Angeblich passiert es alle elf Minuten. Dann, so weiß die Werbung, verliebt sich wieder ein Single in einen anderen. Zwei Ichs werden zum Wir, an jeder Bushaltestelle bellen sie ihr Glück in die Welt. Niemand muss allein sein!, scheinen sie zu rufen. Man muss es nur wollen!

Wollen tut sie ja. Zumindest ist die junge Frau, die allein an den übergroß kopierten Fotos der Partneragenturen vorbeigeht, keine programmatische Einzelgängerin. Mauerblümchen hat man sie früher genannt, graue Maus, schüchternes Wesen. Zu unscheinbar und timide, um wahrgenommen zu werden, eine, die sang- und klanglos ins soziale Abseits geriet und dort auf alle Ewigkeit im Schatten stand.

Jetzt tritt sie ins Licht. Die neue einsame Frau lebt mittendrin, zwischen all den anderen erfolgreichen, attraktiven, sozial erfüllten jungen Menschen. In ihrem Milieu ist es unmöglich geworden, sie zu erkennen: Auch sie lebt in urbanen Ballungszentren, arbeitet in Agenturen, wird Lehrerin oder Professorin, stellt in Galerien aus, schreibt Bücher oder Blogs, designt Mode oder Websites und trägt ein ständig vibrierendes Handy mit sich herum. Ein Premiumsingle, ein potenzieller Elitepartner, genau wie die Werbung sie anpreist, allererste Ware, die nach spätestens elf Minuten nicht mehr auf dem Markt sein dürfte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Doch es gibt sie, sogar mehr als je zuvor. Aus der öffentlichen Sichtbarkeit mag die Einsamkeit von Menschen im sogenannten heiratsfähigen Alter zwischen Ende 20 und Ende 30 verschwunden sein. Statistisch irritieren dagegen seit Jahren aberwitzige Zahlen über Singles, die gerade in Großstädten, in denen mitunter mittlerweile jeder Dritte allein lebt, nicht zueinander finden können oder finden wollen. Die Partnerbörsenästhetik akzeptiert Singles nur als selbstbewusst Suchende, die kurze Übergangszeiten durchleben, unbedingt willig, ihr unfertiges Leben durch einen anderen zu vervollständigen. Schließlich gilt Zweisamkeit noch immer als Utopie des gesunden, des guten Lebens. Das suggerieren nicht nur Paarbörsen und wedding planners, sondern auch die Titelblätter der Frauenzeitschriften von Gala bis InTouch. Hier zerbrechen Frauen an der Einsamkeit, hier sind sie "so schön und doch so allein", hier wird mit "20 Liebeserlebnissen, die eine Frau erlebt haben muss", gestresst.

Diese neue Einsamkeit hat nichts von der alten, der klassischen Einsamkeit. Nicht isoliert, sondern bestens integriert ist der Single von heute. Als Verkörperung einer vernetzten Gegenwart scheinen für ihn Alleinsein und sozialer Erfolg keine Ambivalenz mehr zu bilden. Nicht auf die eine, bessere Hälfte abgestimmt, sondern tortendiagrammartig ist sein Beziehungsleben gestaltet, vom besten Freund über den immer erreichbaren Kollegen bis zum Whats-App-Dauerflirt ist jeder Posten fest besetzt. Für den neuen, übersozialen Einzelgänger bleibt weder Zeit noch Raum, um sich einsam zu fühlen – ein Zustand, der besonders bei der jungen Frau auffällig ist, da sie der eigentliche Star der kapitalistischen Arbeits- und Selbstverwirklichungsgesellschaft ist: An den Universitäten reüssiert sie, ist ehrgeiziger als ihre männlichen Altersgenossen, wird systematisch gefördert und quotiert, den Medien erklärt sie die Welt. Kurz und verstörend: Die junge Frau ist unser Lieblingsleistungsträger – und gleichzeitig, durch ihr Alleinsein, ein Mängelwesen.

Während der alleinstehende junge Mann weitestgehend in Ruhe gelassen wird – vielleicht ist er einfach noch nicht so weit, vermutlich sucht er erst mal einen festen Job oder sich selbst, wartet darauf, gefunden zu werden, oder muss sich, umgekehrt, noch eine Weile austoben –, bleibt der Blick der Gemeinschaft an der Singlefrau hängen.

