Notunterkünfte für Flüchtlinge, Roma-Camps, Gefängnisküchen. Geld stinkt nicht, dieser Satz wird dem römischen Kaiser Vespasian zugeschrieben, der die Staatskassen im 1. Jahrhundert mit einer Latrinensteuer füllte. Die römische Mafia musste sich also nicht die Nase zuhalten, um Millionengeschäfte mit den Ärmsten in der Ewigen Stadt zu machen. "Die Flüchtlinge bringen mehr Geld als der Drogenhandel", brüstete sich einer der Bosse in einem abgehörten Telefongespräch. 40 Millionen Euro im Jahr zockten mafiöse Kooperativen ab, die Aufträge für die Unterbringung und Versorgung der Armen hatten ihnen korrupte Mitarbeiter der Stadtverwaltung zugeschanzt. Für Minderjährige zahlt der Staat 91 Euro pro Tag, dreimal mehr als für Erwachsene. Auch an der Müllabfuhr, an Kindergärten und der Instandhaltung von Parks verdiente das kriminelle Kartell. Aber die Flüchtlinge und die Roma waren ihr bestes Geschäft. Menschen ohne Geld und ohne Stimme. Menschen, die der Politik und der guten Gesellschaft gleichermaßen lästig sind. Aber an denen man immerhin bestens Geld machen kann.

Die Mafia von Rom hat wenig gemein mit der Organisierten Kriminalität Süditaliens. Ihre Bosse handelten offensichtlich nicht mit Drogen, nur mit Aufträgen der öffentlichen Hand. Sie haben keine Dealer und keine Killer auf der Gehaltsliste, sondern leitende Angestellte, Assessoren und Polizisten. Fast alles Leute übrigens, die ausgesprochen billig zu haben waren, die sich verkauften für ein zusätzliches "Monatsgehalt" von 5000 Euro. Es ging nicht um das ganz große Geschäft – um Milliardenaufträge wie in Mailand, wo die kalabrische ’Ndrangheta die Baustellen der Weltausstellung Expo 2015 beherrscht hatte, oder wie in Venedig, wo sich rechte wie linke Politiker am Hochwasserschutz bereicherten. In der hoch verschuldeten Kapitale ging es um die letzten Krümel jenes gewaltigen Kuchens, den sich korrupte Politiker und Unternehmer bereits in früheren Jahrzehnten einverleibt hatten.

Der Skandal um die "Mafia Capitale" (Hauptstadtmafia) entfaltete sich Anfang Dezember mit der Verhaftung von 37 Personen. Laut Ermittlungen hatten frühere Rechtsterroristen die Zügel in der Hand. Neofaschisten, die in der Hauptstadt salonfähig waren. Und deren Gesinnungsbrüder die Vorstädte gegen die angebliche Überfremdung aufwiegelten, während die Bandenkönige und korrupte Politiker gleichzeitig vom Elend der Flüchtlinge profitierten.

