Alles fängt damit an, dass die Männer auf dem Podium keine Namen füreinander haben. Nur "du", so sagen sie, du, und dann werfen sie Wörter in die Luft, so lang und ungelenk, als hätte jemand die Silben in Zeitnot provisorisch zusammengeflickt. "Durchschnittsislamist", "Radikalisierungsprozess", "U-Boot-Christ". Aber ihre Namen sagen sie nicht. Ihre Namen, das sind laut Programm Michael und Götz. Typisch deutsch. Und Ramses. Ramses Oueslati.

Alles fängt also damit an, dass man geglaubt hatte, einen Mann mit diesem Namen von allein erkennen zu müssen. Akzent. Aussehen. Attitüde. Irgendwas. Aber man erkennt ihn nicht.

Akzent. Aussehen. Attitüde. Der Glaube, dass jemand schon irgendwie anders ist, weil sein Name nicht Götz ist oder Michael: Das hat viel damit zu tun, worüber Ramses Oueslati an diesem Abend im Rathaus spricht.

Es ist ein Dienstag im November, die Stühle im Kaisersaal sind bis zur letzten Reihe belegt. Die Linkspartei hat eingeladen, auf dem Podium diskutieren ein Islamwissenschaftler, Götz, ein Familientherapeut, Michael, und ein Migrationspädagoge, den die Moderatorin irgendwann als Ramses anspricht. Ein Mann im eleganten braunen Anzug, mit braunen Haaren, braunen Augen. Das Thema des Abends: "Hamburger Rekruten für den IS-Terror – Was tun?" Das zieht. Salafismus, das ist immer ein gutes Thema, um sich ein bisschen zu gruseln, ein bisschen zu wärmen an dem Gefühl, auf der Seite der Gerechten zu stehen.

Aber schon nach kurzer Zeit ist im Saal gar nicht mehr so klar, wer gerecht ist und wer nicht, wer das Problem ist und wer die Lösung. Denn da ist einer auf dem Podium, weit links, der will nicht nur über die Jugendlichen sprechen, die schon IS-Rekruten sind. Sondern darüber, was schiefläuft, bevor einer überhaupt mit dem Gedanken spielt, Rekrut zu werden.

"Viele Erwachsene ahnen nichts vom Ausmaß der Diskriminierung, mit dem viele Jugendliche leben", sagt Ramses Oueslati und hackt dabei mit den Händen durch die Luft. Je mehr er sich aufregt, desto schneller hacken die Hände.

Er sagt: "Viele Lehrkräfte wissen nicht, dass ihre Schüler wegen ihrer Haut- oder Haarfarbe nicht in Discos eingelassen werden." Dass die im Unterricht müde seien, weil sie morgens in einer Behörde für ihre Eltern übersetzen mussten. Dass sie schlecht drauf seien, weil jemand aus ihrer Familie abgeschoben wurde.

Er sagt: "Salafismus ist ein trauriger, aber realer Einstieg, um sich Gedanken über den Alltagsrassismus in unserem Land zu machen."

Ramses Oueslati, Lehrer und Lehrerfortbilder, versucht seit Jahren, auf das Thema hinzuweisen. Aber "Alltagsrassismus": Das ist schon wieder so ein ungelenkes Wort. Hat seit Jahren keinen interessiert. Bis Oueslati angefangen hat, auch über Salafismus zu reden. Und Salafismus, das zieht. Plötzlich ist Oueslati ein gefragter Experte in Hamburg. Auch wenn seine Expertise oft beschämend ist für seine Zuhörer.

Einen Monat ist es inzwischen her, dass der Senat ein Konzept gegen religiösen Extremismus verabschiedet hat, für 1,1 Millionen Euro. Es sieht vor, die wichtigen Akteure im Kampf gegen den radikalen Islam besser zu vernetzen. Vom Frühjahr 2015 an soll zudem ein "mobiles Beratungsteam" Angehörige, Lehrer und Sozialarbeiter unterstützen. "Der Salafismus ist nicht ein Problem des Islams, sondern eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft", sagte Sozialsenator Detlef Scheele bei der Präsentation Ende Oktober.

Ein Satz, der zu dem passt, was Ramses Oueslati immer wieder im Kaisersaal des Rathauses betont hatte: "Das Problem ist nicht der Islam. Einfach den Islam als Ursache zu sehen, ist wie Öl ins Feuer zu gießen. Das Problem sind Enttäuschungen, mangelnde Perspektiven, Armut." Trotzdem hackt Oueslati jetzt, einen Tag später, im Büro im Landesinstitut für Lehrerfortbildung und Schulentwicklung (LI), wieder mit den Händen durch die Luft. Wie auf dem Podium, in Aufregung. "Es ist ärgerlich, dass wir immer erst im Defizitkontext über all diese Probleme sprechen", sagt er.