Ulrich Seidls Filme sind Zumutungen im besten Sinne. Sie zeigen vermeintlich Peinliches, Abnormes, Skurriles, Extremes, loten mit furchtloser Neugier alltägliche Abgründe aus. Man kann Seidls Idee, einen Film über Österreichs Keller zu drehen, morbide finden. Andererseits leuchtet es ein, dass sich im Herkunftsland der Psychoanalyse, in den Untergeschossen der österreichischen Mentalität und Alltagskultur allerhand Geheimnisse, skurriles Seelengerümpel und interessante Privatobsessionen verbergen. In Im Keller richtet Ulrich Seidl das Kameraobjektiv auf Sportkeller, Waschkeller, Partykeller, Spielautomatenkeller, Jagdtrophäenkeller, Schießkeller, Sadomaso-Keller, Kurzwellenfunkerkeller, Babypuppenkeller, Nazi-Devotionalien-Keller. Genauer: Er bietet den Kellerbesitzern – tatsächlich sieht man sie fast ausschließlich in ihren Räumen unter der Erde – die Möglichkeit, sich vor seiner meist streng einen einzigen Bildausschnitt zeigenden Kamera zu inszenieren.

Dieses Verfahren unterbindet jeden Voyeurismus. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Kamera von Seidls Figuren wie ein Spiegel genutzt wird, mit dem sie sich und ihr Kellerleben beobachten – und teils wie auf einer imaginären Bühne präsentieren. Da ist zum Beispiel die Frau, die aus einem Karton eine lebensgroße Babypuppe zieht, sie liebkost, mit sanfter Stimme beruhigt und tröstet. Sucht hier eine Erwachsene das Kind in sich? Oder einen gespenstischen Ersatz für ein nie gehabtes oder verstorbenes Kind? Und was mag das Ehepaar denken, das wie zwei Tempelskulpturen vor seiner Kellerbar sitzt?

Seidl betrachtet, stellt keine Fragen. Und so erfährt man auch nicht, für oder gegen wen oder was der Sportschütze mit den schwarz gefärbten Haaren trainiert. Am Schießstand demonstriert er, wie schnell er seine Pistole ziehen, entsichern und abdrücken kann. Zwischendurch singt er mit beeindruckend voluminöser Tenorstimme italienische Arien. Später sieht man ihn mit seinen Kameraden beim Glaserl Wein diskutieren, über "Türken und andere Naturvölker, Hunnen und so".

Im Keller, der ja eine Art geheimes Spielzimmer für Erwachsene ist, wirken Seidls Figuren manchmal auf anrührende Weise infantil, wenn sie ihre Sehnsüchte und Sammlungen präsentieren. Stolz zählt ein Ehepaar die Möbelpreise in einem Partykeller auf, in dem längst nicht mehr gefeiert wird. Noch stolzer führt der knorzige Jäger durch seine Trophäensammlung: "Hier das Gnu, da die Warzensau."

In der Natur des Kellers liegt, dass er enthält, was dem Tageslicht ansonsten verborgen bleiben soll. Umso erstaunlicher ist, mit welcher Gelassenheit ein etwa siebzigjähriger Mann, Hobbymusiker, Tubaspieler, sich in jenem Raum filmen lässt, der in einem österreichischen Film über dieses Thema wohl nicht fehlen kann: im Nazi-Keller. Zwischen Wehrmachtsuniformen, Fahnen, Gewehren, Helmen, Hakenkreuzen in allen erdenklichen Variationen spricht der Mann gerührt über das "schönste Hochzeitsgeschenk", überreicht von seinen Kapellenfreunden: ein riesiges Hitler-Porträt im Bildhintergrund. Einmal sieht man die Herrenrunde, während sie sich unter dem Hitler-Bild volllaufen lässt: "Ein Prohoooosit der Gemütlichkeit!"

Neben seinen Spielfilmen hat Ulrich Seidl inszenierte Dokumentarfilme über österreichische Christen gedreht (Jesus, du weißt), über koksende, hungernde Models (Models), über die Liebe von Menschen zu ihren Haustieren (Tierische Liebe), über einen Mathematiklehrer, der fasziniert von weiblichen Rundungen ist (Der Busenfreund). Für seinen Kellerfilm, der über Jahre hinweg entstand und dessen Grundidee übrigens nicht auf dem Fall Natascha Kampusch beruht, kommt er dem am nächsten, was man eine empathische Betrachtung der Menschennatur nennen könnte. Denn ganz langsam entwickelt sich Im Keller zu einer dokumentarischen condition humaine. Und das liegt nicht zuletzt am Sex. An der Entspanntheit, mit der in diesem Film Perversionen ausgelebt und reflektiert werden.

Eine Masochistin, die beim Sozialamt Opfer häuslicher Gewalt berät, zieht – kunstvoll gefesselt – die Linie zwischen freiwillig und unfreiwillig ertragenen Schmerzen. Ein Mann im Ledertanga beschreibt schüchtern, fast verwundert sein außerordentliches Ejakulationsvermögen und dessen Effekt auf Frauen. Am ausführlichsten filmt Ulrich Seidl ein Ehepaar, das sich im Keller ein dunkelrot tapeziertes sadomasochistisches Paradies eingerichtet hat: Streckbank, Analdildos und andere Gerätschaften. Die beiden sind die einzigen Figuren, die Seidl auch in ihren Wohnräumen zeigt. Und während man sich gerade an irritierende Formen der Toilettenhygiene gewöhnt hat ("Schwein, komm her!") oder auch an den Anblick des Geschirr spülenden Ehemannes mit einem kiloschweren Gewicht an den Hoden, spricht seine Frau verzückt über ihre Liebe zu ihrem "Ehesklaven". Über das absolute Vertrauen als Basis der Beziehung. Über ihre Freude daran, "dass im Haus getan wird, was gesagt wird".

Es ist die Harmonie einer zweisamen Perversion. Die bildgewordene Normalität des sogenannten Anormalen. Es ist der Keller als Wille und als Vorstellung. Angesichts der heiteren sadomasochistischen Selbstbefreiungsidylle, die sich in Ulrich Seidls Film so ganz und gar vertrauensvoll präsentiert, hat man plötzlich das Gefühl, dass es doch noch Hoffnung gibt. Auch für Österreich, dieses seltsame Kellerland.