DIE ZEIT: Herr Helbich, können Sie in Brüssel noch über die Straße gehen?

David Helbich: Klar, ich bin ein passionierter Spaziergänger. Erst zu Fuß bemerkt man, aus wie vielen kleinen Bildern sich eine Stadt zusammensetzt.

ZEIT: In Ihrem Blog Belgian solutions, der nun auch als Buch erschienen ist, zeigen Sie Brüssel als eine Stadt, die sich aus sehr kuriosen Bildern zusammensetzt. Fußgängerwege, die direkt auf eine Straßenkreuzung zuführen, Rolltreppen, die vor einer Wand enden, halb zugemauerte Eingänge. Nehmen die Brüsseler Ihnen das nicht übel?

Helbich: Überhaupt nicht. Am Anfang gab es ein paar Leute, die die Seite als Beschwerdeforum missverstanden haben. Aber die kamen häufig aus dem Umfeld der Europäischen Kommission. Die Brüsseler haben sofort begriffen, dass das eine Hommage ist an eine Stadt, in der Perfektion keine Kategorien ist.

ZEIT: Aber man braucht schon ein gefestigtes Selbstbewusstsein, um beim Anblick einer Kreuzung mit drei sich widersprechenden Verkehrsschildern nicht die Nerven zu verlieren. In Ihrer Sammlung finden sich dafür diverse Beispiele.

Helbich: Ich gebe gern zu, dass die Kreativität der Brüsseler mitunter zu ärgerlichen Akkumulationen führt. Aber die meisten Dinge, die ich dokumentiere, tun keinem weh, die sind einfach schön anzusehen und zeugen von einer großen Autonomie der Bewohner.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Helbich: Wenn in Brüssel ein Mitarbeiter des Straßenbauamtes einen Radweg markieren soll, der Straßenrand aber vollgeparkt ist, kommt er nicht auf die Idee, die Autos abschleppen zu lassen. Er malt einfach um die Autos drum herum. Von so einem gezackten Radweg gibt es ein tolles Bild in den Solutions. Mein absolutes Lieblingsthema ist zurzeit die Graffiti-Beseitigung: Oft werden die Tags in einer Farbe, die nur halb dem Grundton der Wand entspricht, exakt nachgezeichnet, wodurch sich so eine Rothko-artige Schattierung ergibt. Brüssel verwischt seine Spuren nicht. Hier wird der Spaziergänger zum Archäologen.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung für diesen entspannten Umgang mit dem öffentlichen Raum?

Helbich: Das hat etwas mit der schwachen Zentralregierung zu tun, die andere Sorgen hat als die Picobello-Identität der Hauptstadt, und mit einem großen Misstrauen gegenüber Regeln und Langzeitplänen. Ich muss immer lachen, wenn Touristen erzählt wird, der Architekt des Brüsseler Rathauses habe sich umgebracht, als er feststellte, dass das Hauptportal nicht genau unter dem Turm steht. Ich bin mir sicher, dass der sich gedacht hat, passt schon, ich bin doch kein Sklave der Symmetrie!

ZEIT: Touristen wird auch erzählt, Architekt sei in Brüssel ein Schimpfwort, seit Joseph Poelaert hier im 19. Jahrhundert einen Justizpalast hinbolzte, der alle Dimensionen sprengt.

Helbich: Der Justizpalast ist ein krasses Teil. Die Richter klagen seit Jahrzehnten, dass ihnen da die Verbrecher abhauen. Inzwischen wurden einige der 44 Türen zugenagelt. Keine Ahnung, ob das was bringt, das Haus ist ein Labyrinth, mit vielen dunklen Winkeln und toten Ecken, in denen man sich prima verstecken kann. Es ist aber auch ein Haus, in dem man versteht, wie Öffentlichkeit in Belgien funktioniert. Man kann einfach reinlaufen, jede Tür aufmachen, und wenn sich dahinter jemand gestört fühlt, dann sagt er das schon. Kürzlich habe ich mit Freunden aus Deutschland in einem Fahrstuhl mal auf "Keller" gedrückt. Plötzlich standen wir im Archiv zwischen den Prozessakten. Meine Freunde bekamen gleich Angst: Ja dürfen wir das denn? Ein Brüsseler würde das nie fragen.

ZEIT: Auch nicht in Brüssel ansässige Eurokraten? Die Kommission überlässt ja nicht einmal die Gurkenkrümmung dem Zufall.

Helbich: Lange hatten Brüssel und Europa nicht viel miteinander zu tun, die Eurokraten saßen in den Europavierteln im schicken Südwesten. Seit der Osterweiterung hat sich das verändert. Plötzlich kamen all diese jungen Polen, Tschechen, Slowaken und Letten, die kein Problem damit hatten, dass die Stadt ein bisschen unaufgeräumt wirkt. Die zogen gerne in die Innenstadtviertel, saßen in den Bars, luden ihre Freunde ein. Die Brüsseler konnten es gar nicht fassen.