Er tritt im weißen Hemd auf die Bühne und nicht im Kapuzenpulli, diesem inoffiziellen Bühnenkostüm der Slam-Poeten. Er hat den Text im Kopf und nicht auf Papier oder im Tablet, wie die Schnellsprecher vor ihm. Und er spricht auch nicht im Stakkato, der Kalauer ist nicht sein und erst recht nicht die auf Pointen getrimmten Sätze, mit denen seine Gegner das Basler Publikum zum Brüllen bringen. Keiner widerspricht mehr dem Klischee des Slam-Poeten als Christoph Simon. Dabei ist er der beste der Schweiz in dieser Wortsportart, bei der es darum geht, mit fünf Minuten langen Textvorträgen, sogenannten Slams, das Publikum für sich zu gewinnen.

Wenn er auf die Bühne tritt, dann wird es still, dann wird es leise lustig, und manchmal zittern seine zarten Hände. In gleichförmigem, fast monotonem Berndeutsch und mit betörender Präsenz erzählt er seine Geschichten. Da ist kein Stocken und Verhaspeln, kein Wort zu viel, kein Atemholen einfach so. Die Sätze, die er an diesen Schweizermeisterschaften ins Mikrofon sagt, sind abgründig und voll von alltäglichem Schrecken: "Glück ist, an einem Mückenstich zu kratzen, bis es blutet." Da ist Ernsthaftigkeit: "Glück ist, ein Dach über dem Kopf und genug zu Essen." Und manchmal, schwarz und trocken, Humor: "Glück ist, am Arbeitsplatz jeden Tag von Neuem die strukturelle Alkoholunterversorgung zu meistern." Und ein glückliches Ende, das ist bei ihm, "wenn man mit Menschen, mit denen man absolut nichts zu tun haben möchte, auch tatsächlich nichts zu tun hat". Wo andere die Moralkeule schwingen, hat er Zweifel, sein Grundgefühl ist nicht die spätpubertäre Provokation, sondern die Melancholie dessen, der vom Leben gezeichnet und an ihm gewachsen ist.

Wer ist dieser Mann, der mit seinen 42 Jahren eigentlich viel zu alt ist für dieses Nachwuchs-Ding und viel zu gut für dieses Sprungbrett unter den Wort-Künsten, auf dem Pedro Lenz, Gabriel Vetter oder Hazel Brugger standen, bevor sie Schriftsteller, Kabarettist oder Kolumnistin wurden? Wie kommt es, dass einer, der seit Jahren vom Schreiben lebt, von den Romanen und den Auszeichnungen, die er dafür erhält, den Slam für sich entdeckt? Und ein Jahr nachdem er zum ersten Mal auf der Bühne stand den Nachwuchspreis an den Oltner Cabarett-Tagen und anderthalb Jahre später den Schweizermeistertitel gewinnt?

Der Herbst ist noch mild an diesem späten Nachmittag in der Berner Länggasse. Simon sitzt im weißen Hemd vor dem Café Sattler, wie immer nicht allein, sondern mit einem schwarzen Notizbuch. Heute lugt es nicht aus der linken Gesäßtasche wie Wochen zuvor in Basel, als er in scheuen Jubel ausbrach, nachdem ihn das Publikum zum Schweizermeister kürte und er den Pokal, also die Whisky-Flasche, in die Runde reichte. Das Büchlein steckt auch nicht in seinem Veston, so wie Wochen später im Basler Museum der Kulturen, als er es, im Schneidersitz am Boden kauernd, zücken und Minuten vor dem Auftritt ein paar Sätze hineinkritzeln wird. Heute liegt es offen da, daneben steht der Kaffee. Einen Stift braucht er nicht, denn er ist am Auswendiglernen. Seit Wochen übt er, Tag für Tag, für das, was bald kommen soll: ein abendfüllendes Soloprogramm Wahre Freunde, eine comedie humaine, die Mitte Februar in Bern Premiere feiern wird. Schon jetzt bekommt er dafür viele Vorschusslorbeeren, manch einer sagt ihm eine große Zukunft voraus. Und wie alles, was er denkt, sagt und schreibt, kreist auch sein Kabarettprogramm um große Fragen. Es geht um Liebe und den Kummer, wenn man merkt, dass die Freundin von Max besser zu einem selber passen würde. Oder um die Ratlosigkeit, wenn man merkt, dass die öden Arbeitskollegen einem ans Herz gewachsen sind.