Die Industrie hat sich schon lange auf sie eingestellt. Eigens auf sie abgestimmte Identifikationsangebote wie die Fernsehserie Girls und Kinofilme wie Frances Ha porträtieren liebenswert neurotische und sehr einsame Großstadtfrauen, Autorinnen wie die US-Künstlerin Miranda July schreiben aus ihrer Lebenswelt. Anders als die pummelige, Kalorien zählende Figur der Bridget Jones, deren Tagebuch noch Anfang der 2000er zum Bestseller wurde, haben die neuen Protagonistinnen der Einsamkeit sich aber in ihrem Zustand eingerichtet.

In der Realität stellen sie genau deshalb eine wachsende Herausforderung für ihr Umfeld dar. Fürsorgliche Eltern werden mit jedem weiteren Geburtstag der erwachsenen Tochter besorgter, gute Freunde ratlos. Schließlich sind es Psychologen und Coaches, die ihren jungen Klientinnen, die auf Facebook doch eigentlich so glücklich aussehen, die Diagnosen der Therapiegesellschaft überbringen: Bindungsangst, zu hohe Ansprüche, Hedonismus. Die Sprache, in der der partnerlose Alltag pathologisiert wird, bedient sich des Vokabulars der Unternehmensberatung, die sich auf Doppelbotschaften spezialisiert hat: Bleib, wie du bist, aber verändere dich!

Kaum schienen jahrhundertelang währende gesellschaftliche Unterdrückung, Bevormundung und Abhängigkeit überwunden, soll sich die Frau nun also auf die Couch legen.

Und den Gefallen tut sie allen: Sie investiert tatsächlich viel in diese Arbeit am Ich. Denn auch ihr ist die eigene chronische Beziehungslosigkeit, die im Gewimmel der Studentenjahre kaum auffiel und erst vor der Kulisse des Erwachsenenlebens zwischen Ende 20 und Ende 30, zu einem Makel wurde, nicht geheuer. Je erfüllter ihr Leben ist, desto weniger versteht sie selbst ihre Einsamkeit, mit der es sich zwar gut lebt, die aber latent auch bei ihr die tradierten Schreckensbilder des Alleinseins umhergeistern lässt: die verbitterte alte Jungfer als imaginierter Endpunkt einer erfolglosen Partnersuche, die Angst, nach und nach zu einer crazy cat lady zu werden, einer wunderlichen Alten, die nur noch mit ihren Katzen spricht. Bilder, die perfiderweise vom immer lauteren Ticken der biologischen Uhr untermalt werden.

Liegt es womöglich an ihr?

Nur selten, an den wenigen Abenden, die die einsame junge Frau statt unter Leute zu gehen einmal allein zu Hause verbringt, führen diese schlummernden Selbstzweifel zum plötzlichen Zusammenbruch – und ins Abgleiten in die "Struktur der Selbstbeschuldigung", wie es die Philosophin Eva Illouz nennt. Wenn vor der Sushi-Singlebox plötzlich alle Bekannten wie Menschen erscheinen, die nach und nach vom Monster der Verpartnerung verschluckt wurden, brechen die großen Fragen über sie herein: Warum finde ich keinen Mann? Liegt es an mir?

Ja, liegt es womöglich an ihr?

In der sich immer weiter verlängernden Phase des Erwachsenwerdens, in der nach Ausbildungszeiten meist kein Leben in festen Jobs und Reihenhausern, sondern noch Jahre der weiteren Orientierung folgen, erscheint insbesondere der Mann, dem die einsame junge Frau begegnet, in einer ewig unverbindlichen Adoleszenzphase festzustecken. Sie treffe einfach keine tauglichen Kandidaten mehr, klagt die einsame Frau und denkt gar nicht daran, sich ihrerseits für jemanden zu verbiegen, der nicht einmal zuverlässig auf SMS antwortet. Nicht eingebildet, aber doch zu stolz ist sie, um einem hinterherzurennen, den man erst überreden müsste. Bis sie auch nur darüber nachdenkt, ihre straff organisierte Flexibilität, in der sie sich verpanzert hat, aufzugeben, müsste schon einiges passieren.

Doch es passiert eben meistens nicht. So aufgefangen, so absorbiert ist sie von ihrem Leben, dass der Leidensdruck der jungen Frau nicht hoch genug wird. Auf Männer kann sie dadurch vergeben wirken. Vor dem anscheinend perfekten Leben, das sie sich aufgebaut hat, schrecken sie zurück.

Bildet sich die einsame junge Frau vielleicht nur ein, dass ihr kaum Männer auf Augenhöhe begegnen? Hat sie bei Hollywoodfilmen und Fernsehformaten wie Der Bachelor nicht aufgepasst, wie man es richtig macht? Glaubt sie gar nicht mehr an die Erlösungsfantasie Mann? Oder ist sie, umgekehrt, zu sehr davon beeindruckt?

