Russland und die Nato haben viel Glück gehabt in jüngster Zeit. Nur knapp schrammten sie in den vergangenen Monaten mehrmals an militärischen Zusammenstößen vorbei. Wie knapp, zeigt exemplarisch ein Video, das die norwegische Regierung jetzt veröffentlichte. Aus der Cockpitperspektive eines Patrouillenjets ist zu sehen, wie urplötzlich eine russische MiG fast dessen Kanzeldach streift. "Was, zur Hölle?!", flucht der Pilot und fliegt ein scharfes Ausweichmanöver.

Was, zur Hölle, da passiert? Eine Eskalation. Noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges gab es zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn so viele provozierende Begegnungen, in der Luft, zu Wasser und zu Lande. Ende Oktober gab die Nato bekannt, ihre Abfangjäger seien im Jahr 2014 etwa hundertmal zu russischen Flugzeugen aufgestiegen, mehr als dreimal so oft wie im Vorjahr. Im März kollidierte eine SAS-Passagiermaschine aus Kopenhagen beinahe mit einem russischen Aufklärungsflugzeug, das keine Transponder-Signale sendete – der Vorfall hätte in einer Tragödie ähnlich dem MH-17-Unglück enden können; allerdings mit klarer russischer Schuld.

Während all das geschieht, sind sämtliche Kontakte weggebrochen, die bei solchen Ereignissen für rasche Deeskalation sorgen könnten. Wegen der Annexion der Krim hat die Nato alle Gespräche mit dem russischen Militär eingestellt. Einfach mal nachfragen, was gerade passiert, wozu dieser Flug oder jene Schiffsbewegung dient, geht nicht mehr. Die einzig verbliebene Sprache ist die der Muskelspiele. Die Frage dabei ist: Wie weit können wir gehen?

Rauschzustände und Raketenknöpfe sind eine üble Mischung

Das russische Militär lotet mit seinen Bomberflügen und U-Boot-Fahrten aus, wie es um die militärischen Stärken und Schwächen eines Europas bestellt ist, aus dem die US-Truppen größtenteils abgezogen sind. Die deutlichste Antwort der Europäer besteht in dem Beschluss, Nato-Truppen künftig schnell nach Osten verlegen zu können, in Form einer Eingreiftruppe, die sie – wenig defensiv – "Speerspitze" nennt. Die Vereinigten Staaten wiederum zeigen neuerdings an Stellen Stärke, von denen sie wissen, dass sie die Russen besonders reizen: im Schwarzen Meer etwa. Mitte April überflog dort laut amerikanischer Darstellung eine russische Kampfdrohne gleich zwölfmal einen US-Zerstörer, gleichsam um zu testen, wann wohl dessen Abwehrsysteme anspringen würden.

Mit alledem kommen wir dem, was man im Allgemeinen als Kalten Krieg definiert, sehr nahe. Es ist höchste Zeit, ein diplomatisches Korrektiv zu den gefährlichen war games zu schaffen, eine andere Sprache als die der Jets, Atombomber und Fregatten. Denn diese Manöver können irgendwann schiefgehen, sie können eine unbeabsichtigte, aber schwer zu stoppende Dynamik entwickeln. Bis in die neunziger Jahre lösten die Vorwarnsysteme für Atomangriffe mehrere ernste Fehlalarme aus. Dieses System ist auf russischer Seite Experten zufolge aufgrund des Wegfalls technischer Komponenten in Lettland, Aserbaidschan und in der Ukraine heute weniger zuverlässig als damals. Anfällig für Fehleinschätzungen sind auch die Soldaten, die diese Technik steuern und zugleich mit antiwestlicher Propaganda berieselt werden. Rauschzustände und Raketenknöpfe sind eine üble Mischung.

Sicher, der Westen und Russland haben schon schlimmere Zeiten überstanden, ohne dass es zu einem Krieg gekommen wäre. "Wir werden euch begraben!", drohte KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow nur fünf Jahre bevor sich in Berlin 1961 amerikanische und sowjetische Panzer tatsächlich direkt gegenüberstanden. Passiert ist nichts. Selbst die Kubakrise 1962 ließ sich mithilfe des roten Telefons zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml sowie eines Rests von Vernunft beilegen. Das rote Telefon zwischen Moskau und Washington gibt es immer noch. Bloß zwischen Moskau und Brüssel, dem Sitz des Nato-Hauptquartiers, gibt es keins – und das angesichts eines Konflikts, in dem es um ein europäisches Land geht, um die Ukraine.

Es ist ein guter erster Entschärfungsschritt, dass die Nato-Außenminister auf Initiative Deutschlands hin jetzt einen "Krisen-Kontakt-Mechanismus" schaffen wollen. Aber das reicht nicht. Echte Deeskalation setzt voraus, dass Russland und der Westen nicht nur militärisch, sondern auch politisch wieder Minimalvertrauen schöpfen. Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, schlägt dazu eine Kontaktgruppe aus EU, den USA und Russland vor, in der sich alle Seiten offen und regelmäßig über ihre Interessen, Absichten und nächsten Schritte austauschen könnten. Eine ähnliche Gruppe gab es schon einmal, zur Befriedung des Balkans, und sie war erfolgreich.

Damit ein solches Vertrauensgremium tatsächlich Entspannung schaffen kann, muss Putin seine Absichten transparent machen. Davon kann bisher keine Rede sein. Jetzt aber verstärken sich zwei Entwicklungen gegenseitig: Die westlichen Sanktionen zeigen Wirkung, und der Ölpreis sinkt. Für Moskau beginnen die Kosten des Völkerrechtsbruchs in der Ukraine dessen Nutzen zu übersteigen.

Es gibt in Konflikten günstige Zeitpunkte für einen Dialog; dann nämlich, wenn ein Entgegenkommen nicht als Schwäche, sondern als Stärke ausgelegt würde. Diese Gelegenheit bietet sich für Russland genau jetzt. Was pflegten Kapitäne und Feldherren früher in ungünstigen, waffenstarrenden Lagen zu sagen, zuletzt der berühmte Filmpirat Jack Sparrow? Parler!

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