Normalerweise hätte Ingmar Knop in diesen Tagen die Januar-Ausgabe der NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme auf dem Schreibtisch. Er würde die Druckvorlage durchlesen und behilflich sein, für üble Hetzereien legale Formulierungen zu finden. Normalerweise würde Knop irgendwo in Deutschland einem Rechtsextremen vor Gericht beistehen. Vielleicht würde er dieser Tage auch mit NPD-Justiziar Frank Schwerdt telefonieren und Fragen rund um das Karlsruher Verbotsverfahren beraten.

Ingmar Knop, 39, ist bisher einer der namhaftesten Anwälte der rechtsextremen Szene gewesen. Zeitweise war er zudem einer ihrer wichtigsten Parteikader, Vize-Chef der Deutschen Volksunion (DVU), und fast wäre er deren Vorsitzender geworden. Später saß er im NPD-Bundesvorstand. Doch jetzt hat er genug. Ingmar Knop steigt aus. Er ist der höchstrangige rechte Aussteiger seit Langem. Mehrfach hat er in den vergangenen Wochen ausführliche Gespräche mit der ZEIT geführt, er will seinen Schritt nun öffentlich machen. Knop kann erzählen, wie selbst intelligente Leute sich von einer dumpfen Ideologie fangen lassen, wie es hinter den Kulissen der Naziszene zugeht – und auch darüber, wie schwer ein Ausstieg ist. Denn sein Leben liegt jetzt erst einmal in Trümmern.

Angefangen hat alles am Bahnhofskiosk seiner Heimatstadt Dessau irgendwann Anfang der neunziger Jahre. Ingmar Knop, damals noch Schüler, stieß auf die National-Zeitung des rechtsextremen Verlegers Gerhard Frey. Und war fasziniert. Da las er Elogen auf Ernst Jünger. Heldengeschichten über die Wehrmacht. Mit derartigen Mythen hatte man sich in DDR-Schulen nie auseinandergesetzt. Und in seiner Naivität dachte er, diese Dinge würden von anderen Medien boshaft verschwiegen, irgendwie müssten sie doch wahr sein, sonst wäre die Zeitung ja wohl verboten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

Knop stammt aus einer evangelischen Familie, die mit der SED nichts am Hut hatte. Eine begonnene klassische Klavierausbildung habe ihn in seiner Klasse zum Sonderling gemacht, sagt er. Später nährte die Musik ein deutschvölkisches, romantisches Sehnen, das ihn in die Naziszene führte. Heute schüttelt Knop den Kopf, aber damals war er überzeugt: Gerhard Frey und dessen DVU seien die Letzten, die Deutschland und seine Kultur hochhielten. Um sich herum sah Knop "Konsumismus" und "Werteverfall", fürchtete "Überfremdung". – "Meine Heimat ist die Romantik", sagt Knop, auch heute noch. "Vielleicht lebe ich 200 Jahre zu spät." Dem jungen Mann, der er damals war, machte alles Neue eine Heidenangst.

Als die DVU 1998 mit 12,9 Prozent in den sachsen-anhaltischen Landtag einzog, schrieb Knop – inzwischen Jurastudent – einen begeisterten Brief an Frey. Der antwortete persönlich und sehr fürsorglich, mit der Botschaft: Junger Mann, schließen Sie erst mal das Studium ab. Knop fühlte sich geschmeichelt. Als die Hartz-Reformen 2004 Ostdeutschland aufwühlten, fand auch Knop – mittlerweile Junganwalt in einer größeren Dessauer Kanzlei – die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zutiefst ungerecht. Besonders störte ihn, dass deutsche Arbeiter bei Jobverlust auf eine Stufe gestellt würden mit "allen, die neu ins Land kommen". Das stimmte zwar nicht, Leistungen für Asylbewerber liegen bis heute unter Hartz-IV-Niveau. Doch erneut fand Knop seine Ressentiments bei NPD und DVU bestärkt. Damit war, sagt er, "die Hürde im Kopf genommen". Im Dezember 2004 trat er in die DVU ein. Als die Dessauer Antifa seine Chefs über Knops Umtriebe informierte, warfen die ihn sofort hinaus.

Die Szene fing ihn auf: Gerhard Frey erkannte Knops Nützlichkeit, endlich war da ein vorzeigbares Gesicht für seine marode DVU. Er lud ihn ein in seine Villa nach München-Pasing. Frey, der absolutistisch über seine DVU herrschte, bot Knop den Landesvorsitz in Sachsen-Anhalt an und die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2006.

Berlin-Wilmersdorf, ein grauer Novembertag. Knop sitzt in einem feinen Café, nicht weit vom Ku’damm. Mit weißem Hemd, rahmenloser Brille und welligen, nach hinten gekämmten Haaren passt er modisch in die Gegend. Stundenlang erzählt er von seiner Zeit in der Szene und dem Nachdenkprozess, der schließlich bei ihm in Gang gekommen sei. Immer wieder rutschen ihm dabei Nazivokabeln heraus, mehrfach spricht er von "artfremd" – und merkt es nicht einmal. Ein Jahrzehnt hat tiefe Spuren hinterlassen.