Es ist erstaunlich, wie gestandene Männer plötzlich Angst bekommen, wenn man mit ihnen über Weihnachtsmärkte reden möchte. Einer meldet sich einfach nicht mehr. Einer raunt: "Wer sich beklagt, kriegt nie wieder einen Platz." Ein anderer verabredet sich an einem abgelegenen Ort, weit entfernt vom nächsten Weihnachtsmarkt, damit ihn kein Kollege zufällig beim Gespräch ertappt. Nur ein Einziger wird am Ende offen sprechen und mit seinem Namen dazu stehen. Er wird sagen: "Was in der Kasse übrig bleibt, stammt nur vom Glühwein."

Es geht um ein Geschäft, das Mitte November beginnt, wenn Gabelstapler wieder Holzbuden durch die Innenstadt hieven. "Kulissenbau Nord", steht auf einer Maschine. Die kunstvollen Kulissenwelten heißen Winterwald oder Weißer Zauber. Tausende Menschen drängen sich durch diese Budengassen, wärmen sich am Glühwein mit Schuss für vier Euro – oder einfach nur an der Heimeligkeit inmitten von Flagship-Stores.

Die ängstlichen Männer sind eigentlich in solchen Kulissen zu Hause, sie sind Schausteller. Sie stammen aus Familien, die seit Generationen übers Land fahren und ihre Geschäfte auf Volksfesten errichten. Früher konnten sie gut davon leben. Früher hatten sie im Herbst so viel in der Kasse, dass sie den Winter überbrücken konnten, diese karge Zeit ohne Jahrmärkte.

Heute haben viele Furcht vor dem Winter, denn die Zeiten für Schausteller sind das ganze Jahr über karg geworden. Kleine Volksfeste sterben aus, und ein großes wie der Dom ist nur noch ein Event von Hunderten in der Stadt. Aus dem Schaustellerleben sei ein "ganz brutales Geschäft" geworden, sagt Dirk Sielmann, der Vorsitzende des SPD-Distrikts Heiligengeistfeld, dem etwa hundert Schausteller angehören. Sielmann verdient sein Geld anders. Aber er kennt einige Standbesitzer, denen es schlecht geht. Die allein ihr Stolz davon abhält, Hartz IV zu beantragen. "Fürchterlich", sagt er.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nur die Weihnachtsmärkte wachsen und florieren Jahr für Jahr. Sie könnten ein Segen sein für den gebeutelten Berufsstand. Doch woher kommt dann diese Angst? Weshalb sprechen manche Männer sogar von Willkür?

Das Geschäft mit den Weihnachtsmärkten in der City beginnt mit einer Annonce im Amtlichen Anzeiger. Bald wird wieder eine erscheinen, das Bezirksamt Mitte schreibt den prominentesten Markt am Rathaus nach fünf Jahren neu aus. Bislang betreibt ihn die Kölner Zirkusfirma Roncalli. Ihre Mitarbeiter haben schon eine Drohne über den Buden gesichtet. Und seltsame Gestalten, die auffällig genau die Dekoration fotografiert haben. Die Konkurrenz schläft nicht. Nicht bei einem solch lukrativen Geschäft.

Jeder kann sich für einen Weihnachtsmarkt bewerben. Wer einmal den Zuschlag erhält, darf fünf Jahre lang in der Adventszeit seine Kulissen aufbauen. Er darf vor allem ganz allein bestimmen, für welche Summe er eine Bude auf seinem Markt vermietet. Und an wen. Die Stadt macht keine Vorgaben, sie überlässt die Märkte dem freien Spiel der Kräfte. Wer einmal den Zuschlag bekommen hat, ist also ein ziemlich einflussreicher Mann. Manche behaupten sogar, er habe eine Lizenz zum Gelddrucken.

Benno Fabricius ist einer dieser Glücklichen, ein ruhiger Herr mit Glatze. Der Schausteller erhielt vor zwei Jahren den Zuschlag für den Weihnachtsmarkt auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz direkt an der Mönckebergstraße. Er ist der Erschaffer des dortigen Winterwaldes. Und er ist bereit, bei einer Tasse Tee einen kleinen Einblick zu geben in sein Geschäft. Er weiß, dass viel Missgunst herrscht unter Schaustellern, dass fast alle über überteuerte Standpreise klagen. Er will dem etwas entgegensetzen: Offenheit.

Also, wie läuft das mit den Standgebühren, Herr Fabricius? Wie viel muss ein Budenbetreiber auf Ihrem Weihnachtsmarkt bezahlen? "Ein Kunstgewerbestand bezahlt 2000 bis 2500 Euro", sagt der Herr des Winterwaldes, "das ist vielleicht ein Achtel von dem, was ein Glühweinstand bezahlt." 2500 mal acht, das sind also 20.000 Euro Standgeld, die ein Glühweinverkäufer an Fabricius entrichtet, dafür, dass er gut vier Wochen lang eine Bude in der Hamburger City bekommt und darin Glühwein verkaufen darf. Für die besten Plätze auf dem Weihnachtsmarkt ist es wohl noch mehr, auf den Euro genau sagt Fabricius es lieber nicht.

