Am 2. Dezember 1914 verweigerte er als einziger Reichstagsabgeordneter die Zustimmung zu den Kriegskrediten, aber auch schon zuvor war Karl Liebknecht als eloquenter Kritiker der Aufrüstung und des Militarismus bekannt. In den Augen der Reichsregierung gefährdete er damit die Sicherheit des Staates: Bereits 1907 war er wegen Hochverrats verurteilt worden, und was der SPD-Abgeordnete am 18. April 1913 im Reichstag mitzuteilen hatte, brachte ihm erneut den Vorwurf des Landesverrats ein. Vor allem aber stieß seine Rede eine internationale Debatte über den Waffenhandel an, der vor dem Ersten Weltkrieg wie nie zuvor florierte.

Auf der Grundlage brisanter Informationen, die ihm ein Whistleblower zugespielt hatte, führte Liebknecht aus, dass die private Rüstungsindustrie mit ihren Exporten "eine ständige Kriegsgefahr für die ganze Welt bedeutet". Heute, wo der Waffenhandel seit Beginn des "Kriegs gegen den Terror" Jahr für Jahr expandiert, ohne dass man behaupten könnte, die Weltlage habe sich dadurch stabilisiert, erscheint diese Analyse aktueller denn je. Und genau wie heute schien die von Liebknecht beklagte Privatisierung der Rüstungsindustrie schon damals unumkehrbar zu sein.

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein hatte man in Europa die Waffen bevorzugt in staatseigenen Betrieben produziert. Ab Mitte des Jahrhunderts begannen jedoch private Unternehmen, wesentlich innovativere Rüstungsgüter zu entwickeln: Sie verbesserten Reichweite, Durchschlagskraft, Zielgenauigkeit und Feuerfrequenz von Kanonen und Gewehren, erfanden neue, effektivere Explosivstoffe und stellten immer stärkere Stahlpanzerungen her, mit denen sie Kriegsschiffe zu schwimmenden Festungen ausbauten. Allmählich gelang es ihnen, die Militärs von den Vorzügen ihrer Produkte zu überzeugen und die staatseigenen Betriebe als Hauptlieferanten abzulösen.

Die deutsche Presse ergriff für den Waffenhersteller Krupp Partei

Dass die heimischen Waffenhersteller auch andere Staaten belieferten, tat ihren guten Beziehungen zu den Regierungen keinen Abbruch. Exporte galten als probates Mittel, um in Zeiten geringen Eigenbedarfs die Produktionskapazitäten und die Leistungsfähigkeit der heimischen Rüstungsindustrie aufrechtzuerhalten. Vor allem aber erkannte man in ihnen ein wichtiges Instrument, um Bündnisse und Bündnispartner zu stärken. Die Botschaften entwickelten sich dabei zu wichtigen Gehilfen bei der Vermittlung von Waffengeschäften.

Die enge Bindung der Rüstungsunternehmen an ihre jeweilige Regierung war aber nur eine Seite der Medaille. Der Aufstieg der privaten Rüstungsunternehmen hatte einen weltweiten Kampf um Marktanteile nach sich gezogen. Um zu vermeiden, von den verschiedenen Regierungen gegeneinander ausgespielt und zu niedrigeren Preisen gezwungen zu werden, gründeten sie Ende des 19. Jahrhunderts als eine der ersten Branchen überhaupt internationale Kartelle.

Die Sprengstoff-Hersteller einigten sich darauf, wer in welchen Weltregionen handeln durfte. Gewinne wurden über einen festgelegten Schlüssel verteilt. Ähnlich verfuhren die Hersteller von Geschützen und Panzerplatten. Darüber hinaus wurde es üblich, Vorstandsposten an einflussreiche Personen im Ausland zu vergeben, um sich Zugang zu den Eliten verschiedener Staaten zu verschaffen. In den Vorständen und Kartellgremien bildete sich ein internationales Netzwerk von Vertretern der Rüstungsindustrie heraus.

