Der Schriftsteller Pierre Lemaitre © Getty Images/Francois Guillot

Das Ganze ist eigentlich ein Märchen. Mann aus kleinen Verhältnissen, weiß nicht so recht, wohin mit sich. In Frankreich! Ein bisschen Unterrichten, etwas Literaturliebhaberei. Dann, mit 55, schreibt Pierre Lemaitre seinen ersten Roman, einen Krimi. Das klassische Missverständnis, der Mann hält den Krimi für eine nicht so schwierige, nicht ganz so literarische Gattung. Aber – die Leute lieben ihn, die britische Times begrüßt Lemaitre mit der Überschrift "Treffen Sie den neuen Stieg Larsson". Und dann, nach vier, fünf weiteren Krimis, dies: Der Autor verliebt sich. Er gewinnt die Frau seines Lebens, die so an ihren Liebhaber glaubt, dass sie ihn ermutigt, mal einen echten Roman zu schreiben. Wir sehen uns dort oben erscheint 2013, es ist ein Werk von über 500 Seiten, und das Unglaubliche passiert, es gewinnt den Prix Goncourt, neben dem der Nobelpreis, wir sind in Frankreich, eine Petitesse ist. Pierre Lemaitre, ein älterer Krimi-Autor von 62 Jahren, ist jetzt der renommierteste literarische Autor seines Landes. Ein kleiner Typ, einer von der zerknautschten Sorte, wie Frankreich sie so perfekt herstellt, ist jetzt der große Held, wie ein Orakel wird er zu allen wichtigen Fragen befragt, Globalisierung, Kapitalismus etc. Ein französisches Märchen.

Der Autor spricht von einem "Glückstrauma", was ironisch überspitzt ist, so wie Lemaitres Stil auch. Seine beiden Helden hätte es jedenfalls, ähnlich wie ihren Autor, beinahe nicht gegeben. Man trifft sie auf den ersten Seiten im 113. Frontabschnitt des Krieges, im matschigen Winter 1918, es sind dies die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand am 11. November, in denen der kleine Mann in seinen nassen Gräben wirklich nicht mehr sterben will. Es sind leider auch die letzten Tage für die Herren Offiziere, sich noch mal durch Unverfrorenheit hervortun. Es ist ein Totensonntag, es kommt dazu, dass wir auf den ersten 50 Seiten in einer Detailfülle, die an explodierende Granaten erinnert, Zeuge eines furchtbaren Todes werden. Albert, Soldat, vormals ein kleiner Bankkassierer, schon immer scheu, jetzt verliebt, wird in einem Bombentrichter bei lebendigem Leibe verschüttet.

Während Albert die letzten irrenden Gedanken auf seine nun auf ewig verlorene Liebe Cécile richtet, spürt er neben sich zarte, wenn auch riesige Lippen, es sind die Reste eines verwesenden Pferdekadavers, den die Detonation zerrissen hat, eine letzte, stinkende Zärtlichkeit, mit Gruß von diesem Arsch, dem Zufall. Es ist vorbei mit Albert. Anders als mit Édouard, der vor Albert in der Schlange stand, als die Kameraden ins Feuer gejagt wurden, dem sofort das Bein zerschossen wurde. Édouard sieht ein Bajonett aus dem Trichter ragen und buddelt, in seinem rasenden Schmerz, Albert aus, der gerade gestorben ist. Er kann ihn wiederbeleben. Anders als Albert, für den jetzt ein neues Leben beginnt, ist es für Édouard aber zu Ende, jedenfalls das Leben, so wie er es kannte, Édouard, der Abkömmling einer Bankerdynastie, schwul, ein Intellektueller, ein Künstler. Als der Rauch sich legt, zeigt sich, dass eine Granate ihm, ausgerechnet ihm, der so feinsinnig Skulpturen schraffiert, den halben Kopf weggerissen hat.

Zwei Untote also. Albert, der schon tot war, und Édouard, der tot sein will und den Albert für tot erklären lässt. Es ist meisterhaft, wie Lemaitre diese Szene anlegt. Zögernde Exposition. Wiederholte Hinweise, dass dies nicht gut ausgehen kann, der Leser starrt voller Furcht auf das Ende, um schließlich, als sich die Dinge aufbäumen und um sich selbst drehen, festzustellen, dass alles anders ist. Nicht so schlimm. Oder: auf grauenvolle Weise schlimmer. Nach dieser Szene hat Lemaitre noch 450 Seiten, um die Handlung durchzuziehen, sein Thema gnadenlos durch die Nachkriegsära zu spuren, dabei touchiert er immer wieder die Groteske.

