Früher, bevor der deutsche Staat vor der Not der Flüchtlinge einknickte wie ein klappriges Gerüst, fuhr Andreas Schultz ins Ausland, um kranke Kinder zu behandeln. Schultz leitet die deutsche Sektion von "Ärzte der Welt", er ist Kinderarzt und war in Algerien und Papua-Neuguinea unterwegs, in Laos, Togo und im Sudan. In Staaten, deren Wirtschaft so schwach und deren Verwaltung so zerbröselt ist, dass sie ein öffentliches Gesundheitssystem nicht tragen können. Jetzt behandelt Schultz Kinder in München, einer der reichsten Städte Europas.

Im Osten der Stadt, in einem alten Bürogebäude, befindet sich eine Außenstelle der Bayernkaserne, jenes Erstaufnahmeheims, das noch vor Kurzem so heillos überfüllt war, dass Flüchtlinge im Freien schlafen mussten. Manchmal, sagt Schultz, erinnere ihn München an den Sudan. "Es fehlt am Einfachsten", sagt er. "Mundspateln, Handschuhen, Urinsticks."

An die hundert Kinder wohnen in der Notunterkunft, viele von ihnen seien krank, sagt Schultz. Er hört ihren Brustkorb ab, untersucht ihre Ohren und Atemwege. Deutsche Flüchtlingsheime, sagt er, seien ein schlechter Ort, um gesund zu werden. Er erzählt von Kindern, die eitrige Mandeln haben, weil sie seit Tagen im Zelt schlafen. Von Jungen und Mädchen, die apathisch an die Decke starren, weil es kein Spielzeug gibt. Von Jugendlichen, die nachts vor Kummer schreien und tagsüber Bilder mit blutüberströmten Menschen malen. Von Babys, die Durchfall bekommen, weil sie das Essen im Heim nicht vertragen. "Die Kleinen bräuchten Brei", sagt Schultz. "Stattdessen setzt man ihnen Hackfleisch vor." Bis vor Kurzem habe es im Heim nicht einmal ein Zimmer gegeben, um die Kinder zu untersuchen. "Die staatlichen Strukturen versagen", sagt Schultz. "Als wären wir ein Entwicklungsland."

Gut ein Drittel der Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, sind Kinder, die meisten sind nicht mal fünf Jahre alt. Ein Großteil flieht mit den Eltern, einige Jugendliche kommen allein. Sie sind oft monatelang auf der Flucht, eingesperrt in Containern, zusammengepfercht auf Booten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Nicht mehr als drei Monate soll es dauern, bis sie erfahren, ob sie in Deutschland bleiben dürfen, so haben es SPD und CDU in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Tatsächlich braucht es für die Bearbeitung eines Asylantrags im Schnitt sieben Monate, manchmal mehrere Jahre. Es sind Jahre, in denen aus Babys Kinder werden und aus Kindern Jugendliche. Jahre, die getaktet sind von Behördenterminen. Flüchtlinge leben auf hochgradig reguliertem Terrain – aber in Heimen, für die es bis heute keine Standards gibt. Ob Kinder dort Platz zum Spielen haben und jemanden, der bei den Hausaufgaben hilft, ob ihre Mütter einen Wickeltisch bekommen und einen Raum zum Stillen, ob Babys Hackfleisch essen oder Brei, das regelt jede Kommune für sich.

Unicef kritisiert, das deutsche Asylrecht halte die Kinder von Bildung fern

Im September hat das Kinderhilfswerk Unicef eine Studie über Flüchtlingskinder in Deutschland veröffentlicht, die zu einem beschämenden Fazit kommt: Das deutsche Asylrecht halte die Kinder von Bildung und Freizeitangeboten, von medizinischer Versorgung und einem kindgerechten Sozialleben fern. Die Hürden seien "gravierend". Am nächsten Donnerstag treffen sich die Ministerpräsidenten der Länder mit Angela Merkel, um zu beraten, wie Deutschland mit der immer größer werdenden Zahl von Flüchtlingen umgehen soll. Es ist die zweite Runde eines Asylgipfels, der bislang ohne Ergebnis blieb. Im Oktober trafen sich die Ministerpräsidenten zum ersten Mal im Kanzleramt, man gründete Arbeitsgruppen. Peter Altmaier, der Kanzleramtsminister, sagte: "Wir wollen uns den Herausforderungen stellen, wie es sich für ein Land wie Deutschland gehört."

