Die Eröffnung des Theaters an der Elbe war ein doppeltes Wagnis. Beweisen musste sich nicht nur der teure Bau, dessen Form an einen Stahlhelm erinnert, sondern auch das Musical, das den dazu passenden Stoff liefert: Das Wunder von Bern, das 1954 spielt und von einem Land erzählt, das mit der Verdrängung von Nationalsozialismus und Krieg beschäftigt ist.

Der Held dieses Trümmermusicals ist kein Sympathieträger, sondern der ambivalente Richard Lubanski (Detlef Leistenschneider). Neun Jahre nach Kriegsende kehrt er zu seiner Familie zurück, verhärtet nicht nur von der sowjetischen Gefangenschaft, sondern auch von seiner Nazi-Erziehung. "Deutsche Jungen weinen nicht", herrscht er seinen Sohn an und prügelt ihn mit seinem Gürtel. Dass sich Deutschland zu verändern begonnen hat, will Lubanski nicht wahrhaben. Erst während der Fußball-WM gelingt es ihm, auf andere zuzugehen. Das Wunder von Bern ist die Geschichte einer Reeducation und erzählt von einem Mann, der viel verloren hat, um nun alles neu zu lernen.

Drei Einwände sprachen im Vorfeld dagegen, dass dieses Stück ein leichter Erfolg würde.

Erstens: Ist der Stoff nicht zu deutsch? Dem hat Regisseur Gil Mehmert nichts entgegenzuhalten. Statt auf internationale Anschlussfähigkeit setzt er voll auf deutsche Gäste. Die Inszenierung ist gespickt mit regionalen Anspielungen und Dialekten.

Zweitens: Taugt die Musik? Das Wunder von Bern zeigt Männer mit Schmalzlocken und Frauen im Petticoat, die Rock ’n’ Roll tanzen. Im Sommer 1954 hatte zwar noch keiner von Elvis Presley oder Peter Kraus gehört. Doch sei’s drum. Mit historischen Details nimmt es das Musical nicht so genau.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Drittens: Ist die Nachkriegszeit musicaltauglich? Hier wird es interessant. Es ist eine deutsche Eigenheit, dass Musicals in Fantasiewelten spielen, mit singenden Katzen, Zügen und Löwenbabys. In den USA hingegen gibt es erfolgreiche Stücke über Rassismus (Porgy and Bess) und Bandenkriminalität (West Side Story). Mit diesen Klassikern kann Das Wunder von Bern musikalisch nicht mithalten. Stofflich ist es aber ein Schritt in diese Richtung.

Lubanskis Trauma, im Spielfilm von Sönke Wortmann bloß angedeutet, wird im Musical dramatisch inszeniert. Auch die Putzfrau, der Trainer Sepp Herberger nachts im Hotel begegnet, wurde aufgewertet. Im Film flüstert sie ihm seine Zeile ein: "Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten." Im Musical hat sie (gespielt von Jogi Kaiser) ihre eigene Nummer. "Seien Sie nicht so deutsch", singt sie Herberger zu. Statt den frechen Stürmer Helmut Rahn zu disziplinieren, solle er fünfe gerade sein lassen.

Tänzer in Glitzersakkos steppen, es regnet Luftschlangen, und eine Putzfrau entnazifiziert den Nationaltrainer: Das ist grotesk – und großartig. Die Szene ist zwar nicht so spektakulär wie das WM-Finale. Da spielen abgeseilte Tänzer an der senkrechten Wand, Rahn schießt das Siegtor, die Schwerkraft scheint aufgehoben. Die Putzfrau aber bewahrt Das Wunder von Bern vor WM-Patriotismus, der die Kriegsschuld übertönt. Nicht, weil "wir wieder wer sind", siegt das Team und gelingt Lubanski die Resozialisierung. Sondern weil es sich auszahlt, menschlich zu sein – nicht nur deutsch.