credo. Der Mann ist aber nicht bereit, und so flüchtet auch Aratov vor Klara in die Klarheit seiner einsamen Forschungen. Als er später zufällig in einer Zeitung auf einen Bericht über Klaras Tod stößt, holt ihn die Liebe gnadenlos ein. Er versucht Klara mit allen Mitteln zu fassen – eilt in die Provinz, wo sie auf offener Bühne Gift genommen hatte, und experimentiert schließlich mit dem damals neuen Medium der Stereoskopie, um ihr Abbild in den Raum zu projizieren, als wäre das Sehen und Fixieren ein Indiz der Liebe, des Besitzens selbst. In diesem sich wahnhaft steigernden Sog, dem eigentlichen Beweis der Liebe, stirbt Aratov. Und der sterbende Realist Turgenev, der sein Leben lang in die berühmte Sängerin Polina Viardot verliebt war, gelingt es in diesem letzten Text, ohne seinen physischen Schmerz mildern zu können – oder vielleicht gerade deswegen –, seinen Tod mit seiner Kunst in Einklang zu bringen.

Ivan Turgenev: Klara Milič. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg; Dörlemann Verlag, Zürich 2006; 176 S., 17,80 €, als E-Book 9,99 €

Katja Petrowskaja * 1970. Bachmann-Preisträgerin 2013. Dieses Frühjahr erschien "Vielleicht Esther"

Maxim Biller empfiehlt Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg"

Ein pazifistischer Kettenbrief

Als es mir einmal nicht so gut ging wie sonst, guckte ich keine depressiven amerikanischen Fernsehserien, sondern las lieber Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg von Jaroslav Hašek (1921). Das ging so ein paar Wochen lang, und weil das Buch tausend Seiten hat und man pro Seite mindestens drei Mal laut lachen kann, habe ich in dieser Zeit ungefähr dreitausend Mal gelacht, so oft wie nie, und danach ging es mir sogar besser als vorher.

Dabei ist Hašeks Jahrhundertroman natürlich gar nicht witzig gemeint. Komisch ist nur, wie sein Held, der Prager Hundefänger Schwejk, der den Kaiser und den Krieg hasst und als Lebensform außerdem äußerst unbequem findet, immer nur laut und begeistert Ja zum Kaiser und zum Krieg sagt. Wer so übertrieben und eilfertig wie Schwejk den Kaiser lobt und für ihn angeblich unbedingt sterben will, parodiert alle, die ganz im Ernst ans Vaterland und an den Heldentod glauben, aus Dummheit, Opportunismus oder, schlimmer noch, ganz aufrichtig. So ist dieser Roman – neben Joseph Hellers Gut wie Gold, einer furiosen Kissinger-Travestie, meinem zweiten all-time favorite – so ernst und so komisch, wie Literatur es sonst leider nie ist, und ich wäre kein Schriftsteller, wenn ich nicht hoffte, dass es mir eines Tages gelingt, auch so ein Buch zu schreiben. Vor allem wünsche ich mir aber eins: dass in Zukunft immer mehr Menschen den Schwejk lesen und ihn – wie eine Art pazifistischen Kettenbrief – weiterverschenken.

Gerade ist die tolle neue deutsche Übersetzung von Antonín Brousek bei Reclam erschienen und verschafft ihm hoffentlich schon bald bei uns neue, ungeahnte Popularität. Wie beliebt der komischste und klügste Held der Weltliteratur aber in Donezk, Luhansk und Isistan ist, weiß ich leider nicht genau – ich fürchte, dort ist er bislang nur ein paar sehr gut informierten Literaturfreunden bekannt.

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg. Aus dem Tschechischen von Antonín Brousek; Reclam Verlag, Stuttgart 2014; 1008 S., 29,95 €, als E-Book 24,99 €

Maxim Biller *1960. 2013 erschien die Novelle "Im Kopf von Bruno Schulz"

Eva Menasse empfiehlt Ulrich Bechers "Murmeljagd"

Das Buch im Abo

Mein Mann und ich leben zwischen bedrohlich vielen Büchern, und wöchentlich wandern auf unklare Weise weitere ein. Die teilweise heftigen Diskussionen zweier Schriftsteller darüber, wie viele und welche wegkönnen oder sogar müssen, wären vermutlich von Interesse, bleiben aber geheim. Umso berichtenswerter der Umstand, dass es ein ziemlich dickes Buch gleich dreimal gibt, fünfzehneinhalb nachgemessene, vollkommen verschwenderische Regalzentimeter. Es handelt sich um Ulrich Bechers Murmeljagd (1969) , einen meiner ewigen Lieblingsromane, zweimal in einer antiquarischen Rowohlt-Hardcover-Ausgabe (meine eigene und die meines Mannes, die ich ihm beim zirka dritten Rendezvous überreichte) sowie in der heldenhaften Neuauflage des Schöffling-Verlags von 2009. Ich habe es schon ungezählte Male verschenkt, aber der Heimbestand darf nicht unter drei sinken, das ist wie mit den Raben im Tower von London. Eine Zeit lang hatte ich beim Antiquar meines Vertrauens ein Becher-Abo: Jeder Becher, den er aus einer Bibliotheksauflösung rettete, wurde mir reserviert. Inzwischen, wie gesagt, ist das Buch wieder normal erhältlich, und da der Autor sowie sein Monumentalwerk immer noch schockierend unbekannt sind, empfehle und verschenke ich dieses Buch immer, immer weiter. Es ist der perfekte Geschenk-Tipp: Die Chance minimal, dass es der Beschenkte schon hat, das Lektüreglück dagegen maximal. Man kann sich auch selber damit beschenken. Glauben Sie mir: Ein komischeres, tragischeres, spannenderes, temperamentvoller geschriebenes Buch werden Sie so schnell nicht finden, Sie werden lachen und weinen, Sie werden schlaflose, staunende Nächte haben und nicht fassen, dass Sie es nicht kannten. Was wollen Sie mehr?

