Wie leicht machte es doch Jean-Marie Le Pen seinen Gegnern: Als er 1987 von den Gaskammern als einem "Randaspekt der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" sprach, war die Empörung groß. Und seine Verschwörungstheorie, dass der 11. September von Amerikanern und Israelis inszeniert worden sei, nahmen ohnehin nur diejenigen ernst, die glaubten, dass es ohne Le Pen mit Frankreich und der Welt bergab gehe.

Er war nicht der erste Franzose, der Rettung von rechts versprach: In den fünfziger Jahren predigte Pierre Poujade, für dessen "Union zur Verteidigung der Händler und Handwerker" Le Pen 1956 in die Nationalversammlung einzog, einfache Lösungen und schürte die Judenfeindschaft. Während des Zweiten Weltkriegs kollaborierte der greise Marschall Philippe Pétain mit den Nazis, um Land und Nation zu schützen, wie er behauptete. Der operettenhafte General Georges Boulanger hatte bereits im späten 19. Jahrhundert mit rechtsradikalen Ideen Front gegen die Republik gemacht. Gescheitert sind sie alle, und so könnte man die Gefahr von rechts in Frankreich als ephemeres Problem betrachten, das sich noch stets von selbst erledigt hat – wäre da nicht die geschickte Tochter des alten Le Pen, Marine, die den rassistischen, antijüdischen und antikapitalistischen Ressentiments mit dem Front National derzeit ein neues, moderates Aussehen verschafft.

Alle drei Ressentiments gehören zu einer langen rechtsextremen Tradition in Frankreich. So sieht es zumindest der 1935 in Polen geborene israelisch-französische Historiker Zeev Sternhell. Seit den siebziger Jahren versucht er nachzuweisen, dass die Positionen Jean-Marie Le Pens und anderer Rechter kein Import aus Deutschland und Italien sind, sondern genuin französischen Ursprungs. Vom späten 19. und frühen 20. Jahrhundert führe eine direkte geistesgeschichtliche Linie zur Kollaborationsregierung von Vichy. Um diese These ist in Frankreich nun erneut eine aufgeregte Debatte entflammt.

Erstmals hat Sternhell sie 1983 in seinem Buch Ni droite ni gauche. L’idéologie fasciste en France ("Weder rechts noch links. Die faschistische Ideologie in Frankreich") formuliert. Der Historiker beginnt mit der Dreyfus-Affäre von 1894. Die hat zwar mit der Rehabilitation des zu Unrecht des Landesverrats beschuldigten jüdischen Hauptmanns geendet, laut Sternhell den Antisemiten aber auch zur Selbstdarstellung gedient und die Gründung rechtsextremer Zirkel inspiriert. Der einflussreichste davon war die Action française, eine Gruppe junger Intellektueller um den Schriftsteller Charles Maurras, deren anfangs noch kleines gleichnamiges Kampfblatt ab 1908 als auflagenstarke Tageszeitung erschien. Auf diese um 1900 entstandene Szene, aus der in den zwanziger und dreißiger Jahren etliche faschistische Splitterparteien hervorgingen, habe sich dann zwischen 1940 und 1944 die Kollaborationsregierung von Vichy unter Pétain stützen können.

Das Buch erregte 1983 einiges Aufsehen, auch weil Sternhell die Namen noch lebender Exfaschisten nannte. So hatte er etwa an die Mitgliedschaft des Publizisten Bertrand de Jouvenel im Parti populaire français (PPF) des faschistischen Demagogen Jacques Doriot erinnert sowie an Jouvenels Interview mit Hitler im Jahr 1936, das den angeblichen Friedenswillen des Diktators demonstrieren sollte. Jouvenel sah seine Ehre verletzt, die Sache kam vor Gericht. In einer Detailfrage sprach es Sternhell schuldig, aber ausdrücklich nicht für seine Deutung des PPF und der Rolle, die Jouvenel in ihr gespielt hatte. Es war ein bizarrer Prozess – als ließen sich historische Fragen von einem Richter entscheiden!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Viele Historiker verhielten sich damals auffallend zurückhaltend, denn die meisten von ihnen hingen einer anderen Sicht auf die Vergangenheit an. Sie folgten im Wesentlichen René Rémond, dem Doyen der französischen Politikwissenschaft. Laut Rémond ging das Denken der französischen Rechten auf drei verschiedene Quellen zurück: auf die royalistischen Legitimisten (also die Befürworter einer Rückkehr der Bourbonen), auf die nicht minder monarchisch gesinnten Orléanisten (deren Leitbild das "Bürgerkönigtum" Louis-Philippes war) sowie auf die sich an einem nostalgischen Napoleon-Bild orientierenden Bonapartisten. Eine revolutionäre Rechte aber wie in Italien und Deutschland, die den Kampf als Daseinsgrund propagiert, das Individuum der Masse und die Schwachen den Starken unterordnet und somit die Werte der Aufklärung negiert, kam in Rémonds Anatomie der französischen Rechten nicht vor. Im Gegenteil: Frankreich habe eine gewisse Immunität gegenüber dem Faschismus entwickelt, was seiner langen republikanischen und demokratischen Tradition geschuldet sei. Genau diese Selbstgewissheit stellt Zeev Sternhell infrage.

Der Historiker und Politikwissenschaftler, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 an der Universität von Jerusalem lehrte, hat ein ambivalentes Verhältnis zu Frankreich. Die Schoah hat er als Kind im polnischen Przemyśl nur knapp überlebt. Im Nachkriegsfrankreich kann er zum ersten Mal frei atmen. Auf dem Gymnasium in Avignon erfährt er keinerlei Diskriminierung; er lernt ein republikanisches, laizistisches Gemeinwesen kennen, das den Idealen der Aufklärung verpflichtet ist und in dem der Einzelne als Bürger, als citoyen, wahrgenommen wird und nicht als Angehöriger einer religiös, national oder sonst wie definierten Gruppe. Gleichzeitig jedoch entdeckt der Schüler und Student, dass die Opposition zu dieser aufklärerisch-republikanischen Tradition ebenso zu Frankreich und seiner Geschichte gehört: Er liest Georges Sorels Réflexions sur la violence (Über die Gewalt) und Maurice Barrès’ Les Déracinés ("Die Entwurzelten"), zwei Schlüsselwerke der französischen Rechten aus der Zeit um 1900.