Jeremy Rifkin © Reuters

DIE ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, dass wir eine Revolution der Wirtschaft erleben?

Jeremy Rifkin: Da gab es wirklich einen Moment. Seit 20 Jahren gebe ich an der Wharton School in Philadelphia Kurse für Topmanager. Und im Jahr 2000 kam eine kleine Internetfirma namens Napster auf, bei der man Musik mit anderen teilen konnte. Ich sagte zu meinen Vorstandschefs: "Sieht so aus, als gebe es hier eine Plattform, auf der Menschen Musik zu Grenzkosten von kaum mehr als null teilen können – Millionen von ihnen sogar, die an der Musikindustrie vorbeikommen." Und ich fragte im Seminar: "Ist das jetzt nur eine Ausnahme, eine Anomalie, oder sehen wir hier ein tief greifendes Muster künftiger Wirtschaft?" Niemand dachte, das sei relevant. Ich habe die Frage ein Jahrzehnt lang jedes Jahr wieder gestellt und erlebte eine tief greifende Veränderung. Denn wir haben gesehen, wie sich das Null-Grenzkosten-Phänomen verbreitete ...

ZEIT: ... womit Sie meinen, dass die Verteilung eines Produkts an einen weiteren Nutzer so gut wie nichts kostet. Ist ein Inhalt erst mal produziert, lässt er sich nahezu kostenlos vervielfältigen.

Rifkin: Die Informationsgüterindustrie geriet also unter Druck, erst mit Datentausch und Musik, dann mit Videos. Eine Milliarde Leute auf YouTube – wieder ging es mit Grenzkosten nahe null am klassischen Anbieter von Film und Fernsehen vorbei, zu einem gewissen Maß jedenfalls. Dann natürlich Zeitungen und Magazine. Hunderte Millionen junger Menschen posten ihre eigenen Informationen und Neuigkeiten in Blogs und teilen sie unter Umgehung der Industrie im Gemeinschaftsraum des Netzes. Auch das Buchgeschäft wurde von kostenlosen E-Büchern im Netz getroffen. Das Neueste sind die Online-Massenvorlesungen, abgekürzt MOOCs. Diese freien Kurse haben in weniger als zwei Jahren schon mehr als sechs Millionen Studenten angezogen. Da kreieren die besten Professoren an den besten Unis Vorlesungen und verteilen sie zu Grenzkosten von null.

ZEIT: Warum erkannten Ihre Schüler nicht, was da vor sich ging?

Rifkin: Vielleicht weil Unternehmer immer nach neuen Technologien suchen, damit sie produktiver werden und ihre Kosten senken. Was niemand vorhersah, nicht mal in unserer wildesten Vorstellungswelt, war, dass die Revolution so extrem sein und die Grenzkosten für einige Produkte und Dienste auf null drücken würde. Das heißt, sie können umsonst und in Fülle vorhanden sein.

ZEIT: Stellt das nicht die Grundregeln der Marktwirtschaft infrage?

Rifkin: Es gibt eine Rede von Larry Summers aus dem Jahr 2001. Sie wissen, der ehemalige Finanzminister der USA und Harvard-Präsident. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase brachte die Zentralbank in Kansas City einige Ökonomen und Unternehmenschefs zu einem privaten Treffen zusammen. Und er sagte in der Eröffnungsrede, dass wir eine technologische Revolution erleben, die so wichtig sei wie die Elektrifizierung. Sie werde die Wirtschaft verändern, die Welt, alles. Sie würde die Grenzkosten für Video-, Audio- und Textinformationen im Internet auf fast null senken. Aber wie könne man dann noch Gewinne erzielen? Seine Antwort, und das war wirklich überraschend für einen Finanzminister: Wir werden Monopole bevorzugen müssen. Und dann sagte er etwas noch Interessanteres: Wir wissen noch nicht, welches System den Marktkapitalismus ablösen wird.

ZEIT: Und dieses neue System beschreiben Sie heute als kollaboratives Gemeingut wie etwa das geteilte Wissen bei Wikipedia.

Rifkin: Ja, fast 14 Jahre später sehen wir dieses noch ganz junge Wirtschaftssystem im Weltmaßstab entstehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

ZEIT: Wirtschaft ändert sich doch andauernd.

Rifkin: Obwohl es noch in der Geburtsphase ist, so ist es doch das erste neue Wirtschaftssystem seit dem Aufkommen von Kapitalismus und Sozialismus im 19. Jahrhundert – es erblüht neben der klassischen kapitalistischen Marktwirtschaft.

ZEIT: Aber Sie wollen nicht behaupten, dass der Kapitalismus untergeht, oder?

Rifkin: Ich vermute, dass auch der Marktkapitalismus weiter gedeiht, aber er wird um das Jahr 2050 herum gänzlich verwandelt sein. Erfolgreich werden dann Unternehmen sein, die kollaboratives Gemeingut aufbauen und managen – wie Facebook, Google oder Twitter. Und: Der Kapitalismus wird das Wirtschaftsleben nicht mehr allein dominieren. Vielmehr wird er ein mächtiger Partner des kollaborativen Gemeinguts sein, sodass wir eine große Menge unserer Produkte und Dienstleistungen nahezu kostenlos produzieren und teilen können. Das wird so manch anderer Industrie ihren Raum nehmen. All das ist wirklich paradox: Die unsichtbare Hand des Marktes erreicht ihren größten Triumph, sie schafft nämlich die effizientesten Märkte überhaupt, mit Grenzkosten nahe null, bloß erzielt man an diesem Punkt mit dem Verkauf keine Gewinne mehr. Also schafft die unsichtbare Hand etwas Neues, die Wirtschaft des Teilens.