Ulrich Becher: Murmeljagd; btb Verlag, München 2011; 704 S., 12,99 €, als E-Book 13,99 €

Eva Menasse *1970. Zuletzt erschien ihr Roman "Quasikristalle"

Lutz Seiler empfiehlt Thomas Kunsts "Die Arbeiterin auf dem Eis"

Von Ameisen in Eishockeystadien

"Thomas Kunst vermag die Schönheit in derart lichten Worten zu zeichnen, dass man brüllen möchte vor Verlangen und Lust", schrieb Feridun Zaimoglu über Gedichte aus Die Arbeiterin auf dem Eis. Das war schon deutlich, aber noch nicht genug, denn Kunsts Gedichte gehören nicht nur für Fans, sondern auch ganz objektiv zu den schönsten, eigenartigsten, kostbarsten in der deutschen Lyrik unserer Zeit. Daher sollten Sie diese Gelegenheit nicht versäumen, weil Thomas Kunst zeigt, was Poesie sein kann, wenn sie ganz bei sich bleibt, jenseits des historisierenden, programmatischen oder anekdotischen Gedichts. Die Arbeiterin auf dem Eis erzählt von bedenklich verwildertem Selbstbewusstsein ("Ich werde so lange mit dir am Strand spazieren / gehen, bis du mich liebst"), von Ameisen in Eishockeystadien, Schlittenhunden in der Küche, von Ernstfallkassetten und von Kölnischwasser auf Spinnennetzen, zuversichtlich und beglückend absurd. Das Gedicht ist hier nicht mehr (aber eben auch nicht weniger) als eine verwegene Liebeserklärung an die Verrücktheit des Lebens: wenn das kein Geschenk ist! Für den Gedicht-Feinschmecker: Thomas Kunst ist der Großmeister des Sonettenkranzes im 21. Jahrhundert. Die Arbeiterin auf dem Eis enthält allein drei dieser Kränze, denen der hohe formale Anspruch niemals anzumerken ist. "Wir lieben uns, falls wir uns wiedersehen" – so wird es Ihnen, lieber Leser, einmal ergehen mit den Büchern Thomas Kunsts.

Thomas Kunst: Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte und Briefe; edition AZUR, Dresden 2013; 136 S., 22,– €

Lutz Seiler * 1963. Gewann 2014 den Deutschen Buchpreis für "Kruso"

Karen Köhler empfiehlt von jedem etwas

Raus aus der Pony-Ecke

Ich kaufe dieses Jahr einfach allen aus der Familie zu Weihnachten ein Buch: Hallo, Mama, hallo, Papa, hallo, Familienrest, bitte umblättern ...

Meine Großeltern bekommen von mir Das Allerletzte, ein wunderschön gestaltetes Buch über den Tod. Wir sprechen oft über ihn. Darum. (Marc Ritter/Tom Ising, Riemann Verlag, 384 S., 22,99 €)

Mein Vater hat im Alter das Kochen für sich entdeckt. Er fabriziert asiatisch anmutende Gerichte, von denen er behauptet, sie seien thailändisch. Er bekommt Thailand. Das Kochbuch von Jean Pierre Gabriel ( Phaidon, 528 S., 39,95 €). Meine Mutter mag dicke Bücher, die sie verschlingen kann. Nino Haratischwilis Das achte Leben (Für Brilka) ( Frankfurter Verlagsanstalt, 1280 S., 34,– €) liegt bei mir zwar noch ungelesen neben dem Bett, aber ich vermute, es wird ihr gefallen. Es ist dick. Es kommen Frauen drin vor. Es ist verschlingbar. Meine Schwester liest wenig und immer nur Kurzes. Keine Zeit, keine Zeit, drei Kinder. Ich versuche es mit dem Survival Guide von James Shepherd-Barron. (Everything that follows ... Professional Survival Solutions; Penguin Verlag, 208 S., GBP 9,99). Mein Schwager ist Engländer. Er bekommt von mir den kleinen zweisprachigen Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 (Kiwi, 160 S., 8,– €).