Das Thema ist die Freundschaft. Alte Kameraden! Albert wird an Édouards Seite bleiben, um ihm durch diesen Frieden zu helfen, der für beide, wie für viele andere Helden, nur eine andere Art von Krieg ist. Keine Hilfe, keine Aussicht auf Auskommen oder auch nur darauf, die Miete zahlen zu können, in diesem Paris, das sich als schönes kaltes Herz von Frankreich zeigt. Lemaitre entfaltet, vis-à-vis dieser Kameradentreue, eine Gesellschaft, die im Herzen unmoralisch ist, skrupellos geldgierig, eine im Klassenkampf erstarrte Bagage. Was er vorführt, ist La Grande Nation, in deren Herzen ein alle menschlichen Vorstellungen und Beziehungen durchdringender Verrat nistet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Hundertfünfzig Jahre nach Balzac bespielt Lemaitre die menschliche Komödie als Satire. Es tritt auf: der Mensch als Tier. Diese Rolle ist an Leutnant Henri d’Aulnay-Pradelle vergeben, von verarmtem Adel und miesem Charakter, der Autor steckt ihn höhnisch in einen Wolfspelz: "Schwarze Haare wucherten überall, sogar auf den Fingern, am Hals quollen Büschel hervor, die bis zum Adamsapfel reichten. In Friedenszeiten würde er sich wohl mehrmals am Tage rasieren müssen, um nicht verdächtig auszusehen. Sicher gab es Frauen, auf die das wirkte ..."

Kritisch könnte man anmerken, dass dieses Bürschchen zu schmalbrüstig ist, um die ganze Verworfenheit seines Standes zu schultern. Lemaitre erlaubt es ihm, das auf spielerisch- elegante Weise zu tun, bis hin zu den tiefen Ledersesseln im Club, in die er sich flegelt. Pradelle organisiert nach dem großen Sterben die große Leichenumbettung der ersten Friedensjahre. Wer je über die Gräberfelder schaute, die sich im Unendlichen verlierenden Reihen von Kreuzen, und sich fragte, wie wohl all diese Toten im fortgeschrittenen Zustand des Zerfalls so in Reih und Glied aufgereiht werden konnten, kann nun wie Pradelle erkennen, dass dies auch ein Geschäft mit unendlichen Verdienstmöglichkeiten war. Stichwort: zu kurze Särge. Lemaitres Fantasie entfaltet Szenen von absurder Kaltblütigkeit.

Lemaitre zitiert Anatole France: "Man glaubt, man stirbt für das Vaterland, dabei stirbt man für die Industrie." Lemaitre setzt das als szenische Anweisung um, man könnte sagen, er rechnet ab mit allen Lügen. Aber da ist auch ein Element der Verwegenheit, ein Hauch von Schwejk, der die beiden Loser, Albert und Édouard, umweht. Der Roman entfaltet sich als Schurkenkomödie, auf vielen Ebenen, und erstaunlicherweise bringen sogar Édouard und Albert dazu das nötige Talent mit. Sie, denen so übel mitgespielt wird, spielen jetzt alle die aus, die sich mit großspuriger Heldenverehrung einen Namen machen wollen. In dem Nachkriegsdrama, das man die große Verarschung nennen kann, sind sie es, die zuletzt lachen könnten.

Man mag kritisch einwenden, dass Lemaitres Kunst sich in Thema und Plot erschöpft, seine Charaktere aber ein wenig holzschnittartig geraten sind. Allerdings gesegnet mit ihren tollkühnen Einfällen. Édouard, der so Versehrte, wird übrigens nur von außen betrachtet. Geradezu respektvoll versagt sich Lemaitre die Anmaßung, erahnen zu können, was im Inneren eines Menschen vorgeht, dessen Äußeres ein stinkendes rohes Fleisch ist.

Édouard trägt Masken, hinter denen er sich ver- stecken kann. Lemaitre gibt ihm diese Gesichter, die trotz ihrer Verspieltheit an antikes Drama erinnern, und zum Schluss schenkt er ihm sogar Flügel, mit denen Édouard dann abhebt, aber man ahnt natürlich, in diesem Roman sind nur Bruchlandungen vorgesehen.

Lemaitre, der Seiteneinsteiger, wagt sich an die großen Traditionen der Literatur, bespielt sie souverän und bedankt sich artig im Epilog bei: Louis Aragon, Homer, Honoré de Balzac, Ingmar Bergman, Georges Brassens, Stephen Crane, Denis Diderot, Gabriel García Márquez, Victor Hugo, Kazuo Ishiguro, Carson McCullers, Marcel Proust ...

Auch das geschieht natürlich mit einer kleinen, für Pierre Lemaitre so typischen ironischen Verbeugung.