An diesem Montag begann in Peru die Weltklimakonferenz, seither richten sich alle Augen auf ein Land: China. Kein Land trägt mehr zur Erderwärmung bei, emittiert es doch mehr Kohlendioxid (CO₂) als die USA und die EU zusammen. Im Jahr 2012 ist in China so viel Kohle verbrannt worden wie im gesamten Rest der Welt. China ist der Klimasünder Nummer eins.

Gleichzeitig ist es der größte Hoffnungsträger. China sei inzwischen "die hilfreichste Nation", sagt Ottmar Edenhofer, Ökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, er erkenne dort "jede Menge Bewegung". "Faszinierend, in welchem Ausmaß China beginnt, den schwerfälligen Tanker umzusteuern", heißt es in einer gerade erschienenen Analyse der Nichtregierungsorganisation Germanwatch.

In Lima kommen Unterhändler von fast 200 Ländern zusammen, es steht Gewaltiges auf dem Spiel. Wird der wachsende Ausstoß von Klimagasen nicht bald gestoppt, könnte sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um vier Grad erwärmen, vielleicht sogar um mehr. Um das Schlimmste zu verhindern, hat sich die Völkergemeinschaft darauf verständigt, im kommenden Jahr in Paris endlich ein weltweites Abkommen zum Klimaschutz zu unterschreiben. Machen die Chinesen nicht mit, werden die Emissionen weiter steigen, und der Plan wird scheitern.

Bis vor Kurzem stand China beim internationalen Klimaschutz meist auf der Bremse – mit dem Argument, nicht China, sondern Nationen wie die USA trügen die Hauptverantwortung für die Erderwärmung. Die Amerikaner wiederum zeigten auf Peking und weigerten sich, die Führung beim Klimaschutz zu übernehmen – wenn sich nicht gleichzeitig China bessere. Die Blockade führte zu jahrelangem Stillstand in der Klimapolitik.

Das wandelt sich jetzt. Im November präsentierte der chinesische Staatsrat eine neue Energiestrategie; danach soll der Kohleverbrauch zwar noch etwas steigen, aber im Jahr 2020 seinen Höhepunkt erreichen. Eine Deckelung des Verbrauchs schien bisher undenkbar. Zudem war Präsident Xi Jinping gemeinsam mit seinem Amtskollegen Barack Obama vor die Kameras getreten. Sie kündigten einen gemeinsamen Klimadeal an, Xi erklärte, die chinesischen Emissionen würden um das Jahr 2030 ihr Maximum erreichen. Zwar reicht das alles nicht aus, um die Erderwärmung bei einem Plus von ungefähr zwei Grad zu stoppen. Aber es könnten schon bald weitere Schritte folgen.

Kein Land investiert mehr in grüne Energien als China, im vergangenen Jahr waren es umgerechnet 56 Milliarden US-Dollar, mehr als alle europäischen Länder zusammen dafür ausgaben. 2013 steckte China erstmals mehr Geld in Ökoenergieanlagen als in fossile Kraftwerke. Die Behörden förderten grünen Strom umfassend, sagt Ulf Moslener, ein Experte für Ökoenergieinvestitionen: "mit Ökosteuern, Einspeisetarifen, sogar mit Anreizen für Banken, in grüne Projekte zu investieren".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Ende 2013 standen Windräder mit einer Leistung von 91.000 Megawatt auf chinesischem Boden, deutlich mehr als in jedem anderen Land der Erde. Lange stellte China vor allem Solarzellen für den Rest der Welt her, inzwischen nutzt es diese in großem Umfang selbst. Noch stehen zwar deutlich mehr Solaranlagen in Europa, doch ist im vergangenen Jahr fast jede dritte neue Anlage in China aufgestellt worden. Das Ziel der chinesischen Politik, bis zum Jahr 2030 ein Fünftel aller Energie nicht mehr aus Kohle, Öl und Gas zu erzeugen, könne schon beinahe mit der gegenwärtigen Politik erreicht werden, so eine Forscherinitiative namens Climate Action Tracker. Zu den umweltschonenden Energien zählen in dieser Rechnung aber auch die Atomenergie sowie umstrittene Wasserkraft-Großprojekte wie der Drei-Schluchten-Staudamm.

Autohersteller, die beim Verbrauch schummeln, geraten unter Druck

Peking will die schmutzige Kohle nach und nach ausmustern. Sechs chinesische Provinzen haben angekündigt, den Kohleverbrauch verringern zu wollen. Landesweit soll er von 2020 nicht mehr wachsen. 2016 will die Regierung ein nationales Emissionshandelssystem einführen; es wäre der größte Kohlenstoffmarkt der Welt. Das Land habe das Potenzial, zum game changer bei den globalen Klimaverhandlungen zu werden, die Spielregeln neu zu definieren, sagt Li Shuo von Greenpeace China.

Die Wende vollzieht sich auch auf Chinas Straßen: Das Pekinger Industrieministerium hat Mitte Oktober 2014 wissen lassen, dass Autobauer, deren Neuwagen mehr verbrauchen als von den Herstellern deklariert wurde, bei ihren Expansionsplänen gebremst würden. Demnächst gelten strengere Vorschriften für den Spritverbrauch von Neuwagen. China trete damit "deutlich entschiedener auf als die europäische und deutsche Umwelt- und Verbraucherpolitik", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR Instituts an der Universität Duisburg-Essen.