In den entscheidenden Tagen seines bisherigen politischen Lebens steht Mike Mohring, 42, auf dem Weihnachtsmarkt seiner Heimatstadt Apolda und hält Hof. Es ist das Wochenende vor der Ministerpräsidentenwahl im Thüringer Landtag. Die Zeit, in der es für ihn und seine Union um alles oder nichts geht; um die Frage, ob sie nach 25 Jahren an der Regierung ihren Einfluss auf lange Sicht verlieren wird – wofür fast alles spricht. Die Partei implodiert. Es tobt ein Machtkampf, Mohring mittendrin. Was macht er hier, auf dem Markt?

Er verkauft Glühwein und Feuerzangenbowle am Stand der Jungen Union. Und er badet im Volk. Das Volk ergibt sich ihm reihenweise.

Eine Frau nähert sich ihm, sie fällt theatralisch auf die Knie. "Mein Vorsitzender!", ruft sie. Im Ernst!

Eine Dame, die ihn nicht kennt, fragt, ob er dieser Mike Mohring sei? Am Ende des Gesprächs gibt er ihr einen Kuss auf die Wange. Sie glüht.

Einen jungen Mann überredet er, sofort der CDU beizutreten. Der unterschreibt das Formular.

Mike, mach's

Die Leute flüstern ihm zu: "Mike, mach’s!" Er grinst. Sie sagen: "Lieberknecht muss einsehen, dass ihre Zeit vorbei ist." Er schaut betreten zu Boden. Sie sagen: "Ist doch klar, auf wen die Nummer zuläuft in der Partei." Er fragt, kokett: "Ach ja?"

Hier, so viel steht fest, ist er heute schon ein König. Aber wird er das irgendwann ganz und gar? In dieser Woche, am Tag vor Nikolaus, wird, wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, Bodo Ramelow zum neuen Premier gewählt werden. Der Aufstieg des Roten ist eine Sensation. Ramelow hat nur eine Stimme Mehrheit, aber die rot-rot-grünen Partner machen inzwischen einen derart verschworenen Eindruck, dass Ramelow mit einem Erfolg rechnen kann.

Für Mike Mohring ist das schlecht. Vordergründig. "Ich mag keine Kommunisten", sagt er. "Ich mag keine Sozialisten." Und: "Wir brauchen das alles nicht in Thüringen." Andererseits: Niemand in der Union profitiert so sehr von Ramelows Aufstieg wie er, Mohring. Statt auf Jahre der Mann hinter Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht zu sein, wird er die Frau jetzt plötzlich los. Lieberknecht hat erklärt, sie werde im Landtag nicht gegen Ramelow antreten. Das ist, mehr oder weniger, ihr Abschied aus der Politik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 50 vom 4.12.2014.

Und so fällt der Blick auf Mohring, einen der schillerndsten Politiker im Osten. Auch wenn die CDU an Stelle von Lieberknecht den früheren Jenaer Uni-Rektor Klaus Dicke als parteilosen Zählkandidaten ins Rennen ums Ministerpräsidentenamt schicken sollte, wie es sich bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe abzeichnete – der kommende Mann in der Union, der kommende Parteichef ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Mohring. Es gibt Leute in Erfurt, denen kommt es so vor, als arbeite der seit fünf Jahren – seit seine Parteifreundin Lieberknecht 2009 die Macht im Freistaat übernommen hat – an nichts anderem als an Lieberknechts Ende. Systematisch, sagen deren Leute, habe er die SPD gegen sie ausgespielt, bis diese sich zu einem Bündnis mit den Linken entschlossen hätte.

Kann man wirklich so kühl kalkulieren?

Abgesehen davon, dass Lieberknecht einen Großteil ihrer Misere selbst verschuldet hat – bezeichnend ist wohl, dass man Mohring die Verschwörung durchaus zutrauen könnte. Dieser Mann ist ein besonderer Politiker, weil er zugibt, dass er seine Arbeit als Spiel betreibt. Hier versucht sich ein junger Christdemokrat gerade in der Rolle, wie sie so ähnlich vielleicht Kevin Spacey als Frank Underwood in der Serie House of Cards gespielt hat. Dort ging es um den Aufstieg eines berechnend-charismatischen Abgeordneten bis ins Amt des US-Präsidenten. Underwood ist der Mann, der den Weg nach oben immer im Blick hat. Mohring hat sein großes Ziel ebenfalls immer im Blick. "Ich denke nicht immer nur an den nächsten Schritt", sagt er. "Ich denke auch an die folgenden zwei Schritte."

Mohring, ein begnadeter Rhetoriker, betreibt sein Geschäft mit einer Härte, dass es vielen durchaus unheimlich ist. Der Politiker als Zocker, dem Taktik alles ist und Inhalte eher Mittel zur Macht sind: Die Frage ist, ob das gut gehen kann.

Das Spiel besteht vor allem darin, wendig zu sein. Zum Beispiel zwischen rechts und links. Vor ein paar Jahren noch schlug sich Mohring an die Spitze der Merkel-Gegner in der CDU; er forderte mehr konservatives Profil von seiner Partei, veröffentlichte mit Mitgliedern des streng konservativen Berliner Kreises in der Union Denkschriften. Im Landtag löste er einen Eklat aus, indem er mit schwarz-rot-goldener Krawatte auftrat. Im Wahlkampf, als seine Partei die AfD zu ignorieren versuchte, wagte er ein Streitgespräch mit deren Frontfrau Frauke Petry, er ließ sich dafür mit ihr politisch höchst lasziv fotografieren – vor einem Hotelbett.