Er sagt, der Glühweinverkauf sei mit Abstand das erfolgreichste Geschäft. Es folgen die Imbissstände, dann die Zuckerbuden. Vergleichsweise bescheidene Einnahmen erzielen die Kunsthandwerker, auch wenn sie den eigentlichen Charme eines Weihnachtsmarktes ausmachen: Manche bibbern abends einsam in ihren Ständen, während nebenan der Glühwein fließt. Deshalb, sagt Fabricius, würden sie über reduzierte Standgebühren quersubventioniert.

Fabricius betreibt vier der acht Glühweinstände auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz selbst. Nur so komme er über die Runden, sagt er: "Was in der Kasse übrig bleibt, stammt nur vom Glühwein."

In großen Tanks mit bis zu 1000 Litern wird der Glühwein geliefert, von Durchlauferhitzern angewärmt und dann in 0,2-Liter-Tassen verkauft. Hundertfach pro Stunde. Bei Fabricius kostet er 2,50 Euro. Nebenan, auf dem Rathausmarkt, sind es drei Euro. Dort sind die Standbetreiber verpflichtet, den Wein ausschließlich über Roncalli bei einem ausgewählten Winzer zu kaufen. Das schreibe man so vor, weil die Qualität früher nicht gestimmt habe, heißt es bei Roncalli. Früher hätten manche unerfreulichen Billigwein ausgeschenkt. Einige Schausteller vermuten hingegen, es könnte auch mit der Gewinnspanne zusammenhängen, was man beim Zirkusbetrieb zurückweist.

Fabricius trinkt einen zweiten Tee. Warum steigen die Standgebühren seit Jahren stark an, wo sich die Menschen doch an den Märkten drängen? Warum klagen manche Schausteller, sie würden ausgenommen wie Weihnachtsgänse? Er sagt: "Wir sind gezwungen, wegen der Vorkosten mit erheblichen Summen zu hantieren." Er meint: Auch die Stadt will inzwischen mitverdienen am Boom der Weihnachtsmärkte. Nach einer Mahnung des Rechnungshofes hat sie die Gebühren deutlich erhöht. Im vergangenen Jahr nahm der Bezirk Mitte 547 000 Euro an Gebühren von den zehn Weihnachtsmarkt-Betreibern ein, ein Anstieg um 60 Prozent in nur zwei Jahren. Fabricius sagt, er lege die gestiegenen Gebühren auf die Standgelder um, genauso wie die Baukosten für die einzeln gefertigten Holzhütten, 20.000 Euro pro Bude, und die Kosten für die Dekoration.

So kommt es, dass selbst der Weihnachtsmarkt für einige Schausteller kein gutes Geschäft ist, dass bei ihnen nur ein paar Tausend Euro hängen bleiben, zu wenig, um es gut über den Winter zu schaffen. Dennoch haben sie keine Alternative. So kommt es also, dass gestandene Männer Angst haben, es sich mit Betreibern wie Fabricius zu verscherzen. Denn er bestimmt, wer im nächsten Jahr wiederkommen darf. Und das ist nicht jeder.

Auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz musste ein Stand mit Feuerzangenbowle weichen, sagt Fabricius, weil er heimlich Glühwein verkauft habe. Auf dem Rathausmarkt musste ein Schokohändler verschwinden, heißt es bei Roncalli, weil er trotz mehrmaliger Ermahnung seine Ware schlampig präsentierte.

Und dann ist da noch die Sache mit der SPD. Gleich mehrere Betreiber von gut gelegenen Weihnachtsmärkten sind in der Partei. Fabricius ist stellvertretender Vorsitzender des Distrikts Heiligengeistfeld, der andere Stellvertreter organisiert den Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg mit.

Manche in Hamburg wundern sich darüber, wie viele Genossen inzwischen Weihnachtsmärkte betreiben. Vor zwei Jahren, als Fabricius den Zuschlag erhielt, gab es kritische Berichte über Kungelei, doch ein Gericht bestätigte am Ende, dass die Vergabe korrekt abgelaufen sei. "Jeder hatte die gleiche Chance", sagt Fabricius. Die Entscheidung fiel in einem Gremium, in dem ein Vertreter von jeder Partei saß, dazu zwei Vertreter der Anlieger und drei Mitarbeiter des Bezirksamts. Und überhaupt gehe es ihm nicht nur ums Geld, sondern auch um Idealismus: "Ich wollte was Schönes machen." Deshalb hat er einen kleinen Wald auf den Gerhart-Hauptmann-Platz gestellt, eine prachtvolle Kulisse. Flankiert von einem Glühweinstand.