Allerorten poppen sie derzeit auf, wie Werbebanner im Internet: Ludwig goes Pop im Museum Ludwig Köln. German Pop in der Frankfurter Schirn. Brit Pop im Kunstmuseum Wolfsburg. Flash! Pop-Art in der Neuen Galerie Kassel. Pop-Art, wohin man schaut. Und warum auch nicht? Ist ihre Popularität angesichts des globalen Siegeszugs der Popkultur nicht sogar unausweichlich?

Allerdings handelt es sich bei der Hochkonjunktur der Pop-Art doch eher um eine Art Angstblüte. Die alte Bedeutung, die man dieser Kunstrichtung über Jahrzehnte zuschrieb, sie bröckelt. Lange galt Pop-Art als die gute, die reflektierende Seite einer ansonsten kommerziellen, spaßbetonten, frivolen Popkultur. Im Ankündigungstext der Kasseler Ausstellung wird genau diese Aufgabenteilung beschrieben: "Mit einer Mischung aus Faszination und Ironie führt die Kunstbewegung der ›Roaring Sixties‹ die Massenkultur des Kapitalismus vor. Künstler hinterfragten die moderne Bilderflut in Illustrierten, Fernsehen und Film und setzten ihr eigene Bilder entgegen." Doch ist heute von dieser Arbeitsteilung so gut wie nichts mehr übrig. Die Rollen haben sich vertauscht.

Nun reflektieren die Protagonisten der vermeintlichen Spaßkultur die vermeintliche Hochkultur, bedienen sich ihrer Strategien, Verfahren, Techniken, Ästhetiken. Während die zeitgenössische Kunst immer mehr zum Alltagsphänomen wird, erscheint die Popkultur, zumindest in signifikanten Teilbereichen, immer künstlerischer und avantgardistischer. Bislang galt: Ohne die zivilisatorische Kraft der Pop-Art stünden wir mit den kaugummikauenden, busenblitzenden und pogotanzenden Barbaren der Popkultur allein auf weiter Flur. Jetzt erweist sich dieses kunstkritische Narrativ als hinfällig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Pop-Art mag als historisches Phänomen weiterhin interessant sein und Anlass für gelehrige Aufsätze bieten. Gegenwartsrelevant, disruptiv und dynamisch hingegen ist das, was der Germanist Thomas Hecken aktuell als Avant Pop bezeichnet. Hecken rubriziert darunter diejenigen Spielarten der Popkultur, die heute ähnlich bewertet und beschrieben werden wie einst die Hochkultur. Man lobt das Komplexe, Originelle, Kritische und Experimentelle, aber auch das ins Positive gewendete Oberflächliche, Serielle und Künstliche.

Dass Donald Duck in Werken der Pop-Art auftaucht, gehört zur Kunst-Folklore. Doch die umgekehrte Stoßrichtung ist keine Seltenheit mehr, wenn es denn jemals eine war. Das ästhetische Reich des Avant Pop reicht von Lady Gagas neodadaistischem "Art-Pop" bis hin zu bildungsschwangeren Mathcore-Bands, die sich in Songtexten mit Piet Mondrian beschäftigen; vom Hip-Hopper Kanye West, der sich im Louvre inspirieren lässt, bis hin zu Pornofilmen mit der Nietzsche zitierenden und Indie-Noise-Musik performenden Darstellerin Sasha Grey. So geht es reihum weiter: In einer Ausgabe des biederen Lustigen Taschenbuchs tauchen Verweise auf Paul Gauguin auf. Metal-Bands bedienen sich für ihre Plattencover bei Hieronymus Bosch und vertonen mittelalterliches Liedgut. Graphic Novels wie Alan Moores Watchmen stehen in Sachen Vertracktheit und intertextueller Referenzdichte der Weltliteratur in nichts nach. Als Inspiration der Biker-Fernsehserie Sons of Anarchy diente kein Geringerer als Shakespeares Hamlet. Die Hip-Hop-Gruppe The Roots hat akademische Plattentitel wie Phrenology und Game Theory im Programm.