In einem Land wie Deutschland brauchen Flüchtlingskinder vor allem eines: Glück. Wenn sie Glück haben, gibt es Nachbarn, die Spielzeug und warme Kleider sammeln, Rentner, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten, Ärzte wie Andreas Schultz, die kostenlos Sprechstunden anbieten. Die Hilfsbereitschaft sei groß, sagt Schultz. Aber manche Kommunen sind selbst damit überfordert. "Am einen Ende von München stehen Berge von Kleiderspenden, und am anderen Ende stehen die Kinder ohne Mützen und Jacken", sagt Schultz.

Wenn sie Pech haben, werden die Kinder fortgejagt. In Berlin-Reinickendorf eröffnete im vergangenen Jahr ein Heim für schwer traumatisierte Flüchtlinge, auch Kinder wohnen dort. Als sie auf dem Spielplatz der benachbarten Wohnanlage spielten, schalteten die Nachbarn einen Anwalt ein. "Hausfriedensbruch" warfen sie den Kindern vor. Der Spielplatz ist öffentlich zugänglich, steht aber auf privatem Grund. Für Flüchtlinge ist er gesperrt.

Im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvestehude wird seit Oktober um ein Asylbewerberheim gestritten. Einige Nachbarn sind gegen das Heim vor Gericht gezogen, sie sagen, sie hätten Angst vor "Kinderlärm". Harvestehude ist kein kinderfeindlicher Ort. Es gibt dort "Wohlfühlkindergärten" mit Biofrühstück und Kinderyogakursen, es gibt Kochschulen für Zwölfjährige und Kieferorthopäden speziell für Kinder. In manchen Flüchtlingsheimen gibt es nicht einmal Zahnbürsten. In Würzburg zum Beispiel werden Zahnbürsten nur an Asylbewerber verteilt, die älter als zwölf Jahre sind. Deutsche Kinder bekommen Zahnputzkurse, sie haben kaum noch Karies. Viele Flüchtlingskinder kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen, sie sind oft braun und morsch. Wenn ein deutsches Kind Karies hat, bohrt man ein Loch und füllt den Zahn. Wenn ein Flüchtlingskind Karies hat, wartet man, bis der Zahn verrottet ist, so will es das deutsche Gesetz.

Vor ein paar Jahren hat ein Zahnarzt die Kinder des Würzburger Flüchtlingsheims untersucht. Er zählte die Löcher in ihren Zähnen und berechnete einen Index, um den Zerstörungsgrad der Zähne zu messen. Ein Jahr später untersuchte er die Kinder noch einmal. Der Index hatte sich im Schnitt um 88 Prozent verschlechtert. Je länger die Kinder im Heim wohnten, umso maroder wurde ihr Gebiss. Die kranken Zähne, schreibt der Arzt, würden "in den seltensten Fällen extrahiert, sondern so lange im Mund belassen, bis sie von alleine ausfallen oder durch die sich daraus ergebenden Entzündungen resorbiert sind". Er hat die Zähne fotografiert: kleine braune Stümpfe, umwuchert von geschwollenem Zahnfleisch, zerfressen von Karies.

Der Passus, der den Kindern die Zähne verdirbt, steht im Asylbewerberleistungsgesetz, Paragraf 4. Ärztliche Hilfe, heißt es dort, darf Asylbewerbern nur bei "akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen" gewährt werden. Wer nach Deutschland flieht und krank wird, muss warten, bis es wehtut. Karies tut weh. Aber oft erst dann, wenn man den Zahn nicht mehr retten kann.

