Komisch ist das schon: An einem trüben Wintertag in Nürnberg beugen sich zwei Männer über ein Smartphone, um sich selbst beim Streiten zuzusehen. Per Mertesacker, seit dem Sommer Fußballweltmeister, ist ins Büro seiner Beratungsagentur gekommen – dazu Boris Büchler, Sportreporter des ZDF. Auf dem Smartphone läuft das 90-sekündige Interviewgefecht, das sich die zwei im Juni lieferten, jenes "Eistonnen"-Scharmützel nach dem 2 : 1 gegen Algerien, das der Nation jetzt in jedem Jahresrückblick begegnet und es – als Szene des WM-Films Die Mannschaft – sogar ins Kino schaffte.

Auf Bitten der ZEIT sind Büchler und Mertesacker zusammengekommen, um erstmals ausführlich über Ursachen und Folgen ihres Aufeinandertreffens zu sprechen. Zur Begrüßung hatten beide sich herzlich umarmt; vertrauter, als zu vermuten war. Nun liegt das Smartphone zwischen Sportler und Reporter, und Büchler hört sich noch mal fragen: "Per Mertesacker, Glückwunsch zum Einzug in die nächste Runde, ins Viertelfinale. Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und anfällig gemacht?" Und Mertesacker sieht auf dem Bildschirm eine Miniaturausgabe seiner selbst ratlos ein Ohr kneten, gefolgt von barschen Abwehrsätzen wie "Was woll’n Se?", "Is’ mir völlig wurscht!". Binnen Sekunden schaukelt sich das Ganze zum Zoff des Fußballjahres 2014 hoch, auf YouTube mittlerweile vier Millionen Mal geklickt.


Im Hier und Jetzt sagt der lebensgroße ...

... Per Mertesacker: Guckt mal meine Augen an! Mann, bin ich da platt.

Boris Büchler: (sein Kinn reibend) Hm.

Mertesacker: Ich hatte 120 Minuten in den Knochen, war megafroh, dass wir weitergekommen sind – und hatte gedacht, er stellt mir erst mal ’ne leichte Frage. Eine, mit der ich mich freiquatschen kann, um vom Kampfmodus in den Gesprächsmodus zu kommen, so was wie: "Glückwunsch zum Weiterkommen. Wie fühlen Sie sich jetzt, im Viertelfinale?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

In der Filmsequenz aber ist Büchler schon beim Nachhaken, nämlich: "warum es im Umschaltspiel nicht so gut gelaufen ist". Darauf Mertesacker, schulterzuckend: "Glauben Sie jetzt, unter den letzten 16 ist irgend’ne Karnevalstruppe, oder was?!"

Mertesacker: Ich komme mir nachher immer total unhöflich vor. Wie ich mir da im Gesicht rumtatsche! Ich schaue ihm (nickt in Richtung Büchler) ja nicht mal in die Augen. Aber in dem Moment bin ich halt noch woanders. Ich muss in diesen Schlusspfiffinterviews richtig lauschen, um die Fragen überhaupt wahrzunehmen.

Büchler:(lacht) Und ich muss zugeben, meine Einstiegsfrage hatte nur bedingt Charme. Aber seine erste Antwort war so kurz, dass ich noch mal nachfassen musste. Und ... ich hoffe, ich darf das sagen: Als die Kameras noch aus waren, hat Per vor Wut in eine Werbebande hinter uns getreten. Er war schon vor dem Interview in diesem Aggregatzustand.

Mertesacker: Ich wusste ja selbst, dass nicht alles geklappt hatte in diesem Spiel. Aber ich wollte das Positive, das wir aus diesem Sieg ziehen konnten, vor den Leuten draußen beschützen. Nichts gegen Kritik an sich, aber in einem Turnier denkt man als Spieler: Ich muss in drei Tagen wieder ran. Und will mir jetzt kein Gefühl der Schwäche einreden lassen.

DIE ZEIT: Allerdings ist ein Reporter nicht zum Gratulieren da.

Büchler: Tatsächlich bin ich in das Interview reingegangen mit dem Gefühl, stellvertretend für die 28 Millionen Live-Zuschauer zu fragen – von denen die meisten mit dem Spiel unzufrieden waren. Problem nur: Ich habe keine halbe Stunde Zeit wie der einfühlsame Interviewer mit Mario Adorf beim Kaminplausch. Ich kriege von der Fifa exakt 90 Sekunden. Wenn ich da nicht auf den Punkt komme, habe ich meinen Job verfehlt. Gleichzeitig verstehe ich den Spieler: Er will seine Mannschaft schützen.

So endet der Film auf dem Smartphone im längst legendären Groll. Büchler nimmt wieder Anlauf, Mertesacker sagt: "Ich leg mich erst mal drei Tage in die Eistonne." Büchler versucht’s noch mal, Mertesacker geht ab mit den Worten: "Woll’n Se ’ne erfolgreiche WM?! Oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?!" Lachen im Büro.

ZEIT: Haben Sie die Situation eigentlich schon damals ansatzweise komisch gefunden?

Büchler: Nee! Ich dachte nur: Huch, das wird jetzt aber lebhaft. Am Spielfeldrand denkst du als Reporter nie das, was die Zuschauer auf dem Sofa im selben Moment von dir als Reporter denken: "Jaja, jetzt versucht er’s originell, hoho, jetzt probiert er’s kritisch." Keine Zeit. Zumal an dem Abend einiges drunter und drüber ging: Bei einer WM müssen wir Fernsehreporter immer in der 70. Minute bei der Fifa anmelden, welche zwei Spieler wir nach dem Abpfiff sprechen wollen. Was danach passiert, Verlängerung, Elfmeterschießen – zu spät.