Und für beide zusammen: Hate Mail von Mr. Bingo (Penguin, 208 S., GBP 9,99). Mr. Bingo hat Leuten illustrierte Hass-Postkarten geschickt. Super lustig. Meiner großen Nichte, endlich ist sie alt genug, schenke ich Neil Gaimans Graveyard Book (Harper Collins, 320 S., USD 17,99). Irgendwer muss sie doch aus der Pony-Ecke retten. Mein Neffe bekommt Alle Welt. Das Landkartenbuch von Aleksandra Mizielinska (Moritz Verlag, 112 S., 26,– €). Kleiner Junge. Landkarten. Ist klar, oder? Und die Kleinste: Pipi Longstocking der Lindgren-Klassiker, illustriert von der wunderbaren Lauren Child (Oxford Children’s Books, 208 S., GBP 14,99). Uff. Bleibt noch mein Freund. Er bekommt Wahre Monster von mir (Matthes & Seitz, 349 S., 38,– €). Das Buch von Caspar Henderson trägt im Original den Titel: The book of barely imagined beings.

I can barely imagine Weihnachten without books.

Karen Köhler *1974. Diesen Herbst erschien ihr Debut "Wir haben Raketen geangelt"

Monika Maron empfiehlt Paul Colliers "Exodus"

Einwanderung – aber maßvoll

Dieses Buch würde ich sogar denen, vielleicht sogar vor allem denen schenken, die von mir gar kein Geschenk bekommen; denen, die Einwanderung für ein fragloses Grundrecht jedes Erdenbürgers, Einheimische für einen zukunftsverhindernden Störfaktor und Nationen für das Grundübel unserer Zivilisation halten. Paul Collier, dessen Großvater Karl Hellenschmidt vor dem Ersten Weltkrieg nach England auswanderte und dessen Vater, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, sich in Charles Collier umbenannte, ist Professor für Ökonomie und Direktor des Centre for the Study of African Economies an der Universität Oxford.

Collier analysiert nicht nur die ökonomischen Folgen der ungesteuerten Migrantenströme, die für die Zurückgebliebenen in den Herkunftsländern besonders verheerend sind, sondern er beschreibt auch die Folgen für die aufnehmenden Gesellschaften, deren Vertrauenskapital zu schwinden droht, wenn Migranten aus dysfunktionalen Sozialsystemen das Grundverständnis des Zusammenlebens in entwickelten Gesellschaften unterlaufen. Für Collier ist die Frage nicht, ob Einwanderung gut oder schlecht ist, sondern welches Maß das beste ist, um die nationale Solidarität und Rücksicht nicht durch eine nicht mehr integrierbare Vielfalt zu gefährden. Im Gegensatz zur verbreiteten Geringschätzung der Nationen sind für Collier "die Nationen keine egoistischen Hindernisse für eine Weltbürgerschaft, sondern buchstäblich unsere einzigen Systeme, die öffentliche Güter bereitstellen".

Dieses Buch bietet Diskussionsstoff für das ganze Jahr 2015.

Paul Collier: Exodus. Warum wir die Einwanderung neu regeln müssen; aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt; Siedler Verlag, München 2014; 320 S., 22,99 €, als E-Book 18,99 €

Monika Maron *1941. Zuletzt erschien ihr Roman "Zwischenspiel"

Sherko Fatah empfiehlt David Vanns "Goat Mountain"

Nichts für Frauen

Da ich insgeheim davon ausgehe, alles Wichtige sei ohnehin schon geschrieben und seit einer Generation mache nur noch das Kleinvieh seinen Mist (davon aber reichlich), ist das Antiquariat der Ort für mich. Ab und an allerdings werde ich mit der Notwendigkeit konfrontiert, aktuelle Bücher kaufen zu müssen. Zuweilen, wie in diesem Jahr, folgen Termine einander, die mich der Lawine von Neuerscheinungen aussetzen: Frankfurter Buchmesse und Weihnachten. Missmutig schleiche ich an endlosen Bücherregalen entlang: Mein Beruf ist sinnlos. Ich sehe hauswandgroße Buchattrappen mit zu allem Überfluss auch noch abgekupferten Buchtiteln und im Laden die unvermeidlichen Büchertischpyramiden mit der Saisonware. Jetzt heißt es, sich auf die Spürnase zu verlassen. Bei einem Amerikaner werde ich fündig. Bestimmt nicht besonders, denke ich gleich nach den ersten vier Seiten, springe weiter. Er reflektiert, wo er besser erzählt hätte. Aber Amerikanern nimmt man das nicht übel, zumal sie ja sogar in ihren Filmen herumphilosophieren, als gebe es dafür einfach keinen anderen Ort mehr. "Ist schon Männerliteratur", sagt die Buchhändlerin, und es hört sich wie eine Warnung vor Schund an. David Vann hat mit Goat Mountain kein Buch für Frauen geschrieben. Verkaufstechnisch riskant. Mir fällt jener Konferenzsaal in Frankfurt ein, in dem die Literaturagenten wie auf einem Viehmarkt feilschten. Es ging, man konnte das fühlen, um real money, ganz sicher wurde mit Lizenzen für Bücher amerikanischer AutorInnen gehandelt. Noch im Buchladen befällt mich wieder der Ärger: Immer diese Piefke-entdeckt-die große-Welt-Mentalität auch der intellektuellen Deutschen, denen ein aufmerksamer Beobachter bereits vor hundert Jahren die Neigung zur "Fremdanbetung" nachsagte. Genau so ist es, dachte ich, lieber Henry als Heinrich, lieber Queens als Kreuzberg. Provinzialismus.

