Ist die Energiewende in Deutschland ein "schmutziger Irrtum", wie Frank Drieschner in der vergangenen Ausgabe der ZEIT schrieb? Durchaus nicht.

Im Jahr 2000 beschloss der Bundestag das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), und die damalige Bundesregierung einigte sich mit der Industrie auf einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kernenergie. Seitdem ist die jährliche Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien um 114 Terawattstunden (TWh) gewachsen, die aus Kernkraftwerken um 72 TWh gesunken. Zusätzlicher Strom aus erneuerbaren Energien hat das Abschalten von Kernkraftwerken also mehr als kompensiert. Außerdem wurde fossile Stromproduktion für den heimischen Markt verdrängt. Trotzdem verblieb die Stromproduktion aus fossilen Kraftwerken in Deutschland auf gleichem Niveau. Wieso das? Hier hilft ein Blick auf die Import-Export-Bilanz. Die war im Jahr 2000 noch ausgeglichen, im vergangenen Jahr aber hatten wir einen Rekord-Exportüberschuss von 34 TWh, dieses Jahr wird er voraussichtlich noch größer sein. Was ist also geschehen? Den Betreibern von Kohlekraftwerken gelang es in den vergangenen Jahren, immer größere Strommengen ins Ausland zu verkaufen. Dies blieb nicht ohne Wirkung auf die Klimabilanz in Deutschland.

Die CO₂-Emissionen der Stromproduktion in Deutschland sanken zunächst von 319 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 294 Millionen im Jahr 2009. Seitdem aber steigen sie wieder; 2013 lagen sie bei 317 Millionen Tonnen, und das obwohl der Ausbau der erneuerbaren Energien die Abschaltung von Kernkraftwerken deutlich überkompensiert hat.

Die schlechte CO₂-Bilanz ist nicht das Ergebnis des "schmutzigen Irrtums" einer fehlgeleiteten Energiewende, sondern das eines politischen Versagens. Im Jahr 2005 wurde in Europa der Emissionshandel für Kraftwerke und Industrieanlagen eingeführt. Er funktioniert nach dem Prinzip "Cap and Trade": Die Höhe der Emissionsberechtigungen wird beschränkt, und diese dürfen frei gehandelt werden, man kann sie als Zertifikate kaufen. CO₂ bekommt so einen Preis. Die Folge ist, dass Betreiber ineffizienter Altanlagen und solcher mit besonders klimaschädlichen Brennstoffen wie Braunkohle mehr Emissionsberechtigungen kaufen müssen als andere, die mit klimafreundlicheren Anlagen arbeiten, etwa mit Erdgaskraftwerken. Anfang 2008 hat das Prinzip noch gut funktioniert. Der Preis pro Tonne CO₂ lag bei 22 Euro, mit der Folge, dass die Stromproduktionskosten von modernen Gaskraftwerken unter denen von alten Steinkohlekraftwerken lagen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Dann aber verfielen die Preise. Zunächst wegen der Wirtschaftskrise in Europa und dem einhergehenden Überangebot an Zertifikaten. Hinzu kamen große Mengen an Emissionszertifikaten aus Russland, der Ukraine und China; die EU hatte diese Länder in ihr Emissionshandelssystem hineingelassen. Sie erhielten Billigzertifikate, denen oft keine zusätzliche Emissionsminderung entsprach. Im Ergebnis haben wir heute am EU-Emissionshandelsmarkt einen Zertifikateüberschuss von über zwei Milliarden Euro. Der Preis, der für CO₂-Emissionen zu bezahlen ist, liegt seither im Keller. Wenn aber CO₂ billig ist, verdrängt die Braunkohle die Steinkohle – und die Steinkohle das Erdgas. Die Folge: Emissionsarme Gaskraftwerke stehen still, in Deutschland und in den Nachbarländern – verdrängt durch Kohlestrom, der sich rechnet, weil fossile Kraftwerke unsere Atmosphäre nahezu kostenlos als Deponie für CO₂ nutzen dürfen.

Das also ist das "schmutzige Geheimnis", nur hat es mit der deutschen Energiewende nichts zu tun.

Diese Fehlentwicklung hätte verhindert werden müssen. Die EU-Kommission, unterstützt vom Europäischen Parlament, versuchte, einen Teil des Zertifikateüberschusses stillzulegen. Osteuropäische Staate waren dagegen, hätten es aber nicht verhindern können – doch die Reformen scheiterten wegen der fehlenden Unterstützung aus Deutschland. Aber vor allem Deutschland sperrte sich dagegen. Der oberste Bremser war der damalige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP).