Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt © Getty Images

Im Gespräch mit Helmut Schmidt im Jahre 2010 stellte der Historiker und Freund Fritz Stern verwunderte Nachfragen: Er zweifelte an, was der Altbundeskanzler über seine Erfahrungen im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg erzählte. Es war nicht das erste Mal, dass Schmidts Darstellung dieser Zeit kritisch hinterfragt wurde. Keine der bisherigen Biografien indes hat Schmidts Vita bis 1945 so eingehend analysiert wie die neue Studie von Sabine Pamperrien. Ihre Befunde haben nun eine Debatte ausgelöst: Wie nahe stand Helmut Schmidt dem NS-Regime?

Die Journalistin Pamperrien beschreibt Schmidts Integration in den NS-Staat, aber auch seinen partiellen Dissens. Manches am Nationalsozialismus stieß den jungen Schmidt frühzeitig ab, während andere Elemente wie die Idee von der "Volksgemeinschaft" auf ihn höchst attraktiv wirkten. Bis in die ersten Kriegsjahre hinein hielt er auch zu Hitler – er wandte sich ab, als sich die militärische Katastrophe abzuzeichnen begann. Lange oszillierte Schmidts Denken zwischen Nähe und Distanz. Die oppositionellen Kreise, zu denen er zeitweise Kontakt hatte, betrachteten ihn letztlich nicht als einen der Ihren. Diese partikularen Affinitäten und zeitweiligen Loyalitäten konnte man schon aus früheren Biografien herauslesen – die dennoch vielfach dem Narrativ folgten, das Schmidt mit seinen Erinnerungen selbst geprägt hat.

Pamperrien hat diese Erzählung nun mit neuen Quellen überprüft. Besonderes Aufsehen erregen die politischen Beurteilungen, die Pamperrien mit Schmidts Genehmigung seiner Wehrmachtsakte entnommen hat: Sie bescheinigen ihm eine "einwandfreie" NS-Gesinnung. Seit 1942 waren solche Vermerke Pflicht. Man kann sie nicht ohne Weiteres wörtlich nehmen – aber auch nicht vorschnell abtun. Denn es gab Abstufungen in den Formulierungen. Ob der jeweilige Vorgesetzte sie bloß formelhaft verwendete oder Unterschiede machte, können nur Vergleiche mit anderen Beurteilungen aus der Feder desselben Kommandeurs erweisen. Dennoch lässt sich sagen: Schmidts Beurteilungen lagen nicht unter dem Durchschnitt.

Überdurchschnittlich war jedenfalls Schmidts Einsatzbereitschaft als Offizier. Das geltende Soldatenethos hatte er tief verinnerlicht. Pamperrien verwechselt dies keineswegs mit ideologischer Linientreue – auch die Widerständler des 20. Juli waren schließlich passionierte Soldaten. Dennoch wird deutlich, wie sehr Schmidt von der spezifischen Pflichtethik der Zeit beseelt war. Nach der bisherigen Lesart wurde er nur Offizier, um gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen. Doch tatsächlich engagierte er sich weit mehr, als unbedingt erforderlich war. Das ist kein moralisches Urteil, zeigt aber, wie sich Schmidt in das Spektrum der Wehrmacht einordnete – und wie das passive Narrativ vom "Missbrauch" durch das NS-System die Geschichte der aktiven Beteiligung verdeckt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Die Diskrepanzen zwischen Zeitgeschehen und Nachkriegserzählung gehören zu den erhellendsten Themen des Buches, das viel über die Verfertigung der Erinnerung nach 1945 aussagt. Zu zahlreichen Aspekten der Schmidt-Biografie hat Pamperrien, über die Wehrmachtsakte hinaus, neue Dokumente ermittelt und Unstimmigkeiten aufgedeckt. So zeigt die Autorin erstmals, dass Schmidt sich 1933 freiwillig zur HJ meldete. Die frühere Biografik hatte betont, dass er mit seiner Ruderriege ungewollt hineingezogen wurde; sie ließ selbst Schmidts Behauptung von der unpolitischen Wehrmacht und seiner Unkenntnis vom Charakter des Krieges an der Ostfront stehen.

Pamperrien kontrastiert Schmidts Darstellung des Ostkriegs überzeugend mit der historischen Forschung und Archivalien von seiner Truppe. Aus der Perspektive eines Frontoffiziers erschloss sich zwar schwerlich das ganze Ausmaß der Verbrechen – die Entgrenzung des Krieges konnte aber kaum jemandem entgehen, der wie Schmidt 1941/42 an der Front war. Auch die Kenntnis vom Massenmord an den Juden war weit verbreitet: Wenn man davon wissen wollte, konnte man zumindest durch Hörensagen etwas darüber erfahren. Vermutlich verhielt es sich so wie bei der Mehrheit der Wehrmacht: Das Wissen von der Gewalt gegen Zivilisten, Kriegsgefangene und Juden war da, nahm in der Ökonomie der Aufmerksamkeit im Kriegsalltag aber nur untergeordneten Raum ein.

Im Vordergrund stand, wie bei vielen, die Pflichterfüllung für die Nation. Noch 1943/44 bemühte sich Schmidt wieder um ein Frontkommando – auch hierfür musste man kein Nazi sein. Wann genau er sich vom NS-Regime abwandte, bleibt ungewiss. Seinen Notizen vom Kriegsende zufolge spätestens 1942. Kürzlich betonte er dagegen den Volksgerichtshofs-Prozess im Herbst 1944 als Schlüsselerlebnis. Widersprüchlich wirkt zudem der identifikatorische Ton seines Taschenkalenders von 1943/44. Die Hauptquelle bildet jener Rückblick, den er 1945 im Gefangenenlager skizzierte – dies war bereits Teil seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung. Inwieweit er seinen Dissens vorverlegt hat, könnten nur weitere zeitgenössische Selbstzeugnisse klären.

Hier und da gerät Pamperriens Rückschluss vom Kontext auf die Person zu direkt, etwa wenn es um die Hochzeit in Uniform geht. Insgesamt ist die Analyse kritisch, aber nicht moralisierend. Sabine Pamperrien hat ein lesenswertes, gut recherchiertes Buch geschrieben, das die Perspektive auf Helmut Schmidts Biografie bis 1945 schärft.

Felix Römer, geboren 1978, ist Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in London. Von ihm erschien 2012 im Piper Verlag "Kameraden. Die Wehrmacht von innen"