Als Maya Niethard aus dem OP verbannt wurde, sah man ihr die Schwangerschaft noch nicht an. Es war im vergangenen Mai, sie war erst in der fünften Woche, unter dem türkisgrünen Kittel wölbte sich kein Babybauch. Trotzdem hatte sie den ärztlichen Direktor informiert. Und der hatte sofort entschieden, dass der OP-Saal für sie tabu war.

"Eine Katastrophe", sagt Niethard. Neun Jahre arbeitete sie als Chirurgin, vor zwei Jahren war sie am Helios-Klinikum Berlin-Buch zur Oberärztin ernannt worden. Der Aufstieg hatte viel Kraft gekostet. "Aber das war es wert, ich liebe meinen Beruf." Und nun sollte sie fast neun Monate lang nur noch auf der Station arbeiten? Maya Niethard wollte das nicht so einfach hinnehmen.

Operieren in der Schwangerschaft ist in Deutschland nicht explizit gesetzlich verboten. Laut Mutterschutzgesetz dürfen Schwangere aber "nicht beschäftigt werden, soweit nach ärztlichem Zeugnis Leben oder Gesundheit von Mutter oder Kind bei Fortdauer der Beschäftigung gefährdet sind". Wenn ein Betriebsarzt eine solche Gefährdung erkennt, kann er ein Beschäftigungsverbot aussprechen. Das soll nicht allein die werdende Mutter schützen, sondern auch den Arbeitgeber, der haftet, wenn der Schwangeren etwas zustößt.

Der OP-Saal, den die Experten als zu risikoreich beurteilten, ist für Niethard allerdings mehr als ein Arbeitsplatz. Sie bezeichnet ihn als ihr zweites Zuhause. Während die meisten Menschen die gefliesten Wände und das weiße Kunstlicht als kalt und beklemmend empfinden würden, fühlt sich Niethard hier sehr wohl. Selbst jetzt, in ihrer Elternzeit, schaut sie fast jede Woche vorbei. Auch zum Gespräch hat sie in die Klinik gebeten.

"Schauen Sie, das ist ein sogenannter C-Bogen, damit macht man vor dem Eingriff Röntgenaufnahmen", sagt sie und deutet auf einen mannsgroßen Apparat, der an die Halterung eines überdimensionierten Globus erinnert. Daneben steht ein grauer Kasten mit einem Monitor und einem Gewirr aus Schläuchen. "Ein Narkosegerät", erklärt Niethard. "Auf dem Bildschirm kann man etwa den Blutdruck des Patienten beobachten."

Die Chirurgie begleitet Niethard, seit sie denken kann. Schon ihr Vater war Orthopäde und Unfallchirurg. "Wenn ich als Kind den Scheibenwischer seines Autos repariert habe, hat er mich immer ›Heckscheibenwischer-Chirurgin‹ genannt." Schon beim Abitur war für Niethard längst klar, dass sie Ärztin werden wollte. Sie studierte Medizin in Heidelberg, absolvierte ihr praktisches Jahr in innerer Medizin, Chirurgie und Orthopädie und trat schließlich ihre Weiterbildung zur Orthopädie- und Unfallchirurgin in einem Berliner Krankenhaus an. Seit 2008 arbeitet sie in der Abteilung Tumororthopädie des Helios-Klinikums Berlin-Buch.

Ein sehr spezielles Feld. Zu Maya Niethard kommen Menschen, deren Knochen und Muskeln von Krebstumoren befallen sind. Etwa der 17-jährige Junge, an den sie sich noch gut erinnert, weil er bei jedem Besuch Waffeln für die ganze Station mitbrachte. Sein Mittelfußknochen war von einem Tumor zerfressen, andere Ärzte hatten ihm gesagt, dass er seinen Fuß verlieren würde. Auch Niethard erkannte anhand der Röntgenaufnahme schnell, dass eine Amputation der einfachste Weg wäre, ihn von der bösartigen Wucherung zu befreien. Trotzdem entschied sie sich dagegen.

Manche Menschen sehen Krebs als Tragödie. Maya Niethard sieht Krebs als Problem. Und Probleme kann man lösen. Statt den kompletten Fuß abzunehmen, schnitt sie in Millimeterarbeit kleine Stückchen aus den filigranen Knochen, entfernte also nur jene Bereiche, in denen sich bereits kranke Zellen ausgebreitet hatten. Eine aufwendige Operation, doch ihr Plan ging auf: "Er kam später, auf zwei Beinen laufend, in meine Sprechstunde, er war glücklich."

Niethard beschreibt ihre Arbeit so sachlich, dass das Wort "Krebs" seinen Schrecken verliert. Mit fester Stimme spricht sie von "wuchernden Zellen", die es von "umliegenden Schichten abzupräparieren" gelte. "Die Chirurgie ist ein Handwerk", sagt sie, und ihre Hände beschreiben die Gesten, die sie im OP ausführt: schrauben und sägen, hämmern und bohren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Niethard hat kräftige Hände mit aufliegenden Adern und kurz geschnittenen Nägeln. Hände, die aussehen, als ob sie stundenlang Instrumente halten könnten, ohne zu zittern oder fahrig zu werden. Das müssen sie auch: Ein Zucken in die falsche Richtung, und der Tumor liegt offen. Dann lösen sich im schlimmsten Fall Krebszellen ab und wandern in gesunde Körperregionen. Niethard kennt die Gefahr, aber wenn sie arbeite, denke sie kaum daran, sagt sie. "Ich habe Respekt vor jedem Eingriff, aber Angst ist im OP-Saal fehl am Platz. Ich fokussiere mich auf meinen Plan."

Auch ihr Vorgesetzter ist zufrieden mit ihr. "Sie hat ein großes Fachwissen, arbeitet effektiv und ist gut darin, Probleme schnell zu erkennen und zu lösen. Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Chirurg haben sollte", sagt Josef Zacher, Chefarzt des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Dass er ihr trotzdem verbot, schwanger im OP zu stehen, lag daran, dass er sich Sorgen machte. Etwa wegen der Strahlung. Nur anhand von Röntgenaufnahmen können Chirurgen erkennen, wo genau der Tumor im Knochen sitzt. Die Strahlung aber ist gefährlich für ein ungeborenes Kind, weil sie das Erbgut verändert. Die Mutationen können zu Fehlbildungen führen, sogar zum Tod des Embryos.

Außerdem kommen Chirurgen beim Operieren mit Blut in Berührung, können sich mit HIV oder Hepatitis C anstecken. "Jeder Chirurg weiß, wie schnell man sich bei einer OP an einem Instrument oder einem Knochen schneidet", sagt Zacher. Da Mutter und Embryo einen gemeinsamen Blutkreislauf haben, würde eine Infektion im schlimmsten Fall auch das Kind treffen.