Bayern will Kinder künftig per Quote auf alle Bundesländer verteilen

Ende November stimmte der Bundesrat über eine Novelle des Asylbewerberleistungsgesetzes ab. Paragraf 4 ist erhalten geblieben. Zwar will man den Flüchtlingen Behördengänge ersparen, wenn sie medizinische Hilfe brauchen. Am Grundsatz des Paragrafen aber hat die Novelle nicht gerüttelt: Zum Arzt gehen darf nur, wer starke Schmerzen hat. Zahnprophylaxe bleibt ausgeschlossen.

Wenn sich in der nächsten Woche die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin treffen, werden sie auch über jene Kinder sprechen, die allein nach Deutschland fliehen. Weil viele von ihnen in Bayern landen, schlägt die bayerische Landesregierung vor, die Kinder mithilfe von Quoten auf alle Bundesländer zu verteilen. Flüchtlingsverbände und die Diakonie warnen davor. Bevor ein Flüchtlingskind vom Jugendamt übernommen wird, setzt ein langes Prüfverfahren ein: Hat das Kind Verwandte, die schon in Deutschland sind? Ist es wirklich ein Kind? Oder ist es schon erwachsen? Es gibt nur wenige Behörden in Deutschland, die auf diese Verfahren vorbereitet sind. Die Diakonie schlägt deshalb vor, die bestehenden Aufnahmestellen besser auszustatten.

"Verteilt die Kosten, nicht die Kinder", sagt Sebastian Ludwig, Asylreferent bei der Diakonie. "Wenn wir die Kinder verteilen, hängen sie monatelang in der Luft." Der bayerischen Regierung scheint es vor allem darum zu gehen, die Kinder gut zu verteilen. Die Flüchtlingsverbände fordern, die Kinder auch gut zu versorgen.

Seit Jahren drängen sie darauf, das Aufnahmeverfahren für Jugendliche zu beschleunigen. Wer jünger als 18 ist und ohne Eltern einreist, hat in Deutschland Anspruch auf Jugendhilfe, auf einen Rechtsbeistand, auf eine Karte von der Krankenversicherung. Er muss nicht in einem großen Heim wohnen, sondern kommt in einer Wohngruppe mit Betreuern unter. Weil das teuer ist und weil sich manche Flüchtlinge jünger machen, als sie sind, prüft der Staat das Alter sehr genau. Zum Teil mit umstrittenen Methoden. Sozialarbeiter aus Hessen erzählen von Beamten, die die Zahl der Stirnfalten schätzen und jungen Flüchtlingen die Hosen herunterziehen, um ihre Schambehaarung zu begutachten.

Bis ein Flüchtlingskind in Obhut kommt, vergehen oft Monate. Eine bundesweite Verteilung könnte das Verfahren noch weiter verzögern. Auf dem Asylgipfel, fürchtet Sebastian Ludwig, könnte es im Zweifel eher darum gehen, wo die jungen Flüchtlinge versorgt werden. Nicht wie.

Im letzten Jahr schätzte Unicef die Zahl der Flüchtlingskinder, die mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland leben, auf mehr als 65.000. Seitdem hat sich die Zahl der Asylbewerber noch einmal fast verdoppelt. Andreas Schultz, der Kinderarzt aus München, würde den Versehrten unter ihnen gern eine Therapie empfehlen. Therapien aber werden Flüchtlingen fast nie bezahlt, Dolmetscher sind rar. Der Würzburger Zahnarzt sagt, er würde die Kinder gern behandeln, ohne Honorar. Seine Praxis aber liegt 13 Kilometer vom Flüchtlingsheim entfernt. Bislang hat sich niemand gefunden, der den Kindern die Fahrt bezahlt.

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