Seit 1912 hatten britische Kriegsreporter kritisch über diese Entwicklung berichtet. Aber erst Liebknechts Rede machte das Thema zu einem Politikum. Anhand von Insider-Informationen aus dem Krupp-Konzern zeigte er, wie das Unternehmen Militärs bestach, um möglichst profitable Geschäfte an Land zu ziehen. Der Fall veranschaulichte für ihn die "Vaterlandslosigkeit des Kapitals": Die Rüstungsindustrie führe zwar beständig das Wort Vaterland im Munde, bemäntele damit aber nur, dass sie grenzübergreifend die Kriegsstimmung anstachele, um bessere Geschäfte machen zu können. Ob der Feind beliefert werde, meinte Liebknecht, sei den Rüstungsunternehmen gleichgültig. Deutsche Rüstungsproduzenten würden mit französischem Kapital gefüttert. Das europäische Wettrüsten sah er als ein Werk international kooperierender Unternehmen an und forderte als Konsequenz die Verstaatlichung der gesamten Rüstungsindustrie.

Dass seine Rede eine nachhaltige Wirkung entfalten konnte, lag weniger an der deutschen Presse, die größtenteils für Krupp Partei ergriff, sondern vielmehr an den ausländischen Medien. Vor allem in Großbritannien stießen Liebknechts Argumente auf große Resonanz. Die Vertreter des linken Flügels der Liberalen Partei – die sogenannten Radikalen –, einige Labour-Abgeordnete sowie eine Gruppe pazifistischer Publizisten kritisierten seit Langem die britische Rüstungspolitik. Das Flottenwettrüsten, das sich das Deutsche Reich und Großbritannien in den vorangegangenen Jahren geliefert hatten, sei nicht nur von Berlin aus angetrieben worden, monierten sie. Auch in Großbritannien habe unter anderem die Rüstungsindustrie gezielt Ängste geschürt, um höhere Ausgaben für die Navy durchzusetzen. Die Enthüllungen aus Berlin seien deshalb als Beleg dafür zu werten, mit welchen Methoden die internationale Rüstungsindustrie vorgehe.

Beeindruckt von Liebknechts Rede, entschieden sich die britischen Rüstungskritiker, in ihrem Kampf gegen die ständig steigenden Rüstungsausgaben das internationale "Kriegskartell" zu ihrem Thema zu machen. Und sie begannen, sich international zu vernetzen. Im Juli 1913 reiste eine aus privaten Mitteln finanzierte Kommission nach Osteuropa, um zu untersuchen, wie es zu den beiden Balkankriegen 1912 und 1913 gekommen war. Ihr gehörte neben Vertretern aus Großbritannien und Deutschland auch der französische Völkerrechtler und Friedensnobelpreisträger Paul Henri d’Estournelles an. Die Kommission lenkte den Blick auf einen Aspekt, der in den bisherigen Analysen kaum eine Rolle gespielt hatte: In den Jahren zuvor war der Balkan von Krupp und dem französischen Rüstungsunternehmen Schneider-Creusot mit Waffen regelrecht überschwemmt worden. Die Balkankriege seien folglich darauf zurückzuführen, dass eine große Gruppe von Investoren immenses Kapital in die Produktion von Rüstungsgütern stecke, um den Waffenmarkt ständig zu vergrößern.

Anfang 1914 zeigten zwei britische Labour-Abgeordnete, Walton Newbold und Philip Snowden, weitere Wege auf, wie sich die Rüstungsindustrie internationale Konflikte zunutze machte. So habe etwa die britische Firma Vickers die beiden verfeindeten Mächte Russland und Japan beliefert. Österreich erhalte von dem britischen Hersteller Armstrong Waffen, obwohl es dem Dreibund angehöre, der gegen Großbritannien und seine Bündnispartner gerichtet sei.

Als schließlich in Europa der Krieg ausbrach, stand für die britischen Radikalen und einige Labour-Abgeordnete fest, dass dieses Ereignis nicht zuletzt durch die private Rüstungsindustrie befeuert worden war. Deshalb riefen die britischen Kriegsgegner die Union of Democratic Control ins Leben. Zu ihren Kernforderungen gehörte neben schnellen Friedensverhandlungen und einer Neuausrichtung der europäischen Außenpolitik auch die Abschaffung der privaten Rüstungsindustrie.

Die Unionsmitglieder waren keine isolierte Randgruppe im britischen Parteiensystem. In ihren Reihen befanden sich prominente Politiker der Radikalen, denen man bis zum Kriegsbeginn auch den Finanzminister und späteren Premier David Lloyd George zurechnete. Aber je länger der Krieg andauerte, desto mehr entfremdeten sich die Radikalen von der Liberalen Partei, und desto stärker gerieten sie unter Druck. Es kam zu Verhaftungen und der Beschlagnahmung von Publikationen.