Es sitzt das Lätzchen, der Motor schnurrt, der Stuhl fährt langsam zurück. Meine Zahnärztin beugt sich mit ihrer Lupenbrille über mich und setzt den Bohrer an. Ich, selig betäubt, erinnere mich an die Neandertaler. Genauer: an Neandertalerzähne. Noch genauer: an detailgetreue, enorm vergrößerte Modelle von Neandertalerzähnen. Von denen habe ich am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine ganze Menge zu sehen bekommen, als ich dort für drei Monate als Reporterin die Arbeit der Wissenschaftler begleitet habe. Gut handtellergroß sind die Stücke, robuste Kloben aus gelbem, transparentem Kunststoff, Schicht für Schicht mit Präzision aus dem 3-D-Drucker gespuckt.

Diese Nachbildungen erlauben wertvolle Einblicke. Sie basieren auf Mikro-CT-Scans, Röntgenbildern aus einem hochauflösenden Computertomografen, deshalb ist nicht nur die äußere, sondern auch die innere Struktur des Zahns sichtbar. Ganz innen liegt die Pulpahöhle. Selbst in der starken Vergrößerung des Modells ist sie im Bereich der Zahnwurzel nur wenige Millimeter dick. Zu diesem zarten Gebilde ist meine Zahnärztin gerade mit ihrem Bohrer unterwegs.

Der Eingriff kommt nicht aus heiterem Himmel. Eine Woche vorher saß ich schon einmal in diesem Stuhl, wegen diffuser, aber anhaltender Schmerzen im Unterkiefer. Die üblichen Prozeduren – Kältetest, Klopftest, Röntgen – ergaben kein eindeutiges Bild. "Weiter beobachten", sagte meine Zahnärztin, "und wenn es schlimmer wird, dann kommen Sie sofort wieder." Es wurde schlimmer. Ein exquisiter Schmerz, der die ganze Kopfhälfte einnahm und sich rund ums Ohr wand wie eine dieser osteuropäischen Zopffrisuren, nur innen. Jetzt ist auch der Befund eindeutig: Der Ausgangspunkt des Schmerzes liegt unten rechts, im Backenzahn 47 ("vier sieben" sagt die Zahnärztin), an der äußersten Spitze der Zahnwurzel, am Ende der schmalen Pulpahöhle.

Die Pulpa ist das belebte Innere des Zahns – Nerven, Blutbahnen, was man so braucht. Alles auf engstem Raum, umschlossen von unbelebtem Zahnbein, dem Dentin. Ganz außen liegt an der Wurzel der Zahnzement, oben in der Krone der harte Zahnschmelz. Eine solide Hülle. Von der Pulpa ins Dentin hinein verlaufen winzige Kanälchen, nur ein, zwei Mikrometer im Durchmesser. Die Kanälchen sind mit Flüssigkeit gefüllt, und die zieht sich, wenn man mit etwas sehr Kaltem an den Zahn kommt, Vanilleeis etwa oder einem mit Eisspray präparierten Wattebausch, schlagartig zusammen und reißt dabei die Natriumkanäle an den Nervenenden in der Pulpa auf, was einen Nervenimpuls auslöst und damit einen scharfen Schmerz. Wenn das passiert, ist alles in Ordnung. Der Zahn ist gesund, oder zumindest "vital", wie die Zahnärzte sagen.

Dieses ganze fein ziselierte System wird meine Zahnärztin jetzt herausrupfen. Was am Stück nicht mitkommt, wird sorgfältig ausgefeilt. Nichts darf übrig bleiben. Denn meine Pulpa ist hin.

Als die Zahnärztin sich schon durch Schmelz und Dentin hindurchgebohrt hat und dabei ist, die Pulpahöhle zu öffnen, hält sie noch einmal inne: "Das kann jetzt gleich ein bisschen riechen." Ich nicke ergeben und begreife erst ein paar Augenblicke später die Tragweite dieser Warnung, als es aus meiner winzigen Pulpahöhle anfängt zu stinken wie aus einem Klärwerk. Ich kann das erklären. Die Bakterien waren es. Und zwar anaerobe, also solche, die ohne Sauerstoff auskommen und die Gase wie Ammoniak und Schwefelwasserstoff oder auch Buttersäure abgeben, deren Geruch wir ansonsten von Güllewagen, Fürzen, faulen Eiern oder Erbrochenem kennen.

"Gangrän", sagt meine Zahnärztin. Durch meinen betäubten Schädel flackern in schneller Folge: Wundbrand, Erster Weltkrieg, Beine ab ... Ganz so schlimm ist es nicht, aber auf ihre Weise ist auch meine winzige Pulpahöhle so etwas wie ein Schlachtfeld.

Während ich noch ahnungslos Vanilleeis gegessen habe, hat sich mein Immunsystem schon seit Wochen, wahrscheinlich sogar Monaten oder Jahren mit den Bakterien in meinem Wurzelkanal herumgeschlagen. Es begann, wie so oft, mit kleinen Scharmützeln im Grenzgebiet, in den Dentinkanälchen, lange bevor die Bakterien überhaupt in der Pulpa ankamen.

In der Pulpa dann das gewohnte Zusammenspiel der Immunabwehr: Dendritische Zellen spüren auf, Lymphozyten zerstören, Makrophagen verschlingen die Trümmer und attackieren später selbst. Währenddessen steigt die Durchblutung an, rote Blutkörperchen stauen sich, es entstehen winzige lokale Infarkte, das Gewebe stirbt ab, und die Entzündung wandert weiter in die umliegenden Gebiete. "Flächenbrand" würden die Kriegsberichterstatter sagen.

Und je weiter sich die Entzündung ausdehnt, desto größer wird das Volumen an Zellen, Flüssigkeiten, Abfallprodukten. Anderswo im Körper würde sich das alles einfach verteilen, aber in der starren Zahnhülle gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Der Druck steigt immer weiter und überträgt sich schließlich auch auf die Nervenzellen, die aus dem Zahn durch die Zahnwurzel ins Gehirn führen. So ist der Schmerz entstanden, der mich schließlich zum Zahnarzt getrieben hat – aber da war die Schlacht in der Pulpa schon verloren. Für beide Seiten übrigens. Die Pulpa ist tot. Und die Bakterien sind ihr Siedlungsgebiet los.

Nicht, dass die Zahnwurzel unter Bakterien als besonders begehrte Wohnlage gelten würde. Nur wenige Spezialisten wagen sich in dieses Milieu vor. Den Weg bereitet meistens eine Karies.