Das Bild auf dem Buch ist still und schön, eine Seelandschaft ohne Pocahontas, der Titel haut dafür mächtig rein: Deutschland, eine Winterreise. Wie soll man das verstehen? Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus? Kommt uns der Winkler Willi jetzt mit dem Schubert Franzl? Aber nein, viel besser: Der in Hamburg ansässige Kulturreporter der Süddeutschen Zeitung kommt uns mit der FDP. "Am Anfang stand ein Gelübde, leichtsinnig abgelegt vor fast zwanzig Jahren. Wenn, so der fromme Wunsch, wenn die FDP doch endlich aus dem Bundestag fliegen würde, dann würde ich zum Dank eine Fußwallfahrt zur Schwarzen Madonna von Altötting unternehmen."

Er rechnete nicht damit, dass es dazu kommen könnte. Als Mann von Ehre hatte er dann nach dem 22. September 2013 keine Wahl: 4,8 Prozent entsprechen einem 855 Kilometer langen Marsch von der Elbe bis an den Inn. An der Gnadenkapelle nach 35 Tagen angekommen, fehlt ihm die Kraft, dreimal um sie herumzugehen, wie es sich für den Pilger frommt, "das wird mir jetzt wirklich zu viel". Auch sonst fällt seine Bilanz zwiespältig aus: "Etliche Umwege, zwei Handschuhe verloren, immer den rechten, unterwegs diverse Malaisen und jetzt der Fuß, der seit Tagen so weh tut. Aber was zählt das schon, wenn ich die FDP durch einen beispiellosen Körpereinsatz besiegen konnte."

Nicht immer ist klar, wer hier wen besiegt, der Körpereinsatz bringt den Ad-hoc-Wandersmann gelegentlich zur Strecke. Mit jeder Schwellung, jedem Schmerz, den er stellvertretend für uns empfindet, spüren wir einen paradoxen Dank an die FDP in uns wachsen. Welche andere Partei hätte durch ihr Hinscheiden ein so leichtfüßiges Buch inspirieren können?

Die FDP dient dem Autor als Running Gag, aber kaum ist er los, rückt ihm Deutschland in den Blick. Eine Winterreise wird es nur deshalb, weil er das verrückte Vorhaben so lang hinausgeschoben hat, bis der Herbst einfach vorbei war. Winkler wandert und schreibt auf den Spuren von Werner Herzog, Michael Holzach, Wolfgang Büscher. Was ihn von den Vorgängern unterscheidet, ist die Verschränkung von Alltagskultur und Kulturgeschichte. Arno Schmidt wird besucht, Max Reger erwähnt, Karl Philipp Moritz zitiert, Walter Kempowski hat einen Auftritt und Jean Paul. Dazwischen gibt es Gyros oder Schweinsbraten in erschütternden Dorfgasthöfen, in denen Winkler, während er sich stärkt, von den Platzhirschen am Stammtisch die Welt erklärt bekommt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

So weit ganz prima. Wie man auf die Idee kommen kann, nach dem Handy-Navi zu wandern und sich dann zu beschweren, dass man entlang irgendwelcher Bundesstraßen läuft, bleibt rätselhaft. Gelegentlich geht die Poesie mit ihm durch ("Die Schilfreste stehen eisumfangen im Wasser, dazwischen torkeln verunsicherte Enten"); andernorts gelingen ihm wunderbare Momentaufnahmen der Provinz, wie bei der Begegnung mit der Bäckersfrau in einem oberpfälzischen Dorf: "Mitte dreißig ist sie und schön mollig und blond und strahlt in einer ganz unbegreiflichen Zufriedenheit."

Was Winklers Wander-Werk jetzt noch gut anstünde, wäre eine zünftige Lesereise. Von Buchhandlung zu Buchhandlung, zu Fuß!