An einem Mittwochmorgen, als Stefan Gallon wie gewöhnlich die Süddeutsche Zeitung aufschlug, blieb er an einer Meldung auf Seite 37 hängen, die ihn nicht mehr losließ. "Doppelmord aus Eifersucht", stand da. "Ehemaliger Münchner Student soll frühere Freundin und ihren Lebensgefährten in China getötet haben." Gallon ahnte zwar, dass dieser Mord ihn beschäftigen würde. Aber er wusste nicht, dass sich der Fall schon bald zu einer komplizierten diplomatischen Angelegenheit ausweiten würde, dass er die Bundeskanzlerin erreichen sollte – und den chinesischen Regierungschef. Erst sehr viel später, im August 2014, wird der Täter in China zum Tode verurteilt, aber auch damit endet die Verwicklung nicht. Da fängt sie erst richtig an.

Stefan Gallon, inzwischen 63 Jahre alt, erfuhr vor viereinhalb Jahren von dem Mord, damals war er noch Stellvertreter des deutschen Botschafters in Prag. Dass er wenige Wochen später das deutsche Generalkonsulat im chinesischen Kanton übernehmen würde, war schon vereinbart. In seine Zuständigkeit würde dann auch die grausame Tat in Xiamen fallen, einer 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt im Südosten Chinas.

Aber noch, im Juni des Jahres 2010, interessiert sich Gallon nur aus der Ferne dafür. Er verbringt die Tage in seinem Büro im Palais Lobkowicz in Prag, dem Dienstsitz des Botschafters. Von dort aus kann er auf den berühmten Balkon blicken, auf dem Außenminister Hans-Dietrich Genscher 1989 stand, als ihm Tausende DDR-Flüchtlinge aus dem Garten der Botschaft zujubelten.

Stefan Gallon ist ein erfahrener Diplomat, seit 1978 beim Auswärtigen Amt. In Houston vertrat er die Bundesrepublik, in Kairo, Bukarest, Vilnius, Bangkok, Tokio. Er hat die Minister Genscher, Kinkel, Fischer, Westerwelle und Steinmeier erlebt. Aber er hat keine Erfahrungen mit einem Doppelmörder.

Gallon sucht im Internet nach Informationen und findet wenig. Der Täter heißt Lutz Schuster*. Zum Zeitpunkt der Tat ist er 33 Jahre alt. Er stammt aus einer Kleinstadt in Bayern, so viel steht fest.

Als Gallon im August 2010 ins Konsulat von Kanton wechselt, ist der diplomatische Spielraum schon sehr klein geworden. Darüber schweigt Gallon gegenüber Journalisten. Aber wer die Übersetzungen von Untersuchungsprotokollen der chinesischen Ermittler liest, muss nicht viel vom chinesischen Strafrecht verstehen, um die Schwere der Tat zu begreifen. Vorsatz. Niedere Beweggründe. Besondere Brutalität. Nicht nur ein Opfer, sondern zwei. Das alles spricht – in China – für die Todesstrafe.

Am 5. Juni 2010, einem Samstagabend gegen 22.30 Uhr, so protokollieren es später Ermittler, so berichten auch Zeugen, wartet Lutz Schuster in einem Auto in der Nähe des Marco-Polo-Hotels in der Küstenstadt Xiamen. Den Wagen hat er sich von einem Freund geliehen, und er hat sich vorbereitet. Schuster ist kurz zuvor aus Deutschland angereist, hat in einem Baumarkt in Xiamen einen schweren Hammer gekauft, eine Art Vorschlaghammer, außerdem ein Messer, ein Seil und eine Rolle Klebeband. All das hat er ins Auto gelegt und wartet nun auf seine frühere Freundin Vanessa, eine 29-jährige Deutschvenezolanerin, und ihren neuen Partner, einen deutschen Geschäftsmann, der zehn Jahre älter ist als sie. Die beiden verbringen den Abend in einem der teuren Restaurants des Hotels. Als sie schließlich auf die Straße treten, um in ihr Auto zu steigen, greift Schuster sie an. Zuerst geht er auf den Mann los und schlägt mit dem Hammer auf ihn ein, sticht mit dem Messer zu. Vanessa, die Begleiterin, schreit auf und will eingreifen, aber Schuster lässt nicht von seinem Opfer ab, er trifft auch dessen Herz.

