17. Juli, New York City: Der 43-jährige Eric Garner (schwarz, unbewaffnet) stirbt, als ein Polizist den Asthmakranken in den Würgegriff nimmt.

9. August, Ferguson, Missouri: Der 18-jährige Michael Brown (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

23. September, Houma, Louisiana: Der 14-jährige Cameron Tillman (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

20. November, New York City: Der 28-jährige Akai Gurley (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

22. November, Cleveland, Ohio: Der zwölfjährige Tamir Rice (schwarz, bewaffnet mit einer Spielzeugpistole) wird von einem Polizisten erschossen.

Ende November und Anfang Dezember beschließt die jeweils zuständige Grand Jury, ein von der Staatsanwaltschaft einberufenes Geschworenengremium, in den Fällen Garner und Brown keine Anklage gegen die Polizisten zu erheben. Seitdem ist Amerika in Aufruhr. Tausende Menschen gehen auf die Straße, Schwarze, Weiße, Latinos.

Die Polizei ist unser Feind. Die Männer in ihren schwarzen Uniformen sind Rassisten, Gewalttäter, Soldaten einer fremden Besatzungsmacht. Das ist die Sicht der Demonstranten.

Aber was ist die Sicht der Polizei?

James Matheny ist stellvertretender Polizeichef in Stamford, einer 130.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Connecticut, 70 Kilometer nördlich von New York. Am linken und rechten Kragenende seiner schwarzen Uniform leuchten je zwei goldene Sterne. Auf der Tafel in seinem Büro steht: "Beschweren bringt nichts."

Matheny ist 50 Jahre alt, ein eher kleiner, drahtiger Mann, aufgewachsen in der South Side von Stamford, wo sich heute moderne Apartmenthäuser, Cafés und Restaurants befinden.

James Matheny: Die South Side war früher keine gute Gegend. Wenn ich mit meinem Bruder Zeitungen austrug, wurden wir ständig ausgeraubt.

DIE ZEIT: Hatten Sie oft mit der Polizei zu tun?

Matheny: Oh ja, einige Male. Es ging in der Regel aber um Nichtigkeiten. Wir hatten zum Beispiel Schneebälle auf Autos geworfen.

ZEIT: Offenbar hat die Polizei Sie nur ermahnt. Sonst wären Sie heute nicht stellvertretender Polizeichef.

Matheny: Ja, ich wurde nie festgenommen, ich habe mich aber auch nie mit Polizisten angelegt. Ich wusste, wenn etwas richtig Schlimmes passiert, kann ich mich immer an die wenden.

ZEIT: Woher kam das Vertrauen?

Matheny: Ich wurde von meinem Vater oft verprügelt, und meine Mutter war mit uns drei Kindern völlig überfordert. Mein Vater hat Selbstmord begangen, und schon mit zehn Jahren musste ich mich um mich selbst kümmern. Ich bin nicht oft in die Schule gegangen, stattdessen habe ich die Wäsche gemacht, eingekauft und versucht, Geld zu verdienen.

ZEIT: Was war Ihre erste Erfahrung mit der Polizei?

Matheny: Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Ich war mit meinem Bruder und einem Freund alleine zu Hause, und wir hörten etwas im Keller. Einbrecher! Wir hatten höllische Angst. Wir riefen bei der Polizei an, und es kam sofort ein supernetter Cop. Er ist in den Keller gegangen, hat nachgesehen und uns versichert, dass da niemand sei. Wenn wir aber noch mal Angst haben sollten, könnten wir jederzeit anrufen. Das war das erste Mal, dass ich mit einem Polizisten sprach. Und er hat einfach alles richtig gemacht.

ZEIT: War das einer der Gründe, weshalb Sie Polizist geworden sind?

Matheny: Nach der Highschool habe ich zuerst in Restaurants gearbeitet, das College war irgendwie nichts für mich. Auf die Dauer wurde mir ein wenig langweilig, und zur Polizei zu gehen – da stand eine größere Idee dahinter. Mit 24 Jahren hab ich mich beworben und bin genommen worden, als Bester von 1.400 Bewerbern. 33 junge Polizisten wurden damals eingestellt. Gut 20 von ihnen sind immer noch in Stamford.

ZEIT: Wie viele Schwarze waren in Ihrer Gruppe?

Matheny: Ich glaube, es waren zwei.

ZEIT: Sie haben heute 287 Polizisten in Stamford. Sieben Prozent davon sind Schwarze, sieben Prozent Latinos, bei 14 Prozent Schwarzen und 24 Prozent Latinos unter den Einwohnern von Stamford. Woher kommt die Dominanz der Weißen bei der Polizei?

Matheny: Viele Afroamerikaner und Latinos schreckt die Vorstellung ab, zur Polizei zu gehen. Wer schlechte Erfahrungen mit Polizisten gemacht hat, will nicht Polizist werden.

ZEIT: Warum machen sie schlechte Erfahrungen?

Matheny: Statistisch gesehen gibt es in Gegenden mit überwiegend farbiger, ärmerer Bevölkerung mehr Kriminalität. Deshalb kommen Afroamerikaner und Latinos oft von klein auf mit der Polizei in Berührung.

ZEIT: Waren die Jungs, von denen Sie damals ausgeraubt wurden, weiß oder schwarz?

Matheny: Schwarz, und ihre Gang war später eine meiner ersten Verhaftungen als junger Cop.

ZEIT: Führen solche Erfahrungen dazu, Schwarzen eher eine Straftat zu unterstellen als Weißen?

Matheny: Kann schon sein. Es ist schwer, alles sofort zu vergessen. Aber man muss es versuchen.