Sarkastisch gesagt: Es demonstrieren in Dresden inzwischen weit mehr Menschen gegen Muslime, als Dresden Muslime hat. An diesem Montag hat der populistische Protest der Pegida, der allwöchentliche Anti-Islam-Marsch in der Elb-Stadt, erstmals die Marke von 10.000 Teilnehmern übertroffen. Damit sind dort offenkundig andere, beunruhigendere Kräfte am Werk, als sie etwa bei Anti-Islam-Initiativen in Köln oder Hannover zu beobachten waren. Auch wenn die Formationen der Pegida, der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", bisher friedlich geblieben sind, verbreiten sie doch ihre eigene Symbolik der Einschüchterung – mittels beharrlichen Schweigens auf dem Weg durch die abendliche Dunkelheit. Was also steckt hinter der Wut, die aus dem Osten kommt?

Blickt der Westen auf den Osten, sind Klischees schnell bei der Hand. Da hat etwa der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin diese Woche Ansichten in die Welt gesetzt, die in ihrer Schlichtheit jedes Pegida-Plakat schmücken würden.

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall neigten angeblich nicht wenige Ostdeutsche öffentlich zur Zurückhaltung. "Sie sind es nicht gewohnt, Konflikte auszutragen, da sie das Prinzip von Konflikt und Konsens nie gelernt haben", schreibt der Professor aus Berlin auf einer ganzen Zeitungsseite in der FAZ, "sie stecken vordergründig ein, intrigieren aber hintenherum."

Wer Ostdeutsche als derart determiniert beschreibt, der ist nah dran, 17 Millionen Bundesbürgern von heute ein DDR-Gen zu attestieren, dessen Einfluss sie zeitlebens nicht entrinnen können. Solche Einschätzungen sind schlimmer als diskriminierend – sie sind lächerlich.

Doch ebenso falsch wäre die Auffassung, Pegida fuße allein auf der Globalisierung der Angst vor dem Islam, die sich rein zufällig im Osten besonders stark manifestiert. Sicher, auch andernorts ist bei Islam-Gegnern eine populistische Melange aus Politikverachtung, Medienbeschimpfung und Anti-Zuwanderer-Ressentiment zu beobachten. Doch weder in Stuttgart noch in Kiel drängen dafür bisher 10.000 Menschen auf winterkalte Straßen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 51 vom 11.12.2014. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Polemisch gesagt: Die Pegidas kommen und gehen – doch die diffuse Wut gegen eingebildete und tatsächliche Kränkungen wird im Osten wohl noch lange nicht abklingen. Der besondere Erfolg der AfD in den neuen Ländern erklärt sich zu einem Teil daraus, ebenso manches Ressentiment gegen den Westen.

Mit dieser Diagnose bricht man nicht den Stab über den Osten, sondern erinnert im Gegenteil an ein unbewältigtes Stück deutsch-deutscher Geschichte.

Für die Wurzeln dieser Wut, gar ihren eigenen Beitrag dazu, haben vor allem die meisten Westdeutschen kein Sensorium. Sie sitzen auch 25 Jahre nach der Einheit noch einem entscheidenden Irrtum auf: Sie halten immer noch die DDR für den prägenden Einfluss im Leben der Ostdeutschen. Die deutsche Teilung aber, die uns bis heute trennt, ist nicht die vor 1989, sondern die nach 89.

Kaum ein Wessi macht sich bewusst, dass die ersten 10, 15 Jahre nach der Vereinigung das Leben ausnahmslos aller Ostdeutschen in nie gekannter Weise umgepflügt haben. Für die meisten begann mit dem 3. Oktober 1990 ein quälend langer Aufbruch aus den unsichtbaren Trümmern einer bankrott gegangenen Heimat. Massenarbeitslosigkeit etwa kannten die meisten Westdeutschen damals aus der Tagesschau, die meisten Ostdeutschen aus der eigenen Familie.

Unsere so gegensätzlichen neunziger Jahre als Deutsche Ost und Deutsche West haben die meisten Wessis mit ihrem halbierten Blick auf die Wirklichkeit nie wahrgenommen – wenn es uns gut geht, so ihre Annahme, dann geht es Deutschland gut. Demgegenüber wurzeln bis heute die Schmerzen und Freuden, die Aufbrüche und Niederlagen der Gesellschaft im Osten in den wilden, wüsten neunziger Jahren.

Mal ist der Stolz ungebrochener, mal ist er verletzter – doch fast jede ostdeutsche Familie bezieht aus diesen Trümmerjahren der deutsch-deutschen Vereinigung ihre je eigene Identität. Gleichzeitig gründet alles Vorurteil, alles Ressentiment in diesem fatalen Jahrzehnt. Doch weil damals für Wut keine Zeit und für Diskurs kaum Raum war, mischt sich bis heute die unaufgearbeitete Nachwende-Geschichte in die gemeinsamen Probleme unserer Gegenwart.

Was den Märschen von Dresden ihre besondere Wucht verleiht, ist also eine nachgeholte Wende-Wut. Zu ihr trägt der Westen bei qua fortgesetzter Ignoranz gegenüber der gemeinsamen Vergangenheit seit 1990 – und der Osten qua Verleugnung seiner fortgesetzten Schwierigkeiten in der Gegenwart.

Der Wut-Stau jedenfalls sorgt für einen eigentümlichen Zusammenhalt: In den Pegida-Kolonnen lässt er etwa gut situierte Nachwende-Akademiker neben Hooligans und nur halbherzig getarnten Neonazis durch Dresdens Straßen ziehen, im Schweigen vereint.

Doch das alles rechtfertigt keineswegs die dumpfen Parolen der Pegida. Denn natürlich ist auch die Gegenwehr gegen Pegida genuin ostdeutsch. Wie man Rechtspopulisten die Stirn bietet, auch darin hat der Osten schließlich mit seinem langjährigen Neonazi-Problem mehr Erfahrung als der Westen.

Es holt uns einfach mit einem Vierteljahrhundert Verspätung die unaufgearbeitete Geschichte einer unvollendeten Vereinigung ein. So zeigt sich in Pegida einerseits und der Gegenwehr andererseits deutscher Stolz und deutsches Vorurteil im 25. Jahr der Einheit.