Trotzdem ist David Vanns Roman mein Weihnachtsbuch für wenige, denen es zum Fest der Liebe überhaupt zuzumuten ist. Es erzählt die düstere Geschichte eines Jungen, dem diejenigen, die ihn zum Jagen erzogen haben, die Regeln des Tötens nicht einsichtig machen können. Unerbittlich treibt Vann diese ausweglose Geschichte voran, beweist nebenher die Sinnlosigkeit des Ideals der Great American Novel und kann hier und da auch durch seine religionsphilosophischen Exkurse überzeugen. Sie gipfeln in folgender Einsicht: "Die Bibel hat nichts mit Gott zu tun."

David Vann: Goat Mountain. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow; Suhrkamp Verlag, Berlin 2014; 270 S., 22,95 €, als E-Book 19,99 €

Sherko Fatah *1964. Diesen Herbst erschien sein Roman "Der letzte Ort"

Martin Mosebach empfiehlt Nicolás Gómez Dávilas "Scholien zu einem inbegriffenen Text"

Das Schroffe hat auch seine Vorteile

Wenn ich mir überlegen soll, welches Buch von Gewicht ich verschenken würde, muss ich zunächst einen Umriss der Person entwerfen, die beschenkt werden soll, jemanden erfinden, den ich gern beschenken würde. Anspruchsvoll soll die Person sein, vieles kennend, selten zufrieden nach Lektüre. Sie sollte gern langsam lesen und dazu neigen, nach ein paar Sätzen das Buch sinken zu lassen und über sie nachzudenken – vielleicht auch noch über manches, das à propos eingefallen ist –, und dann noch einmal zu lesen beginnen. Sie sollte einen empfindlichen Geschmack haben – keinen prätentiösen, keinen preziösen, keinen kollektiven und keinen zu privaten, Geschmack eben. Sie sollte eine ästhetische Schwäche für gesunden Menschenverstand haben; sich bei zu viel Abstraktionen langweilen; sie soll das Alte lieben, vor allem, wenn es in überraschend neuer Maske erscheint. Sie soll von dem, was so allgemein gesagt und gedacht wird, eher unbeeindruckt sein; sie soll das Paradox lieben; sie soll sprachliche Schönheit als Selbstverständlichkeit für ein lesenswertes Werk betrachten, weil sie ein Zeichen dafür ist, dass der Autor über seine Sätze nachgedacht hat. So sollte der Leser beschaffen sein, dem ich die Scholien des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila (1913 bis 1994) gern schenkte, in der Hoffnung, dass sie nicht in der langen Bücherreihe der Regale eingeordnet schlafen, sondern zu jahrelangen Begleitern werden mögen. Sind die Scholien ein Buch für Männer oder Frauen? Goethe hat seine schönsten Aphorismensammlungen zwei Frauen zugeordnet, den Damen Ottilie und Makarie, aber ich höre, dass Frauen Aphorismen nicht so sehr schätzten, die von Gómez Dávila schon gar nicht – die seien zu schroff, zu frostig, zu anmaßend. Und das stimmt auch zum Teil, aber es hat Vorteile. Wer Zugang zu den Scholien gefunden hat, gewinnt viel Lebenszeit – mit den Männern, die sie ablehnen, braucht er sich nie wieder zu unterhalten. Dass sich diese Regel auf Frauen nicht anwenden lässt, würde niemand bereitwilliger konzedieren als Gómez Dávila selbst.

Nicolás Gómez Dávila: Scholien zu einem inbegriffenen Text. Aus dem Spanischen von Th. Knefeli und G. R. Siegel; Karolinger Verlag, Wien/Leipzig 2006; 600 S., 37,90 €

Martin Mosebach *1951. Büchnerpreisträger. Dieses Frühjahr erschien sein Roman "Das Blutbuchenfest"

Friederike Mayröcker empfiehlt Jacques Derridas "Glas"