Das tagelange Auswendiglernen fällt ihm schwer. Kein Wunder, war doch der Erlkönig am Gymnasium in Thun für mehr als zwanzig Jahre das Letzte, was er frei rezitieren konnte. Jetzt sollen es anderthalb Stunden Freisprech werden. Warum tut er sich das an, der sich einen "Amateur und Dilettanten unter den Bühnenarbeitern" nennt? "Es ist die Lust am Aufbruch, die mich Neues tun lässt", sagt er. Er sei ja längst in einem ganz und gar normalen, fast schon bürgerlichen Leben angekommen: die Arbeit als Schriftsteller, die Engagements im Projekt Schulhausroman, bei dem er Schulklassen das Schreiben lehrt, und die wöchentlichen Zusammenkünfte "zu Klatsch und Kritik" mit seinen Schriftstellerkollegen Urs Mannhart und Lorenz Langenegger, die seit 14 Jahren seinem Leben in Bern einen roten Faden geben. Der zweite wichtige, ja viel wichtigere Faden sei seine Familie, sind seine drei Kinder und seine "Gefährtin", die er die "beste der Welt" nennt. Mit ihr lebt er ein Leben, das, so hoffe er, "Liebe lebenslänglich" möglich mache: in zwei Wohnungen. Nicht aus Ideologie, sondern einfach darum, "weil es so möglich ist".

Die Liebe, die lebenslang hält, war 2010 auch das Leitmotiv seines bisher erfolgreichsten und besten Romans Spaziergänger Zbinden. Es ist die feinsinnige Geschichte eines alten Mannes, der auf einem langen Spaziergang durch das Altersheim auf sein Leben und die Liebe zurückblickt. Inspiration fand Simon dafür auch bei Gerhard Meier, der in seinem Buch Ob die Granatbäume blühen zu seiner geliebten verstorbenen Frau Dorli spricht. Simon wollte, als er an seinem Buch arbeitete, Meier besuchen, fand den Mut aber nicht, sein schriftstellerisches Vorbild anzurufen. Also reiste er 2006, mit einem Kind im Tragtuch, kurzerhand nach Niederbipp, klingelte bei Meier und fand offene Türen. Was hat er sich von der Begegnung erhofft? "Gar nichts", sagt Simon, "ich wollte ihm einfach begegnet sein."

Seit anderthalb Jahren schreibt Simon nun für die Bühne und lernt dabei das Schreiben noch einmal neu. "Da sind keine Lektorin und kein Verleger, mit dem man einen Fehler ausbügeln kann. Das Schreiben muss mündlich funktionieren, es geht um Rhythmus und Genauigkeit und Eindeutigkeit." Dass er sich als Autor dem Publikum aussetzt, sei die größte Herausforderung. "Im Grunde tue ich etwas, was ich mir gar nicht zutraue", sagt er. Koketterie? "Nein", sagt er, "meine Art, mich zu verändern."

Schon einmal brauchte er allen Mut. Das war Ende der 1990 er Jahre. Nach der Jazz-Schule hatte er ein Psychologiestudium angefangen, als "sinnlos" befunden, abgebrochen und war jahrelang reisend, jobbend, "Bank, Post, Bullshit", durchs Leben geschlingert. Sonntagelang habe er sich auf einsamen Zugfahrten gefragt, wie er verhindern könne, dass er als gescheiterter Mensch sterbe. Und so begann er zu schreiben in dieser Zeit, "die auch anders hätte enden können". Für seine Freunde. Klebte deren Fotos über den Computer und schrieb, strukturiert durch Wochenpläne und "persönliche Leistungsvereinbarungen", an die er sich strikte zu halten zwang. Aus den Texten entstand später der Roman, Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen. Doch an eine Publikation dachte er noch nicht, seine Leser waren die eigenen Freunde im Kopf. "Ich wollte ihnen etwas geben. Sie sollten gopferdammi Freude daran haben – oder wenigstens so tun."

Was immer Simon erzählt, es wird zur Erzählung. Die düsteren Zeiten hübscht er auf mit wohlmodulierten Sätzen, mit Ironie und Anekdoten und lässt immer so tief in den Abgrund blicken, wie das Gegenüber ertragen kann. Und so weit, dass er Herr seiner eigenen Geschichte bleibt.

Dass er auch Herr über seine Texte geblieben ist, merkt, wer im Internet nach ihm sucht. Es gibt ihn dort nicht. Und wenn, dann nicht für lange. Wo immer sich ein Fan oder ein Veranstalter erlaubt, einen Mitschnitt von einem Poetry-Slam auf YouTube hochzuladen, den bittet er freundlich, aber unmissverständlich, diesen doch wieder zu löschen. Seine gesprochenen Texte sind für den Moment gemacht.