Gnus springen in die Ströme des Mara-Flusses, um ihn zu überqueren. © ROBERTO SCHMIDT/AFP/Getty Images

Senkrecht fällt der ausgetrocknete Lehmboden vor den Gnus ab, vor ihnen wälzen sich die Wasser des Mara durch das Flussbett. Sie bleiben mit einem Ruck stehen, starren nach unten, wollen umdrehen, doch können nicht zurück. Zu Tausenden sammeln sich die Tiere an den Steilufern des Mara-Flusses, der das Schutzgebiet Masai Mara in Kenia von Tansanias Serengeti-Nationalpark trennt. Sie müssen ihn durchqueren, wenn sie den grünen Weiden der Regenzeit folgen wollen. Die Gnus drängen sich, werden von folgenden Tieren nach vorn geschubst und springen mit einem Satz nach unten, rutschen aus, rappeln sich wieder hoch. In Panik werfen sie sich in die Fluten des Stromes, in dem Krokodile Jagd auf sie machen.

Solche Bilder haben unsere Vorstellung von der Tierwelt Ostafrikas geprägt. Doch wer die Masai Mara oder den Serengeti-Nationalpark, ein Unesco-Weltnaturerbe, heute in der Trockenzeit bereist, findet oft nicht mehr als ein träges Rinnsal, in dem die Hippos nur noch knietief im Wasser stehen.

Um den Mara, die Lebensader der Region, steht es schlecht. Seit etwa vier Jahrzehnten hat er mehr als die Hälfte seines ursprünglichen Wasservolumens verloren. In der Regenzeit überflutet der Fluss regelmäßig, in Dürreperioden fallen ganze Seitenarme trocken. Je weniger Wasser der Fluss führt, desto mehr Müll und Schadstoffe sammeln sich an. Die Wasserqualität ist inzwischen besorgniserregend. Eine Katastrophe für das 13.000 Quadratkilometer große Einzugsgebiet – etwas kleiner als die Fläche Schleswig-Holsteins – zeichnet sich ab.

Der Mara ernährt mehr als eine Million Menschen, für die riesigen Wildtierherden ist er in der Trockenzeit das einzige Wasserreservoir. Seine Quelle liegt im kenianischen Mau-Regenwald, auf rund 3000 Metern Höhe. Bei seinem Weg hinab in die Masai Mara schwillt er zu einem stattlichen Strom an, bevor er die Serengeti durchquert und in den Viktoriasee mündet.

Der Fluss verbindet die ökologisch wertvollsten Areale Kenias und Tansanias. Beide Länder brauchen den Tourismus, in Kenia kommen etwa zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts allein aus der Masai Mara. Jedes Jahr zieht die Mara-Serengeti-Region fast eine halbe Million Besucher an. Sie wollen Gnus, Gazellen und Zebras auf der weltweit größten Tierwanderung beobachten.

Bei ihrem Weg über Hunderte Kilometer von den südlichen Weidegründen der Serengeti hinauf in den Norden und die angrenzende Masai Mara ist der Fluss ihre einzige Wasserquelle. Ein internationales Team mit Forschern aus Tansania, Kenia und Australien hat durchgerechnet, was passiert, wenn der Mara austrocknet. 800.000 Gnus würden die große Wanderung nicht überleben, nur 200.000 ihr Ziel erreichen. Davon könnte sich die Population vermutlich nie wieder erholen. Das wäre nicht nur ein wirtschaftliches Desaster für die Menschen der Region, sondern auch eine ökologische Katastrophe und das Ende eines einmaligen Naturerbes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Der Ökologe Kevin Gichangi vom World Wide Fund for Nature (WWF) kennt die Rechnung. Sie ist der Grund, warum er seit sechs Jahren daran arbeitet, den Mara zu retten. Wenn der Kenianer Gichangi erzählt, wie viel Wasser der Mara in der Trockenzeit zu Beginn der 1970er Jahren führte, staunt man. Nur ein Teil der Wassermenge von damals kommt heute im Viktoriasee an. "Noch fließt der Fluss", sagt Gichangi und spricht nicht aus, was im Raum hängt: Aber wie lange noch? Die Zeichen stehen schlecht: Der Amala, einer der zwei größten Seitenarme, ist schon heute in der Trockenzeit oft ohne Wasser. Das senkt den Wasserpegel des Hauptflusses beachtlich.

Dass der Mara Wasser verliert, weiß Kenias Regierung schon seit Anfang der 1990er Jahre. Unternommen hat sie bislang wenig. Es gibt massenhaft Gründe, warum der Fluss in Gefahr ist, allen Appellen, Initiativen und Hilfsgeldern zum Trotz. NGOs wie der WWF dürfen erst seit zehn Jahren beim Naturschutz helfen, bis dahin war das ausschließlich Sache der Regierung. Forschungsinstitutionen, Hilfsorganisationen, Unternehmen und kenianische Behörden haben sich nun zu einem internationalen Konsortium zusammengeschlossen. Wie kann man einzigartige Landschaften wie Serengeti und Masai Mara erhalten, aber dabei Wohlstand für die Einwohner der Region schaffen? "Das kann nur funktionieren, wenn wir alle Interessenverbände an einen Tisch holen", sagt Gichangi, "auch Tansania." Denn im Nachbarland sorgt man sich um den Mara. Hier kommt das Wasser an, das Kenia übrig lässt – im Extremfall wäre das nichts.