Ist der Faschismus ein für alle Mal vergangen, verdampft unter der Sonne von Fortschritt und Demokratie? Diese Lieblingshoffnung wohlmeinender Zeitgenossen gehört vielleicht bald selbst der Vergangenheit an. Der faschistische Mythos, es ist kaum zu übersehen, will nicht vergehen. Der französische Front National wurzelt in ihm, und Alexander Dugin, der Berater des russischen Parlamentspräsidenten mit Intensivbeziehungen zur europäischen Rechten, weiß ebenfalls, dass die dunkle Glut faschistischer Ideen noch lange nicht erloschen ist.

Gewiss, der Faschismus wird künftig nicht in Braunhemd und Springerstiefeln daherkommen. Er wird Kreide fressen und sich im bürgerlichen Salon gut benehmen, er wird erst mal nicht von Politik reden, sondern von Kultur, vom Unfug universeller Werte und vom Fluch kapitalistischer Dekadenz. Ein Rezeptbuch dafür gibt es schon. Es ist vor 80 Jahren erschienen und trägt den Titel Rivolta contro il mondo moderno (Revolte gegen die moderne Welt). Verfasst hat es Julius Evola, ein sizilianischer Landadliger, der sich in allen möglichen Disziplinen versucht hat: Er war Artillerieoffizier, Ingenieur, Maler, Kulturphilosoph und Schriftsteller. Monarchist war er von Geburt, Dandy aus Gewohnheit und Faschist aus Überzeugung.

Bis heute gilt Julius Evola als einer der einflussreichsten, spirituellsten Köpfe der europäischen Rechten, und diesen Ruf hat er sich redlich verdient. Evola machte in den zwanziger Jahren Benito Mussolini den Hof, schrieb für regimetreue Zeitschriften und half mit, eine Kaderschule für die faschistische Intelligenz aufzubauen. Er rühmte die Waffen-SS als einen übernationalen Deutschritterorden, schwärmte von einem "heidnischen Imperialismus" und schrieb ein Nachwort zu der antijüdischen Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb er für Italiens rechtsextreme Geheimbünde der große barone magico und ideologische Übervater. Er starb am 11. Juni 1974 im Alter von 76 Jahren in Rom, ein Stoßtrupp treuer Anhänger übergab seine Asche auf dem Gletscher Monte Rosa dem ewigen Eis.

Vierhundert Seiten dick ist seine Revolte, doch im Grunde kennt das Buch nur ein einziges Thema: Evola will beweisen, dass die Gattung Mensch seit dreitausend Jahren allein eine Richtung kennt, und zwar den Weg steil bergab. In Evolas Augen ist die Menschheitsgeschichte ein einziger Zerfallsprozess. Sie beginnt im "Goldenen Zeitalter" mit den Priesterkönigen der archaischen Religion – und endet mit dem Sieg des Pöbels, mit der liberalen Demokratie und der Emanzipation der Frau. Am Anfang ist der Geist, am Ende das Geld. Am Anfang ist Kultur, am Ende bloß Zivilisation.

Schon in der Spätantike, mit der Krise Roms und dem Aufstieg des Christentums, ist für Evola das Schicksal der Welt besiegelt. Der mythische Glanz der alten Könige verblasst, der antike Götterhimmel ist nun grau und leer, und keine Sterne weisen noch den Weg. Zwar können die mittelalterlichen Kaiser dem Untergangstheater kurz Einhalt gebieten, doch das bleibt nur ein Zwischenspiel, ein folgenloses Intermezzo im Weltschauspiel der Dekadenz.

Dann beginnt die Neuzeit. Aufklärung und Französische Revolution, so beklagt er, beseitigen die natürliche Ungleichheit zwischen den Menschen, den Unterschied zwischen Unten und Oben. Das niedere Volk köpft den göttlichen König und zerschneidet das letzte Band der Transzendenz. Das Spiel ist aus. Die überirdische Gestalt des Königs wird herunterdemokratisiert, und nun ist jeder Normalmensch ein König.

Der heraufziehende Kapitalismus, schreibt Evola weiter, ebne schließlich dem vierten Stand den Weg: all jenen "Massenmenschen", die glaubten, ohne überirdische Wahrheiten ihr Leben fristen zu können. In Amerika und Russland, den Zwillingsbrüdern der Moderne, seien die plebejischen Revolutionen schließlich zur Ruhe gekommen. Von ihrer Gegnerschaft solle man sich nicht täuschen lassen; in Wirklichkeit repräsentierten Ost wie West denselben armseligen kulturfeindlichen Geist. Die "Zange von Ost und West" schnappe über Europa zusammen und halte den Kontinent fest im Griff. Nach dem "demokratischen Kreuzzug" von Wilson und Roosevelt ("feministische und pazifistische Propaganda") herrschten fortan die Funktionäre des Nihilismus und die Verächter der Religion.