Trotz all der ironischen Distanz, mit der sie Casting- und Datingshows schaut, bleibt etwas von diesen Bildern haften. Aussortiert werden schließlich nicht nur die, die nicht schlank genug sind. Sondern vor allem jene, die nicht genug für ihre Persönlichkeit tun, die nicht genug an sich selbst glauben. Frauenmagazine bewundern attraktive Junggesellen (bis vor kurzem George Clooney), während sie sich mütterlich bevormundend über weibliche Singles (Jennifer Aniston) beugen: Strahlen sie zu viel Verbissenheit aus? Sollten sie mehr an ihrem Karma arbeiten? Das Projekt der funktionalen Selbstliebe wird nicht nur in den Medien mit dem Eifer protestantischer Arbeitsethik inszeniert – auch Therapeuten und Entspannungsgurus preisen Entgiftungskuren an, Yoga-Retreats und Klosteraufenthalte, um sich selbst wieder eine gute Freundin zu sein, sich zu "spüren". Der Weg zum glücklichen Ich (und damit letztlich zum Wir) scheint nur über körperliche und seelische Entschlackung zu gehen, sprich: über harte Arbeit.

Doch warum muss die arme einsame junge Frau immer weiter an ihrem Werden arbeiten, warum kann sie nicht einfach sein, wie sie ist? Als Figur, die weder in das Bild der verhärmten Akademikerin noch in das der eisigen Karrierefrau passt, liegt der Skandal ihrer Existenz darin, dass sie keine Bedürftigkeit mehr ausstrahlt, die Frauen so unwiderstehlich macht: Keiner muss sie schützen, keiner sich zu ihr herabbeugen, keiner ihr etwas beibringen.

Nach außen selbstbewusst, immer beschäftigt und voll finanziert, scheint die einsame junge Frau nichts und niemanden zu brauchen. Wie ein Verrat am Paarideal wirkt ihr Leben, das jede romantische, aber auch leidige Fixierung auf eine einzige Person mutwillig abgestreift hat. Anders kann sich ihre Umwelt den Langzeitsinglestatus nicht erklären, ebenso wenig wie die unterstellte Sexlosigkeit, über die hinter dem Rücken der Singlefrau spekuliert wird: Braucht sie das nicht?

Gerade die Aura der libidinösen Unabhängigkeit stellt eine Provokation für die Gesellschaft dar. Unsere Zeit, in der Fortpflanzung als demografische Bürgerpflicht angesehen wird, fasst die einsame junge Frau als biologische Beleidigung auf. Schließlich scheint sie freiwillig nicht mitmachen zu wollen, während andere Familien gründen. Offenbar mutwillig fördert sie die unheimlich-futuristisch anmutende Vision einer kommenden Normalität in selbstbestimmter Fortpflanzung, die social freezing, das Einfrieren von Eizellen, als praktische Lösung entdeckt hat, um die Lebensplanung komplett frei gestaltbar werden zu lassen und damit auch die letzte Abhängigkeit an eine alte, verstaubte Zeit zu kappen, in der Faktoren wie Mann, Zeit, Biologie eine Rolle spielten.

Es ist eine beunruhigende Freiheit, die im Gewand der einsamen jungen Frau plötzlich auf die Bühne tritt. Nicht nur beweist sie den Bruch mit sämtlichen weiblichen Rollenmodellen, mehr noch: Es ist der Auftritt einer Figur, die als personifizierte Individualisierung erscheint. Unheimlich unabhängig und dabei auch noch glücklich – oder jedenfalls nicht unglücklich –, ein schillerndes Phantasma und die ultimative Horrorvision zugleich: das Leben in absoluter Autarkie, unerreichbar für alle.

Die Herausforderungen an ein autonomes, erfolgreiches Individuum bewältigend, ist die einsame junge Frau zu einer Projektionsfläche geworden. Eine Ikone der Selbstbestimmung, eine Trümmerfrau der Moderne, die alles mit eigenen Händen schafft und schultert, bewundernswert, bemitleidenswert. Die Selbstverwirklichungsgesellschaft, die sie hervorgebracht hat und ihre Scheinwerfer so gern auf ihr ruhen lässt, weicht nun, da ihr Liebling zu stark geworden ist, geblendet zurück. Übertriebenen Feminismus, übertriebene Selbstliebe, übertriebenen Anspruch, das wirft sie der jungen Frau vor und trifft doch nur die Welt, die sie selbst entwarf: unabhängig, unverletzlich, zuletzt aber angsteinflößend. Reales Alleinsein, missverstanden als kränkendes Statement für den Rest der Welt – vermutlich liegt hierin die eigentliche Tragik der neuen einsamen Frau.