Von Ameisen in Eishockeystadien

"Thomas Kunst vermag die Schönheit in derart lichten Worten zu zeichnen, dass man brüllen möchte vor Verlangen und Lust", schrieb Feridun Zaimoglu über Gedichte aus Die Arbeiterin auf dem Eis. Das war schon deutlich, aber noch nicht genug, denn Kunsts Gedichte gehören nicht nur für Fans, sondern auch ganz objektiv zu den schönsten, eigenartigsten, kostbarsten in der deutschen Lyrik unserer Zeit. Daher sollten Sie diese Gelegenheit nicht versäumen, weil Thomas Kunst zeigt, was Poesie sein kann, wenn sie ganz bei sich bleibt, jenseits des historisierenden, programmatischen oder anekdotischen Gedichts. Die Arbeiterin auf dem Eis erzählt von bedenklich verwildertem Selbstbewusstsein ("Ich werde so lange mit dir am Strand spazieren / gehen, bis du mich liebst"), von Ameisen in Eishockeystadien, Schlittenhunden in der Küche, von Ernstfallkassetten und von Kölnischwasser auf Spinnennetzen, zuversichtlich und beglückend absurd. Das Gedicht ist hier nicht mehr (aber eben auch nicht weniger) als eine verwegene Liebeserklärung an die Verrücktheit des Lebens: wenn das kein Geschenk ist! Für den Gedicht-Feinschmecker: Thomas Kunst ist der Großmeister des Sonettenkranzes im 21. Jahrhundert. Die Arbeiterin auf dem Eis enthält allein drei dieser Kränze, denen der hohe formale Anspruch niemals anzumerken ist. "Wir lieben uns, falls wir uns wiedersehen" – so wird es Ihnen, lieber Leser, einmal ergehen mit den Büchern Thomas Kunsts.

Thomas Kunst: Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte und Briefe; edition AZUR, Dresden 2013; 136 S., 22,– €

Lutz Seiler * 1963. Gewann 2014 den Deutschen Buchpreis für "Kruso"