Es liegt nachts auf meinem Kopfkissen

"ich meine es nimmt mich wunder seit etwa 6 1/2 Jahren lese ich in GLAS von Jacques Derrida. Das Buch ist zerlesen sein Leim oder Leib hat sich aufgelöst es ist empfindlich wie Glas : eine Lieblingsfarbe (vorher war es DIE POSTKARTE von Jacques Derrida in welcher ich täglich las. Weil ich sie immer wieder verlegte, muszte ich sie 3 x wiederkaufen etc.) Aber zurück zu GLAS was Totenglocke heiszt. Ich erlebe Wunder mit GLAS was mein Schreiben angeht: ich schlage das Buch z.B. auf Seite 142 auf und erblicke 3 Kolumnen geheimnisvoller Texte. Links die Anstrengung v.Hegel, mittig das Zitat eines Jean Genet Textes ("wie ein Tagebuch eines Diebes, das man in allen Richtungen wird durchlaufen müssen, um dort alle Blumen abzuschneiden oder einzusammeln") und rechts, in Kursivdruck, nierenwärts, nochmals ein Zitat von Jean Genet. Nun ja, GLAS ist mein Morgengebet : ein Wort eine Wortfolge macht, dasz ich anfange in mein Zeichenheft zu schreiben : ich lasse mich anstecken von dieser Sprache ich erbreche mich ich erbreche Gemüt und Gedanken in höchster Erregung etc. Auf Seite 289 endet das Buch mittendrin mit dem Wörtchen "von" : ein herzzerreiszender Abschied. Ich fange an das Buch nochmals zu lesen, es liegt nachts auf meinem Kopfkissen und ich liebe es ..... doch doch diese Autofahrt nach Hause : sanft wie wenn ein Schlitten über festgefrorenen Schnee. Es ist das Honiglecken es ist das Geweihte es ist der Duft dieses Buches es ist ein Taumel von Sprache. Zu meinen Füszen die kl.Rosen es war 5 und ich wollte den Schlaf beenden um weiterzuschreiben,"

Jacques Derrida: Glas. Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek und Markus Sedlaczek; Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2006; 320 S., 60,– €

Friederike Mayröcker *1924. Zuletzt erschien von ihr der Band "Cahier"

Saša Stanišić empfiehlt Barry Hannahs "Airships"

Genug Strom für die Festbeleuchtung

Barry Hannah hat zwölf Bücher geschrieben, die sind, glaube ich, nicht alle grandios, aber die Mehrheit ist grandios, all seine Erzählungen sind es, gut, vielleicht nicht grandios grandios, aber wirklich mindestens sehr gut, die Bände heißen Airships oder Bats out of Hell, und auch wenn Sie sonst die Schüchternheit deutscher Verlage gegenüber der kurzen Form "irgendwie nachvollziehen können" und gar dem deutschen Buchhandel glauben, wenn er sagt, Erzählungen seien bloß kleine, nervige Schwestern des großen Romans (mit verkaufsträchtigem Hut, falls der den dt. Hutpreis gewonnen hat), sie laufen nur doof rum und stören unsere Hape-Kerkeling-Riesenbücherpyramide, ist das a) Blödsinn und kennt b) der deutsche Buchhandel wohl Hannah nicht, weil hätte er auch nur eine Erzählung aus seiner grandiosesten Sammlung Airships gelesen, dann würde er dort, wo er jetzt Selbsthilfebücher zum besseren Verständnis des Darms oder der Börse ausstellt, Airships von Barry Hannah ausstellen und das Regal beschriften mit "Grandiose Selbsthilfeprosa zum besseren Verständnis der Welt, so zärtlich, so hart, so klug und unvernünftig und komisch", aber der Buchhandel macht so was nicht, weil er überleben will, wie fast alles überleben will, den Wunsch kann man niemandem übel nehmen.

Und obwohl ich Weihnachten weder vehement wie "echte Christen" feiere noch behutsam aufgeklärt wie Atheisten oder Christen-Normalos, die den Vogel "nur den Kindern zuliebe braten, damit die nicht blöd angemacht werden in der Schule", ich mich also der Bescherung naiv verwehre, werde ich auch dieses Jahr dennoch heimlich den einen oder anderen Hannah verschenken.

Konkret: Airships. Abstrakt: Erzeugten Geschichten Strom, Airships würde eine deutsche Kleinstadt auch an Weihnachten locker mit genug Magie versorgen können.

Barry Hannah: Airships; Grove/Atlantic Inc., New York 1994; 209 S., 10,19 €

Saša Stanišić * 1978. Gewann mit "Vor dem Fest" dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse

