DIE ZEIT: Seit etwa 20 Jahren forschen Sie in den USA, dem Ursprungsland des Optimismus, des Immerfort-gut-drauf-Seins. Nun haben Sie ein Buch geschrieben, das positive Fantasien und Tagträume als Erfolgskiller so richtig in den Dreck zieht. Sind Sie die typisch deutsche Miesmacherin?

Gabriele Oettingen: Anfangs wollte ich in den USA ja über Hoffnung arbeiten und nicht miesmacherisch daherkommen. Und ich hatte die Chance, bei Seligman zu forschen ...

ZEIT: ... bei Martin Seligman, dem Erfinder der "positiven Psychologie" und Autor von Büchern wie Pessimisten küsst man nicht.

Oettingen: Genau. Damals war die psychologische Forschung insbesondere auf Erwartungen ausgerichtet, also die Einschätzung der Erfolgschancen. Sind die Erwartungen hoch, spricht man von Optimismus, sind sie niedrig, von Pessimismus. Seligman machte aber vom Konzept her keinen Unterschied zwischen Hoffnung und Optimismus. Das hat mich bekümmert. Von Hoffnung sprechen wir doch dann, wenn die Chancen schlecht stehen und wir trotzdem positiv in die Zukunft sehen können. So kam ich auf die Idee, den Einfluss von Wunschträumen und positiven Fantasien empirisch zu untersuchen.

ZEIT: Der natürlich positiv ist, oder?

Oettingen: Das hatte ich auch gedacht. Ich war davon ausgegangen, dass uns Fantasien helfen, unsere Wünsche zu erfüllen. Doch gleich in der ersten Studie 1991 kam genau das Gegenteil heraus.

ZEIT: Wunschträume schaden eher?

Oettingen: In dieser Studie beobachtete ich stark übergewichtige Frauen, die sich für ein Gewichtsreduktionsprogramm angemeldet hatten. Nach Ende des Programms stellte sich überraschenderweise heraus, dass jene Teilnehmerinnen, die sich ihre Zukunft nach dem Programm sehr positiv ausgemalt hatten, weniger abgenommen hatten als die Skeptikerinnen. Ich dachte zuerst, ich hätte falsch codiert oder gemessen, aber in der nächsten Studie erhärtete sich das Ergebnis: Studierende, die sich in ihrem letzten Studienjahr intensiv das schöne Leben nach dem Abschluss ausmalten, verdienten zwei Jahre später weniger als diejenigen, die auch negative Gedanken zuließen.

ZEIT: Das Schwelgen in positiven Zukunftsfantasien verhindert den Erfolg?

Oettingen: Das belegen mittlerweile viele Studien. Warum? Zukunftsträume sind angenehm im Moment, auf lange Sicht aber blockieren sie uns. Wer den Erfolg im Geiste schon vorweggenommen hat, hat das Gefühl, er brauche sich nicht mehr zu bemühen. Die Freude hatte er ja schon.

ZEIT: Sie haben auch in der Wirtschaft, der Politik oder in Beziehungen festgestellt: Träumen kostet Energie, die man für die Tat bräuchte. Sollte man also vor einem Rendezvous oder der Gehaltsverhandlung das Träumen lieber lassen?

Oettingen: Die Befunde legen das zumindest nahe. Dennoch habe ich mich gefragt: Wie kann man konstruktiv handeln, Dinge in Bewegung setzen und die Zukunft gestalten, wenn man nicht vorher eine positive Idee hat? Heute weiß ich: Man darf beim Traum nicht stehen bleiben.

ZEIT: Was passiert denn beim Wunschträumen?

Oettingen: Das habe ich mit meiner Doktorandin Heather Kappes untersucht: Wir ließen Studierende von der Zukunft träumen und maßen zugleich ihren systolischen Blutdruck. Die eine Gruppe durfte ungebremst positive Visionen entwickeln, die andere brachten wir dazu, ihre schönen Fantasien auch infrage zu stellen. Dabei zeigte sich: Die Teilnehmer aus der ersten Gruppe entspannten sich, die aus der zweiten nicht.

ZEIT: Ist Entspannung denn nicht gesund?

Oettingen: Das Problem ist: Sinkt das Energieniveau, fehlt die Energie, die zum Erreichen des erträumten Zieles nötig ist.

ZEIT: Man muss sich also noch einmal aufraffen?

Oettingen: Genau. Wir nennen das mental contrasting: Man muss sich in einem zweiten Schritt die Probleme auf dem Weg zur Wunscherfüllung klarmachen. Erst wenn man sich diese – auch inneren – Hindernisse vor Augen führt, findet man einen Weg, sie zu überwinden.

ZEIT: Ich träume von einem Segelboot. Das Hindernis ist mein Kontoauszug. Was tun?

Oettingen: Wenn das Hindernis zu groß ist, muss man den Wunsch anpassen. Oder sagen: Vergiss es. Das gibt schon einmal Klarheit. Und dann kommt der von Peter Gollwitzer entwickelte "Wenn-dann-Plan", der spezifiziert, was ich tun muss, um die Hindernisse zu bewältigen. Im Englischen nennen wir das WOOP: wish, outcome, obstacle, plan – Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan.

ZEIT: Das klingt jetzt aber sehr amerikanisch!

Oettingen: Es ist eine vierstufige Strategie, die man sich gewissermaßen in die Tasche stecken kann: Zuerst überlegt man, welcher Wunsch einem gerade wichtig ist, und malt sich die entsprechende Zukunft aus. Dann erforscht man, was einen von der Realisierung abhält: Ängste, Unklarheit, Groll, Müdigkeit? Man stellt sich das Hindernis vor, erlebt es. Und zum Schluss überlegt man, wie man das Hindernis überwinden kann. Ich mache das regelmäßig im Alltag: In der Früh WOOPe ich, dann ist mir für den Tag klar, was ich will und wie ich am besten handle.

ZEIT: Ist das nicht banal? Ich wünsche mir ein Boot, träume, schaue aufs Konto und leihe mir am Ende lieber ein Paddelboot. Das hätte meine Oma auch vorgeschlagen.