Das war eine Entscheidung so recht nach dem Geschmack zweier mächtiger Männer. Die Präsidenten Russlands und der Türkei besprachen sich im brandneuen Tausend-Zimmer-Palast von Tayyip Erdoğan in Ankara. Zwei Männer, die mit Demonstranten und Oppositionellen hadern, die gern laut über die EU und noch mehr über Amerika wettern. Putin und Erdoğan tagten hinter fest verschlossenen hohen Edelholztüren. Nach drei Stunden verkündete Wladimir Putin: Die South-Stream-Pipeline wird nicht gebaut. Dafür entsteht eine ganz neue Leitung in die Türkei.

Was wie eine Meldung für Energiespezialisten klingt, ist in Wahrheit ein geopolitisches Erdbeben. Putin lässt eine Mega-Gaspipeline sterben, an der knapp ein Dutzend Länder hängen sollten. Er bestraft kleine europäische Länder wie Bulgarien und Serbien, die am Transit verdienen wollten. Gleichzeitig stärkt er mit einer neuen Pipeline seinen vermeintlichen Verbündeten gegen Europa, die Türkei. Und das alles, um doch seinen Einfluss in Europa zu behalten.

Ein Zeitalter geht dem Ende zu: Die Ära der großen, von Staaten gesponserten Superpipelines, die durch Meere, Berge und viele Länder verlegt werden und über mehrere Tausend Kilometer reichen. Pipelines, die so komplex und so teuer sind, dass Konzerne allein sie nicht bauen können und sie stattdessen in Regierungskanzleien geplant und vorangetrieben werden müssen. Diese politischen Pipelines könnten nun in Europa endgültig der Vergangenheit angehören.

"Wenn Europa dieses Projekt nicht will, dann wird es nicht verwirklicht", sagte Putin in fast beleidigtem Ton in Ankara. "Wir werden dann unsere Energiequellen in andere Regionen der Welt leiten." Der russische Präsident spielte damit auf die EU-Entscheidung an, den typischen Gazprom-Deal für Europa zu verhindern.

Der geht so: Sowohl der Gasproduzent als auch die Gasleitung und der Gasverkäufer sind unter dem Dach des russischen Monopolisten. Gazprom verkauft, und Europa kauft. Schon 2009 untersagte die EU diese Bündelung und forderte, dass Energieproduzenten künftig keine Leitungen unterhalten dürften. Gazprom trieb der EU zum Trotz die South-Stream-Pipeline voran. In diesem Konflikt war das Ende von South Stream schon angelegt.

South Stream war eine Trotzreaktion auf die Großpipeline Nabucco

Wladimir Putin und Gazprom wollten die Länder Südosteuropas mit dieser Einflusspipeline enger an Russland binden. Doch der Gazprom-Deal funktionierte nur so lange, wie die Regierungen der beteiligten Länder mitmachten. Dann aber wechselte im Oktober in Bulgarien die Regierung. Der frühere und im Oktober wiedergewählte Regierungschef Bojko Borissow erklärte zwar, dass er sich an die EU-Vorgaben halten wolle. Aber Korruptionsskandale und Oligarchenkämpfe bei der Ausschreibung der Pipeline erschwerten den Bau in Bulgarien. South Stream drohte bereits in einem Wust von Problemen zu ersticken, bevor der Gazprom-Vorsitzende Alexej Miller nun in Ankara sagte: "Schluss. Das Projekt ist beendet."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 50 vom 4.12.2014.

South Stream war auch eine Reaktion auf ein europäisches Projekt, das schon im vergangenen Jahr einen stillen Tod gestorben ist: die Nabucco-Pipeline. Sie sollte von der Türkei bis nach Wien führen und kaspisches Gas nach Europa bringen. Die EU-Kommission machte die Leitung zu einem ihrer Vorzeigeprojekte für die Energieversorgung des Kontinents. Vergebens. Die Leitung war zu lang, zu teuer, zu komplex. Es war abzusehen, dass sie sich nicht rechnete. Die großen Konzerne stiegen nacheinander aus. 2013 begrub auch die EU ohne große Trauerfeier das Projekt.

Nur die Russen hielten an den politischen Pipelines fest. Quer durch die Ostsee baute Gazprom die North-Stream-Pipeline, unter Beteiligung europäischer Konzerne. Die Rohrverbindung von Nordwestrussland nach Deutschland leitet seit Ende 2011 Gas nach Europa. Nach ihrem Vorbild erdachten der Kreml und Gazprom die South-Stream-Pipeline, um das ihnen verhasste Nabucco-Projekt der EU zu torpedieren. Als Nabucco starb, machte Russland erst recht weiter. Putin reiste kreuz und quer über den Balkan und schloss Verträge.

Europa braucht weniger Erdgas

Sein großer Pipeline-Schwenk hat auch mit dem Widerstand der EU-Kommission zu tun, aber vor allem mit zwei wichtigen strategischen Tatsachen:

Erstens braucht Europa in der Zukunft wohl weniger Erdgas, als man noch vor Jahren annahm. Die chronische Krise in Südeuropa und die deutsche Energiewende haben das Szenario von einem stark wachsenden Gasmarkt entwertet. Europa wird trotz Russland-Krise weiter einen erheblichen Teil seines Erdgases aus Sibirien beziehen, aber sein Gasmarkt soll kaum noch wachsen. Eine Studie des Oxford Institute of Energy Studies in London sagt voraus, dass der EU-Verbrauch von 594 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2010 bis 2020 auf 564 Milliarden Kubikmeter fallen und bis 2030 nur leicht auf 618 Milliarden Kubikmeter steigen soll.