Der Drahtzieher verlor ein Auge im Gefecht mit der Polizei

Gianni Alemanno, der Rom von 2008 bis 2013 regierte, hatte es katholischen Hilfsorganisationen zeitweise verboten, Obdachlose mit Nahrung und Decken zu versorgen – mit der Begründung, das fördere die Kriminalität. Bevor Alemanno Bürgermeister von Rom wurde, war er Landwirtschaftsminister unter Silvio Berlusconi. Noch früher hatte er sich in der Hauptstadt einen Ruf als faschistischer Schläger gemacht. Später, inzwischen verheiratet mit der Tochter eines verurteilten Rechtsterroristen, erschien er zwar geläutert; er war eine Führungsfigur der rechtskonservativen Nationalen Allianz, die aus der neofaschistischen Partei MSI (Movimento Sociale Italiano) hervorgegangen war. "Postfaschist" nennt man in Italien Männer mit einer politischen Biografie wie Alemanno. Trotz aller scheinbaren Läuterung, am Abend von Alemannos Wahltriumph wurden auf dem Kapitol rechte Arme himmelwärts gereckt. Hitlergruß nennt man das in Deutschland, in Italien ist es der Gruß der Faschisten und auch strafbar. Eigentlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Gegen Alemanno ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Unter seiner Ägide soll der vorbestrafte Rechtsterrorist Massimo Carminati zum Boss der "Mafia Capitale" aufgestiegen sein, zum heimlichen König Roms. Einst gehörte Carminati zur berüchtigten faschistischen Bande Nuclei Armati Rivoluzionari (Bewaffnete revolutionäre Zellen) und zur Banda della Magliana, einer römischen Verbrecherorganisation mit Verbindungen zur neapolitanischen Camorra. Er verlor ein Auge im Gefecht mit der Polizei, dann verschwand er im Ausland. Irgendwann war er wieder in Rom und voll rehabilitiert. Über die Banda della Magliana war ein Bestsellerroman veröffentlicht worden, verfasst von einem linken Richter. Carminati tauchte dort als "Nero" auf, eine brutale aber faszinierende kriminelle Figur. Der Roman wurde verfilmt. Einer der populärsten jungen Schauspieler Italiens spielte "Nero". Massimo Carminati konnte auf eine parteiübergreifende Faszination für das Verbrechen zählen. Und auf den Geschäftssinn der Linken. Sein Partner Salvatore Buzzi war Chef von über 40 "roten" Genossenschaften, mit besten Kontakten zum Partito Democratico ausgestattet, der sozialdemokratischen Partei des Premierministers Matteo Renzi. Buzzi hatte wegen Totschlags im Gefängnis gesessen und dort ein Studium absolviert. Letzteres ließ den angeblich Geläuterten zum Hätschelkind der Hauptstadt-Society avancieren.

In der Halbwelt verwischen Grenzen zwischen links und rechts. Doch auch in der römischen Gesellschaft ist die Zugehörigkeit zu einem der beiden Hauptstadt-Fußballvereine längst ein wesentlicheres Unterscheidungsmerkmal als die Abgrenzung zum Faschismus. Den Salon eines stadtbekannten ultrarechten Fürsten frequentierten Kommunisten ebenso wie ausländische Diplomaten – politisches Moralisieren gilt als spießig. Seit Jahrzehnten halten Rechtsextreme unbehelligt Gebäude in der Innenstadt besetzt, die Postfaschisten durften sich sogar ein Büro in die Ruinen der Trajansthermen bauen. Weltkulturerbe hin oder her, für sie macht der Denkmalschutz eine Ausnahme, und die Polizei räumt lieber anderswo.

Der Bürgermeister wird in Rom als "Marsmensch" verspottet

In die schillernde Halbwelt Roms fügt sich auch der Fußball glänzend ein. Daniele De Rossi vom AS Rom, Weltmeister von 2006 sowie immer noch bestbezahlter Fußballer Italiens, rief Hilfe suchend bei einem Gewährsmann von Carminati an, als ihn in einer Kneipe ein Fan belästigte. Nachts um zwei Uhr, zu einer Zeit, in der man enge Freunde anruft oder die Polizei. Der Fan machte sich daraufhin davon, und Carminatis Gewährsmann sagte dem Fußballer De Rossi: "Du kannst mich immer anrufen, Daniele!"

Jetzt zittert Rom, weniger aus Empörung denn aus Angst vor weiteren Enthüllungen. Wer hängt noch mit drin, wer wird als Helfershelfer oder gar Drahtzieher geoutet? Und welche Rolle spielt der amtierende linke Bürgermeister Ignazio Marino, der der Korruption seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr den Kampf angesagt hat? Marino, hatte als Chirurg in den USA Karriere gemacht. In Rom wird er als "Marsmensch" verspottet – integer, aber auch ungeschickt, ja ahnungslos. Vor wenigen Wochen hatte der passionierte Fahrradfahrer selbst einen Skandal auszustehen, weil er sein Familienauto im Halteverbot geparkt hatte. Die kleine Affäre war vermutlich von den Paten der Halbwelt lanciert worden. Sie wollten Marino mit in den Schmutz ziehen. Das gelang. Die Empörung über das "Vergehen" des Bürgermeisters war so groß, als handle es sich bei dem Mann um einen Mafioso. Marinos Parteifreund Matteo Renzi kam "seinem" Bürgermeister nicht zu Hilfe. Inzwischen hat Renzi den römischen Ortsverband des Partito Democratico unter kommissarische Leitung gestellt. Den Marsmenschen Marino drängt der Premier nicht zum Rücktritt – vorerst nicht.