Helene Hegemann empfiehlt den San Francisco Sound

Wirkliche Verbrecher

Es gibt reizvollere Geschenke als Taschenbücher – zum Beispiel die 2007 von Rhino Records veröffentlichte Multimediabox Love Is The Song We Sing, in der es um den sogenannten San Francisco Sound und psychedelische Rockmusik aller Schattierungen von 1965 bis 1970 geht. Das Hardcoverbuch hat 120 Seiten, ist voll mit Vintagefotos der Bands und deren Entstehungs-, Erfolgs- oder Unglücksgeschichten; der von Teddy and his Patches zum Beispiel, 1966 gegründet in der drittgrößten Stadt Kaliforniens von einem 16-Jährigen. Der hieß Teddy, hatte als Kind ein Auge verloren und lief deshalb mit einer Augenklappe rum. Er und drei Freunde begannen, parallel zu vielen anderen Menschen an der amerikanischen Westküste, R-&-B-beeinflussten Garage-Rock auf der Basis britischer Bands wie den Yardbirds und den Animals zu spielen. Fast genau zur selben Zeit nannten sich fünf gleichaltrige Schulabbrecher an der Ostküste The Groupies, im Gegensatz zu Teddy und seinen von ihren Vätern gemanagten Bandkollegen waren das wirkliche Verbrecher, gut aussehend, arrogant, musikalisch irgendwie unverschämt und bereits mit 16 in der Lage, durch lässige Nachahmungen Mick Jagger in den Dreck zu ziehen. Trotz des Ausbleibens eines wirklichen Hits galten sie kurzzeitig als eine der wichtigsten Bands New Yorks, das müssen unfassbare Liveperformances gewesen sein. Irgendwann sollten die Jungen ihren ersten Major-Plattenvertrag in Philadelphia unterschreiben, tauschten die Tickets am Flughafen jedoch um und flogen stattdessen nach Los Angeles, um da völlig durchzudrehen. Diese Entscheidung gilt als das folgerichtige Ende ihrer Karriere durch Disziplinlosigkeit und wird bereits in ihrem einzigen veröffentlichten Song Primitive prophezeit – der ist nirgendwo anders mehr zu finden als auf einer der 4 CDs, die Love Is The Song We Sing beinhaltet.

Auf den CDs sind außer den Songs von The Jefferson Airplane, The Grass Roots, The Grateful Dead und Santana auch viele andere, nie veröffentlichte Raritäten diverser Garage-Bands. Das sind fast 100 Lieder, die ich seit Jahren regelmäßig höre und liebe.

Viel interessanter als handelsübliche Prosa und ein ergiebigeres Geschichtsdokument als jede Woodstock-Dokumentation. Ideales Präsent für Späthippies, profilierungswütige Musikinteressierte, Stiefeltern unter 70 und Teenager, die überzeugt sind, dass in den Sechzigern alles besser war!

Love Is The Song We Sing: San Francisco Nuggets 1965 – 1970. 4 CDs, Rhino/Warner Music 2007; ab 55,33 €

Helene Hegemann *1992. Wurde mit ihrem heiß diskutierten Debüt "Axolotl Roadkill" (2010) berühmt

Olga Grjasnowa empfiehlt Nino Haratischwilis "Das achte Leben"

Die Sowjetunion lebt fort

Natürlich ist es ein wenig dreist, jemandem zu Weihnachten einen Roman zu schenken, der fast 1300 Seiten lang ist. Doch Das achte Leben von Nino Haratischwili ist ein einmaliges und herausragendes Buch. Es ist sogar das erste Buch in deutscher Sprache, das ich meiner Mutter schenkte. Sie spricht zwar fließend Deutsch, zieht es aber vor, Belletristik auf Russisch zu lesen.

Nino Haratischwili erzählt ein ganzes Jahrhundert russischer, sowjetischer und georgischer Geschichte am Beispiel der Familie Jaschi, in der sich sowohl regimetreue Kommunisten als auch Dissidenten tummeln. Mehrere Generationen scheitern an sich selbst, den unterschiedlichen Systemen, der Familie und der Liebe. So werden auch die wenig aufgearbeiteten Jahre Georgiens in den neunziger Jahren erzählt. Eine dunkle Epoche in der Geschichte des Kaukasus. Leider ist es auch die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, weshalb mir dieses Buch so sehr am Herzen liegt.

Das Buch ist schonungslos ehrlich, historisch wahrhaftig und gut recherchiert. Nino Haratischwili vermag nicht nur Gefühle und Mentalitäten zu beschreiben, sondern auch geschichtliche Fakten, die in unserer Zeit gerne unter den Teppich gekehrt werden.

Wir glauben oft, die Sowjetunion sei zugrunde gegangen – und vergessen, wie tief sie sich in das Bewusstsein und die Erziehung so vieler Generationen und Länder eingegraben hat, nicht nur im postsowjetischen Raum, sondern auch im arabischen und afrikanischen, in Nordamerika und in Europa. Sie lebt fort in den Familien der Emigranten und auch derer, die einst in der UdSSR studiert haben. Das achte Leben ist ein Schlüsselwerk, das vieles erklärt. Wenn Sie Russland verstehen möchten oder auch nur Ihre Nachbarn, lesen Sie bitte dieses Buch. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, sie werden keine einzige Minute bereuen. Versprochen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka); Frankfurter Verlagsanstalt 2014; 1280 S., 34,– €

Olga Grjasnowa *1984. Diesen Herbst erschien ihr Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe"

Sibylle Lewitscharoff empfiehlt Gertrud Leuteneggers "Panischer Frühling"

Kinderphantasmen im Erwachsenenkopf

Buchzauber vom Allerfeinsten! Eine wunderbar poetische und zugleich federnde Sprache, ein Driften durch London, Zufallsbegegnungen unter Fremden, auch eine gewisse Verlorenheit der einsamen Spaziergängerin in der unbekannten Riesenstadt bei gleichzeitiger Rückkehr kristallscharfer Erinnerungen an die Kindheit, sommers verbracht in einem geräumigen Haus des Onkels in den Schweizer Bergen. Kinderphantasmen fliegen durch die Zeit und durch die Lüfte, um einen Erwachsenenkopf zu besiedeln. Mit staunenswerter Plastizität, scheinbar federleicht, ist das zu Papier gebracht. Selten habe ich ein Buch auf Anhieb so sehr ins Herz geschlossen. Einen leuchtenden, schwirrenden Hallraum behält es in meiner Erinnerung.

