In der deutschen "Bewusstseins-Industrie" (so Hans Magnus Enzensbergers immer noch genialer Begriff) gab es in den vergangenen Jahren niemand Mächtigeren als Frank Schirrmacher, was sowohl seine Verächter als auch seine Verehrer unterschreiben würden. Seit der Bestsellerautor und für das Feuilleton zuständige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juni plötzlich im Alter von 54 Jahren starb, ist beides vakant: seine mächtige Stelle bei der FAZ wie im deutschen Kulturbetrieb.

Schirrmachers Tod traf seinen Arbeitgeber mitten in der Krise der Printmedien, insbesondere der Tageszeitungen. Die FAZ-Gruppe steht vor einem tief greifenden Umbau, 200 von 900 Stellen sollen gestrichen werden. Kurz zuvor hatte man in Frankfurt sogar beschlossen, das Herausgebergremium – jene sagenumwobene kollektive Führung der Zeitung, die seit ihrer Gründung 1949 wie ein Chefredakteur agiert – von fünf auf vier Posten zu reduzieren. Nach Schirrmachers Tod ging Mitherausgeber Günther Nonnenmacher jedoch erst einmal nicht wie geplant in Rente, sondern verwaltete interimistisch dessen Erbe. Und machte sich auf die Suche nach einem Nachfolger. Der Soziologe Niklas Luhmann hat bereits 1962 in seinem klassischen Aufsatz Der neue Chef die heiklen Punkte jeder neuen Führung benannt, um eine "Periode der Unsicherheit" zu überstehen: "(1) Legitimität des Wechsels nach den informalen Normen und Wertvorstellungen; (2) bürokratische Regulierung der Position und des Wechsels; (3) Herkunft des neuen Chefs aus der Organisation oder von außen; (4) Persönlichkeit des Vorgängers."

Jetzt, nach einem halben Jahr, soll die Zeit der Spekulationen und durch die Branche geisternden Gerüchte bald vorbei sein – zumindest für das FAZ-Feuilleton. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass der Aufsichtsrat der FAZ auf seiner Sitzung am 9. Dezember die wichtige Personalie durchwinken werde, weil die vier Herausgeber ihren Kandidaten bis dahin benannt haben werden, der aus der "Organisation" kommt: den 1962 geborenen Jürgen Kaube, stellvertretender Leiter des Feuilletons, einst Schüler des Soziologen Luhmann und seit 1999 bei der FAZ, zuständig für Geisteswissenschaften und Sachbücher. Der Aufsichtsratsvorsitzende Karl Dietrich Seikel habe signalisiert, sich einer Entscheidung der Herausgeber nicht entgegenzustellen.

Im Spiegel beschworen die Wirtschaftsredakteure Alexander Kühn und Markus Brauck bereits den "Unmut", der im FAZ-Feuilleton über den designierten Herausgeber herrsche, und kennzeichneten Kaube im Gegensatz zu Schirrmacher und dessen Debattenfeuilleton als "Mann des klassisch-konservativen Feuilletons", unter dem der Kulturteil Gefahr liefe, die Rolle als "intellektuell-liberaler Gegenpol" zum Politikteil zu verlieren. Auf Nachfrage will Kaube die Meldung nicht kommentieren, amüsiert sich aber über die Bewertungen seiner Person im Spiegel: "Wer das so sieht, kann in den letzten Jahren nicht viel von mir gelesen haben." Tatsächlich ist Jürgen Kaube als äußerst scharfzüngiger Autor bekannt und gefürchtet, politisch keineswegs festzulegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

"Die Maßanzüge sind bereits geschneidert", lästert ein ihm im Übrigen sehr wohlgesinnter Kollege, der wie alle anderen Journalisten aus dem näheren Umfeld naturgemäß zum jetzigen Zeitpunkt nicht genannt werden will. Niemand will kommentieren, aber einige haben in der Tat Angst vor einer Wende. Andere finden: "Das Ressort ist nicht in Unruhe, vielmehr in freudiger Ruhe." Verhandelt wurde in den vergangenen Monaten mit der in Elternzeit befindlichen Literaturchefin Felicitas von Lovenberg sowie mit Florian Illies, Bestsellerautor und derzeit Gesellschafter des Kunst-Auktionshauses Villa Grisebach. Illies gilt als genialer Blattmacher, ist FAZ-Gewächs und war Co-Feuilletonchef der ZEIT. Er dementierte bereits im September: "Die Villa Grisebach ist zu meiner beruflichen Heimat geworden." Wie ernsthaft die Gespräche verliefen, bleibt vorerst im Dunkeln. "Eigentlich müsste man über die Monate seit Schirrmachers Tod irgendwann ein Buch schreiben", sagt einer, der sie miterlebt hat. Weitere Namen schwirrten durch die Luft, zuletzt vor allem auch der von Mathias Müller von Blumencron, der FAZ.net verantwortet, einst Co-Chef beim Spiegel. Denn entscheidend für die Zukunft der FAZ wird ein überzeugendes Konzept für die digitalen Inhalte werden, bislang erweist sich das unübersichtliche Eigentümermodell im Zusammenspiel mit einer mächtigen Herausgebertruppe als kaum krisentaugliches Konstrukt für nötige Entscheidungen.