Worum geht’s? Fangen wir mit einem konkreten Beispiel an – ohne die Geschichte zu einer individuellen zu machen. Stellen Sie sich vor: Eine Person hadert mit bestimmten Diskriminierungen. Lange benennt diese Person es als Sexismus, als Diskriminierung von Frauen, dann auch als Diskriminierung von Lesben. Und irgendwann realisiert diese Person für sich, dass es die Idee von zwei Geschlechtern ist, die für viele problematisch ist, die Idee, dass es nur Frauen und Männer gäbe. Im Versuch, dies auszusprechen, merkt die Person, dass es keine Wortformen gibt, um Zweigeschlechtlichkeit als nur eine Option auszudrücken. Die Person fragt andere, probiert rum mit Unterstrichformen wie Leser_in. Aber auch da wird ja Männlichkeit und Weiblichkeit wieder als Norm aufgerufen mit einer Leerstelle genau in der Mitte. Für viele Kontexte stimmt das – aber als Selbstansprache? Und dann, in einem längeren Prozess, entwickelt die Person, im Austausch mit anderen, eine Form auf X als Selbstansprache – und durchkreuzt bisherige Vorstellungen: Lesx, ausgesprochen Lesiks. Ganz einfach eigentlich, dachte die Person. Und dann, nachdem die Form in Communities, die genauso hadern mit dieser Norm der Zweigeschlechtlichkeit, diskutiert und ausprobiert wurde, schreibt die Person auf ihrer Homepage: Wenn Sie mit mir in meiner Profession Kontakt aufnehmen wollen, sprechen Sie mich bitte nicht mit "Sehr geehrte Frau Professorin" oder "Sehr geehrter Herr Professor" an. Eine mögliche Ansprache wäre "Sehr geehrtx Professx".

So beginnt die Geschichte. Der dann folgende Shitstorm ist vielen bekannt: Screenshots der Homepage von hochstehenden Medienleuten, die sich nicht nur lustig gemacht, sondern diffamiert haben, Facebook-Diskriminierungen ohne Ende, Hass-Mails.

Es gibt offenbar eine weitverbreitete Angst, dass nicht nur die Geschlechterrollen von Frauen und Männern auf ihre Machtrelationen hin befragt werden, sondern dass Zweigeschlechtlichkeit an sich vielleicht nur eine Norm ist, die andere Selbstverständnisse verunmöglicht. Das heißt ja nicht, dass es morgen keine Frauen und Männer mehr geben wird, sondern dass ein unhinterfragtes Akzeptieren von Zweigeschlechtlichkeit ein Privileg sein kann. Weiß-Sein zu benennen oder Mann-Sein als Norm, das scheint eine große gesellschaftliche Herausforderung zu sein. In allen größeren Medien finden sich Beispiele dafür, wie eine bestimmte soziale Gruppe an der Idee, neutral, objektiv, einfach Mensch zu sein, in teilweise respektloser und gewaltvoller Weise festhält. Das Spektrum an Kommentaren und Mails zu obiger Geschichte beinhaltet sogar Vergewaltigungsandrohungen zur "Umerziehung" und Anrufungen staatlicher Institutionen: Geschlossene Psychiatrien und Gefängnisse seien doch genau für solch 'Fälle' gedacht. Gesellschaftliche Institutionen werden hier also als neutral und wichtig gesetzt, um mit Differenzen umzugehen. Interessant ist auch, dass viele dieser gewaltschreibenden Leute sich als Vertreter einer Freiheit des Denkens verstehen. Dazu gehört, dass sie sich keinen Maulkorb verpassen lassen wollen. Etwa, wenn sie die berechtigten Wünsche von Diskriminierten ignorieren, bestimmte Formen nicht mehr zu verwenden, wie das N-Wort in Bezug auf Rassismus. Stattdessen wiederholen sie das Wort, sozusagen als Freiheitsbeweis. Genau diese Menschen versuchen alles, die Person aus der Geschichte mundtot zu machen. So weit ist es also nicht her mit der Freiheit – oder nur dann, wenn es dem eigenen Normalempfinden nicht zuwiderläuft. Sich zu entscheiden, den Begriff nicht zu verwenden – das wäre eine politische Handlung und definitiv etwas anderes als ein Sprechverbot.

Ein Punkt, der zu der großen Aufregung beigetragen hat, ist, dass die Person aus der Geschichte eine Professur hat und vom Staat bezahlt wird. Und dass es also eine Grundvorstellung gibt, dass der Staat maximal toleriert und integriert, nicht aber die eigenen Dimensionen struktureller Diskriminierungen wahrnehmen darf. Die gute Nachricht für die Menschen, die Angst davor haben, der Staat könnte sich mit der strukturellen Dimension von Diskriminierung beschäftigen: Es passiert nicht in größerem Umfang, wie allein schon die unsägliche Vermeidung einer konsequenten Frauenquote zeigt – eine Diskussion, die wie ein Nachholen der achtziger Jahre in Deutschland ist, verglichen mit Schweden etwa. Stattdessen gibt es eine Tendenz zur Individualisierung von Handlungen, auch Diskriminierungen: Einzelne Personen sind die Bösen, die Gefährlichen oder die Verletzten. So hat auch diese Geschichte angefangen. Da die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Veränderungen so umfassend und diffus sind, ist es für viele entlastend, endlich ein 'persönliches' Ziel für ihre Wut und Verunsicherung zu haben. Es ist vor allem ein gesellschaftliches Problem, dass Zweigeschlechtlichkeit eine starke Norm ist.

Gesellschaftliche Veränderungen sind getragen von grundlegenderen Irritationen, sie sind nicht angepasst und nicht einfach für diejenigen, die ihre privilegierten Machtpositionen bisher vielleicht noch nicht viel reflektieren mussten. Im besten Fall kann eine privilegierte Person dadurch lernen, ihre Perspektive als nur eine unter vielen zu verstehen – und zu sehen, wie sehr sie das bisher nicht hat wahrnehmen können.

Und wie ist die Geschichte ausgegangen? Sie geht in vielen Formen weiter. Es gibt neue Solidaritäten, viel respektvolle Unterstützung für Kämpfe gegen Diskriminierung und viele neue Ideen für Benennungen jenseits von Zweigeschlechtlichkeit. Und das ist ein sehr schöner Beginn für eine neue Geschichte.