Allerdings – wenn Evola von "Religion" spricht, und das tut er ständig, meint er nicht die biblischen Religionen. Er meint jene Kultreligionen weit vor Moses und Jesus, in denen Priesterkönige Blutopfer brachten und das Religiöse und das Politische zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen. Eindringlich warnt Evola seine Leser vor dem Katholizismus; von diesem unsicheren Kantonisten dürfe man sich nicht viel erwarten, erst recht keine "konservative Revolution", denn im Katholizismus stecke zu viel hebräisches Denken, zu viel Judentum. Kurz gesagt: Evola sieht genau, dass mit Juden- und Christentum kein Staat in seinem Sinne zu machen ist. Die biblische Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit untergräbt die dorischen Säulen des Faschismus.

Warum die Revolte gegen die moderne Welt auch in bürgerlichen Kreisen Spuren hinterließ, warum Gottfried Benn Evola verehrte und Botho Strauß ihn lobend erwähnt, ist nicht schwer zu sagen: Evola besaß ein absolutes Gehör für gesellschaftliche Krisenlagen; er kannte die Existenzängste des verunsicherten Subjekts, dem die Weltwirtschaftskrise von 1929 noch in den Knochen saß und das in der kapitalistischen Ausbeutungsgesellschaft ums Überleben kämpfte. Überdies hat der sizilianische Patrizier einen gleichsam angeborenen Ekel vor kultureller "Verflachung" und der Ökonomisierung des Alltags. Evola schüttelt sich bei dem Gedanken daran, der Sinn des Lebens könne in der Vermehrung toter Güter für sinnlose Ziele zum Zwecke schöpferischer Zerstörung bestehen. Mit der Hellsicht des Reaktionärs spricht er von einer "Theokratie der Rentabilität", in der Menschen nur noch "Rädchen im Getriebe einer riesigen Maschine" und ihre Freiheiten bloß noch ökonomische seien. "Das Gefängnis des abendländischen Menschen gehört zu den furchterregendsten, weil es zu denen gehört, die keine Mauern haben."

Evola weiß, wie man das Leiden an der modernen Gesellschaft propagandistisch ausschlachtet und die Wut der Unglücklichen und Unterdrückten auf die Mühlen der Reaktion lenkt. Das Verfahren geht so: Zunächst streut er Salz in die Wunden der Zeitgenossen und erklärt ein politisch-ökonomisches Systemversagen zu einer kulturellen Sinnkrise. Dann verspricht er dem Einzelnen Erlösung – in einer gottgewollten hierarchischen Ordnung, in der jeder Einzelne seinen unverrückbaren Platz einnimmt und in der all seine geheimen Sehnsüchte gestillt sind. Dass Evola freundliche Worte für das islamische Kalifat findet, ist also kein Zufall. Denn was für den Islam das Kalifat ist, das ist für ihn das "Reich", eine Urgestalt des Politischen, die so unvergänglich ist wie Energie im Weltraum. In Evolas Augen sind die alten Reiche unsterblich und schlummern unter der Oberfläche der libertären Moderne wie die Priesterkönige im Hügelgrab. Jederzeit, so klingt Evolas Bocksgesang, können sie wiederkehren, und tatsächlich hört er in der Ferne bereits den Rumor des Kommenden und die Kräfte der künftigen Zerstörung: "Tiefere, elementare Kräfte schicken sich an, die Mythen des individualistischen Menschen unter sich zu begraben."

Und doch – so bildstark und einfühlsam Evola das Unbehagen an der modernen Welt beschreibt, man sollte sich von seinen Schalmeiengesängen nicht den Verstand vernebeln lassen. Sein Traum bleibt der totalitäre Führerstaat, der das Leben wieder an zeitlose Wahrheiten anschließt. Oft genug lässt der vornehme Aristokrat, der gerade noch auf den Gipfeln seiner Empfindsamkeit dem Herzklopfen der Menschheit gelauscht hat, seine Bildungsmaske fallen und denkt darüber nach, in welchem historischen Augenblick der Aufstand des Pöbels hätte zertreten werden können.

Keine Frage, Metternichs Heilige Allianz war mächtig genug; mit eiserner Faust hätte sie die geistig-politische Wende nach dem Wiener Kongress durchsetzen können. Doch, ach, die Konterrevolution war zu feige und bereits vom postheroischen Zaudergeist angefressen, die Konservativen tanzten lieber frivol den Wiener Walzer. Metternich hat versagt, Mussolini hat versagt, und die italienischen Christdemokraten waren ohnehin Verräter an der rechten Sache. So zieht sich Evola in den sechziger Jahren in sein römisches Nachkriegsrefugium zurück und wartet in der Nacht der Götterferne auf den Untergang der nihilistisch-kapitalistischen Welt. Seine Brüder und Schwestern im Geiste, von Alexander Dugin bis Marine Le Pen, warten immer noch. Und je größer die westliche Systemkrise, glauben sie, desto näher rücke die Stunde, in der ein Aufstand von rechts das liberale Establishment aus dem Amt fegt.