Ausgerechnet Templin. Der 70 Meter hohe Turm der evangelischen Kirche ist schon von Weitem zu sehen. Am Reformationstag dieses Jahres wuchs er noch ein bisschen mehr in den Himmel. Da kehrte Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Ort ihrer Konfirmation zurück und sprach in dem Gotteshaus über das Christsein in der Politik. Ausgerechnet Templin hat sich die Glaubensgemeinschaft des Fliegenden Spaghettimonsters ausgesucht, um die religiöse Richtlinienkompetenz der christlichen Konfessionen anzuzweifeln.

An den Ortseingängen stehen Schilder, die auf die Gottesdienste der evangelischen und der katholischen Kirche hinweisen. Vor einigen Tagen kamen weitere Schilder dazu: Sie zeigen ein Monster mit zwei Stielaugen, sechs Tentakeln und den Buchstaben FSM auf dem Körper. FSM, das steht für Fliegendes Spaghettimonster. Es wirbt für eine "Nudelmesse", jeden Freitag um zehn Uhr. Ein Witz? Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters gibt es wirklich. Sie wurde 2006 von Kreationismus-Kritikern in den USA gegründet und verbreitete sich von dort in die ganze Welt. Als "Religionsparodisten" bezeichnen sie sich selbst.

"Das Schild muss weg", sagt Pfarrer Ralf-Günther Schein. Seine Stube im evangelischen Pfarrhaus ist weihnachtlich geschmückt: ein Adventsgesteck auf dem Tisch, selbst gebackene Plätzchen auf dem Teller. Ralf-Günther Schein ist ein Mann der leisen Töne, er hat Sinn für Humor. Doch bei den Schildern mit dem Monster hört der Spaß für ihn auf. Er sagt, der Mast gehöre den Kirchen. Die Freunde des Spaghettimonsters könnten seinetwegen in der örtlichen Pizzeria für ihren "Spaghetti-Verein" werben oder auf einem Privatgrundstück, nicht aber am selben Mast wie die Kirchen. "Das wäre ja so, als ob der Ziegenzüchter-Verein sein Schild unter unserem anbringt."

Sein katholischer Kollege geht sicherheitshalber erst gar nicht ans Telefon, wenn man ihn fragen will, was er von der Sache hält. "Wenn Sie schon wieder wegen diesem komischen Schild anrufen, der Pfarrer sagt dazu nichts!", ruft seine Sekretärin, bevor sie den Hörer auf die Gabel knallt.

So etwas hört Rüdiger Weida gern. Er ist es, der an allen vier Ortseingängen den Hinweis auf die Nudelmesse angebracht hat – mit schrift- licher Genehmigung der örtlichen Straßenmeisterei, darauf legt er Wert. Auf seiner Homepage schreibt er: "Wahrscheinlich sind die Behörden in der Uckermark besonders weltoffen."

Weida ist ein runder Mittsechziger, eisgrauer Rauschebart, sonorer Bass, wache Augen hinter borstigen Augenbrauen. Er sieht aus wie die Reinkarnation des Weihnachtsmannes, und so etwas Ähnliches ist er ja auch. Als "Bruder Spaghettus" ist er Vorsitzender der deutschen Sektion der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters. Hierzulande hat sie erst 150 zahlende Mitglieder, aber die Bewegung wächst, dank Kämpfern wie Rüdiger Weida.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Gegründet wurde sie von dem amerikanischen Physiker Bobby Henderson. Als er erfuhr, dass die Schulbehörde im US-Bundesstaat Kansas neben Darwins Evolutionslehre im Biologieunterricht auch die göttliche Schöpfungsgeschichte eingeführt hatte, trat er eine Protestlawine los. Pastafari nannte sich die Gegenbewegung, die sich über Blogs und Internetforen im Rest der Welt ausbreitete. Aus Gott machten sie ein Spaghettimonster und aus dem Gottesdienst eine Nudelmesse. Humorlosigkeit haben die Parodisten als eines der Grundübel christlicher Eiferer ausgemacht. Rüdiger Weida zelebriert die Nudelmesse jeden Freitag in einem zur Kapelle umfunktionierten Stall auf seinem Privatgrundstück. "Früher waren da Schweine drin", sagt er und grinst. Videos auf seinem eigenen YouTube-Kanal zeigen, wie er im roten Gewand das Leben im Himmel preist, mit sprudelndem Biervulkan und Stripperinnen-Fabrik. Seine Religion, das ist eine Grabbelkiste in einem Gemischtwarenladen, aus der sich jeder das herausgreifen kann, was ihm am besten gefällt oder womit er am besten provozieren kann. Christentum, Islam, Hedonismus. Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Mit seiner Frau wohnt "Bruder Spaghettus" in einem windschiefen Hexenhaus direkt an einer Hauptstraße hinter dem Ortsteil Röddelin. Kein Nachbar weit und breit. In mächtigen Bücherregalen stehen Marcel Proust, Erwin Strittmatter und Vladimir Nabokov. Der ultraflache Computermonitor leuchtet mit dem Adventskranz um die Wette. In das Gebinde hat Weida kleine Farfalle eingeflochten. "Das ist kein Adventskranz, das ist ein Pastat", poltert er. Seine Rolle als Pastafari spielt er mit einer gewissen Ernsthaftigkeit.