Nachdem der Mann blutend zu Boden gestürzt ist, sticht Schuster auf Vanessa ein, 46 Mal. So steht es in einem der Protokolle, die später dem Untersuchungsrichter vorgelegt werden. Beide Opfer sterben nach wenigen Minuten, auf dem Parkplatz vor dem Hotel hat sich eine riesige Blutlache gebildet. Schuster läuft nicht weg, er versteckt sich nicht. Scheinbar teilnahmslos bleibt er in der Nähe der Leichen stehen und lässt sich von den herbeigerufenen Polizisten festnehmen.

Schuster hat sich während des Gerangels selbst mit dem Messer verletzt, oberhalb des Knies ist eine tiefe Schnittwunde entstanden. Er wird von Polizisten ins Zhongshan-Krankenhaus der Stadt Xiamen gebracht, bleibt dort einige Tage. Ein Mitarbeiter des deutschen Konsulats, das ihn zu betreuen hat, besucht Schuster, und eine der Fragen an ihn lautet: Wissen Sie, dass Sie zwei Menschen getötet haben? Da sagt Schuster zum ersten Mal diese merkwürdigen Sätze, die er später mehrfach wiederholen wird: "Es war ja niemand anders da. Dann muss ich es wohl gewesen sein." Er bestreitet die Tat nicht, aber Reue klingt anders.

Die deutschen Diplomaten, ob in Peking, Kanton oder Berlin, sind sofort im Bilde, sie schreiben einander kurze Mails und lange Berichte zum Fall Schuster, aber sie geben darüber gegenüber Journalisten kaum Auskunft. Deswegen stützt sich dieses Dossier auf Aussagen vieler anderer Beteiligter, von denen die meisten nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen wollen. Mit Lutz Schuster, der noch immer im Gefängnis von Xiamen sitzt, hat die ZEIT nicht sprechen können, aber aus den zahlreichen Aussagen von Prozessbeobachtern, Freunden und Weggefährten sowie aus Dokumenten lässt sich ein Bild zusammenfügen, das nicht lückenlos ist, jedoch klar erkennbar.

Das Bild zeigt eine unbekannte Seite von Außenpolitik. Als Fernsehzuschauer bekommt man die Kanzlerin und den Außenminister bei Staatsbesuchen oder auf Gipfeltreffen zu sehen. Oft schütteln sie die Hände von Regierungschefs und Ministern anderer Staaten. Meist lächeln sie dabei. Es wirkt dann immer so, als sei Politik mühelos. Von der Arbeit, die im Stillen stattfindet, spürt man nichts. Die Gewalttat von Xiamen ist ein Fall, der den Politikern und Diplomaten extrem viel Arbeit abverlangt. Es geht darum, einem Mörder das Leben zu retten.

In vielen Ländern der Welt sitzen Deutsche in Gefängnissen, aber nirgendwo wird ein Häftling von Mitarbeitern der Bundesregierung so intensiv betreut wie Schuster. Einen wie ihn hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Schuster ist der erste Deutsche, der in China zum Tode verurteilt wurde. Mit Betrügern und Räubern, die im Ausland eine Strafe absitzen, haben die Botschafter der Bundesrepublik regelmäßig zu tun. Selten sind Todesurteile gegen Deutsche. Extrem selten sind Todesurteile, die vollstreckt werden – zuletzt bei zwei Brüdern, die im Jahr 1999 wegen Mordes in US-Bundesstaat Arizona hingerichtet wurden.