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling; Suhrkamp Verlag, Berlin 2014; 221 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €

Sibylle Lewitscharoff *1954. Büchnerpreisträgerin. Zuletzt erschien der Krimi "Killmousky"

Michael Krüger empfiehlt Gedichtbände

Mit Gedichten atmen lernen

"In den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft" – das ist der letzte Satz aus den Traurigen Tropen von Claude Lévi-Strauss (Suhrkamp)– in diesen wenigen Momenten, da man nicht an die Lebensversicherung, fallende Zinsen oder eine neue Waschmaschine denkt, sollte man Gedichte lesen.

Diese Gattung erfindet sich immer neu, sie überrascht und beglückt, Gedichtbände passen in jede Tasche, die einen dicken Roman kaum erträgt, man kann damit angeben, aber vor allem: Man lernt mit ihnen wieder atmen. Das ganze Jahr über habe ich hundert Gedichtbände gelesen, die meisten mit Freude. Gerade eben Marcel Beyers fabelhaften Band Graphit (Suhrkamp, 207 S., 21,95 €); gestern die neue Übersetzung von Hesiods Theogonie (übersetzt von Raoul Schrott; Hanser, 224 S., 19,90 €), das erste Gedicht, das den Göttern schriftlich ihren Platz anweist; die neue Ausgabe von Pessoas Gedichten Er selbst (aus dem Portugiesischen von Inés Koebel; S. Fischer, 336 S., 26,99 €) wird in täglichen Dosen aufgenommen, wie eine feine Droge; und im Bus von der Arbeit habe ich die von Werner von Koppenfels herausgegebene und übersetzte Anthologie Aus den Kerkern Europas. Poetische Kassiber von Villon bis Pound studiert (Beck, 135 S., 14,95 €).

"Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muss", diesem Satz folgen fünfhundert kurze Seiten über Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (Suhrkamp, 489 S., 26,95 €), auf denen Peter Sloterdijk eine nachdenkliche Theorie des Erbes entwickelt. Mit dem allergrößten Vergnügen habe ich das neue, wunderbar ausgestattete Buch Der schwimmende Souverän. Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers von Horst Bredekamp (Wagenbach, 176 S., 26,– €) gelesen. Ausgehend von einer Fotografie des Leistungsschwimmers Walter Meyer, die Aby Warburg in seinen Mnemosyne-Atlas geklebt und mit der Unterschrift: "hoc est corpum meum" versehen hat, entwickelt Bredekamp eine Theorie darüber, warum sich der Herrscher unter allen Umständen über Wasser halten muss – von Karl dem Großen bis zu Mao Tse-tung.

Zuallerletzt: Eberhard Rathgeb hat einen dichten, melancholischen Roman geschrieben, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Paradiesghetto (Hanser 240 S., 18,90 €). Eine alte Frau versucht, kurz vor dem Tod die schlimmste Frage des 20. Jahrhunderts zu beantworten.

Michael Krüger *1943. Lyriker und ehemaliger Hanser-Verleger. 2013 erschien sein Gedichtband "Umstellung der Zeit"

Martin Walser empfiehlt Arnold Stadlers "Komm, gehen wir"

Die Einmaligkeit des Immerwährenden

"Komm, gehen wir": Dieser Satz des Titels kommt im Text immer wieder vor. Wie ein Signal, bis er sogar Jesus persönlich in den Mund gelegt wird, dann erleben wir als Leser, dass ein Roman etwas anderes sein kann als ein mehr oder weniger spannendes Nacheinander. Uns selbst erleben wir doch auch nicht als ein Nacheinander oder gar als Story, sondern als ein Gewoge aus Zeiten und Orten. "Es war eine große Gleichzeitigkeit auf der Welt", steht da. Erzählt wird in einer Gefühlsgenauigkeit, dass man als Leser manchmal glaubt, das habe man selber geschrieben. So nah sind einem eben Romanfiguren, die nicht eine Handlung glaubhaft machen müssen, sondern sich selbst. In jedem Augenblick. Das Leben findet ja in Augenblicken statt, nicht in Chroniken. Lauter Existenzmomente also. Der Autor bekennt schließlich: "Vielleicht war es doch leichter, einen Liebesroman zu schreiben, als zu leben." Und genau dieser Roman entsteht im Leser beim Lesen. Eine Formel für diese Art Existenz-Roman wäre: Die Einmaligkeit des Immerwährenden.

Arnold Stadler: Komm, gehen wir; Fischer TB, Frankfurt am Main 2007; 400 S., 9,95 €

Martin Walser *1927. Büchnerpreisträger. Diesen Herbst erschien "Schreiben und Leben – Tagebücher 1979–1981"

Nora Bossong empfiehlt Roman Ehrlichs "Das kalte Jahr"

Etwas Erschütterndes zwischen dem Lametta

Früher habe ich meinem Vater Krawatten geschenkt, weil das zu Weihnachten gehört wie das Lametta am Baum und außer mir niemand so etwas Einfallsloses verschenken mochte. Gute Bücher bekam mein Vater allerdings auch nur selten, und weil ich Bücher, insbesondere die guten, noch weit mehr schätze als Krawatten und Lametta, habe ich mich vor ein paar Jahren aufs Bücherschenken umspezialisiert und bin damit quasi zur literarischen Erziehungsberechtigten meines Vaters aufgestiegen. Seither ist er gewissenhafter Rezipient all dessen, was ich ihm in Geschenkpapier einpacke, gern meine eigenen Lieblingsbücher oder Bücher, die Freunde geschrieben haben, im Idealfall beides zusammen. Dieses Jahr wird es Roman Ehrlichs Debüt Das kalte Jahr sein, denn erstens ist Roman Ehrlich ein ganz ausgezeichneter Mensch, den man am liebsten persönlich verschenken möchte. Das geht leider nicht, aber zum Glück ist ihm obendrein mit seinem Buch etwas wunderbar dunkel Schillerndes gelungen. Berichtet wird in einer poetischen, gleichwohl klaren Sprache, zwischen Traum und Wirklichkeit changierend, von einem Zivilisationsüberdrüssigen, den es zurück zum Haus seiner Eltern zieht, hoch oben im Norden. Viel Schnee gibt es, noch mehr Frost und daheim anstelle der Eltern einen wortkargen Jungen. Ein Traum wäre das für manchen Weihnachtsheimkehrer, in diesem Roman drängt es sich jedoch zunehmend ins Albtraumhafte. Kunstvoll werden historische Passagen über Naturkatastrophen und Aufstände eingeflochten, so wird unter die Erzählung eine Topografie der Erschütterungen gelegt – und das kann zwischen zu viel Lametta geradezu eine Rettung sein. Passenderes zu Weihnachten findet man eigentlich nur bei Charles Dickens.

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr. Roman; DuMont Verlag, Köln 2013; 252 S., 19,99 €, als E-Book 8,99 €

Nora Bossong *1982. Zuletzt erschien ihr Roman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung"

Daniel Kehlmann empfiehlt Endes "Die unendliche Geschichte" und Frayns "Matchbox Theater"

Das Buch, das sich selbst hervorbringt

Als ich ein Kind war, las gerade absolut jeder Michael Endes Unendliche Geschichte. Inzwischen scheint der Roman aus der Mode gekommen zu sein, und auch ich habe wohl dreißig Jahre lang nicht mehr an ihn gedacht. Vor zwei Monaten aber, aus reinem Überdruss an all den Franchise-Produkten, die sich jetzt als Kinderliteratur ausgeben, während sie in Wahrheit Werbung für Filme und Spielzeugfiguren sind, begann ich, Endes Roman meinem fünfjährigen Sohn vorzulesen. Die erste Überraschung war, wie gut er ihm gefiel. Die zweite, wie sehr ich selbst ihn mochte. Ja natürlich, Endes Botschaft von der Bedrohung der menschlichen Imagination durchs stetig wachsende Nichts ist offensichtlich, aber ist sie darum falsch? Der Roman hat mich als Kind begeistert, aber erst jetzt wurde mir klar, wie viele seiner Motive – das Buch, das sich selbst hervorbringt, der Held, der gleichzeitig in der Geschichte und außerhalb ihrer steht – seither nie aufgehört haben, mich zu beschäftigen. Er ist spannend und gut geschrieben, und vor allem auch ist er bevölkert von den herrlichsten bizarren Fabelwesen. Freunde, die kleine Kinder haben, bekommen daher dieses Jahr von mir Die Unendliche Geschichte.

Und die anderen, sofern sie Englisch können, bekommen Michael Frayns Matchbox Theatre. Eine Reihe kurzer, absurder Szenen, geschrieben von einem der größten und sicher dem lustigsten Dramatiker Englands, nicht um aufgeführt, sondern nur um gelesen zu werden – eine witziger als die andere, und das Ganze in einem eleganten Bändchen, das buchstäblich in jede Jackentasche passt und das zu besitzen einen ein wenig glücklicher macht.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte; Thieneman Verlag; 2014 neu aufgelegte Originalausgabe von 1979; 520 S., 24,99 €

Michael Frayn: Matchbox Theater. Aus dem Englischen von Michael Raab; Hanser Verlag, München 2014; 50 S., E-Book 2,99 €, im Original bei Faber & Faber, London 2014; 296 S., GBP 12,99

Daniel Kehlmann *1975. Schrieb mit "Die Vermessung der Welt" (2005) einen Weltbestseller