17. Juli, New York City: Der 43-jährige Eric Garner (schwarz, unbewaffnet) stirbt, als ein Polizist den Asthmakranken in den Würgegriff nimmt.

9. August, Ferguson, Missouri: Der 18-jährige Michael Brown (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

23. September, Houma, Louisiana: Der 14-jährige Cameron Tillman (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

20. November, New York City: Der 28-jährige Akai Gurley (schwarz, unbewaffnet) wird von einem Polizisten erschossen.

22. November, Cleveland, Ohio: Der zwölfjährige Tamir Rice (schwarz, bewaffnet mit einer Spielzeugpistole) wird von einem Polizisten erschossen.

Ende November und Anfang Dezember beschließt die jeweils zuständige Grand Jury, ein von der Staatsanwaltschaft einberufenes Geschworenengremium, in den Fällen Garner und Brown keine Anklage gegen die Polizisten zu erheben. Seitdem ist Amerika in Aufruhr. Tausende Menschen gehen auf die Straße, Schwarze, Weiße, Latinos.

Die Polizei ist unser Feind. Die Männer in ihren schwarzen Uniformen sind Rassisten, Gewalttäter, Soldaten einer fremden Besatzungsmacht. Das ist die Sicht der Demonstranten.

Aber was ist die Sicht der Polizei?

James Matheny ist stellvertretender Polizeichef in Stamford, einer 130.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Connecticut, 70 Kilometer nördlich von New York. Am linken und rechten Kragenende seiner schwarzen Uniform leuchten je zwei goldene Sterne. Auf der Tafel in seinem Büro steht: "Beschweren bringt nichts."

Matheny ist 50 Jahre alt, ein eher kleiner, drahtiger Mann, aufgewachsen in der South Side von Stamford, wo sich heute moderne Apartmenthäuser, Cafés und Restaurants befinden.

James Matheny: Die South Side war früher keine gute Gegend. Wenn ich mit meinem Bruder Zeitungen austrug, wurden wir ständig ausgeraubt.

DIE ZEIT: Hatten Sie oft mit der Polizei zu tun?

Matheny: Oh ja, einige Male. Es ging in der Regel aber um Nichtigkeiten. Wir hatten zum Beispiel Schneebälle auf Autos geworfen.

ZEIT: Offenbar hat die Polizei Sie nur ermahnt. Sonst wären Sie heute nicht stellvertretender Polizeichef.

Matheny: Ja, ich wurde nie festgenommen, ich habe mich aber auch nie mit Polizisten angelegt. Ich wusste, wenn etwas richtig Schlimmes passiert, kann ich mich immer an die wenden.

ZEIT: Woher kam das Vertrauen?

Matheny: Ich wurde von meinem Vater oft verprügelt, und meine Mutter war mit uns drei Kindern völlig überfordert. Mein Vater hat Selbstmord begangen, und schon mit zehn Jahren musste ich mich um mich selbst kümmern. Ich bin nicht oft in die Schule gegangen, stattdessen habe ich die Wäsche gemacht, eingekauft und versucht, Geld zu verdienen.

ZEIT: Was war Ihre erste Erfahrung mit der Polizei?

Matheny: Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Ich war mit meinem Bruder und einem Freund alleine zu Hause, und wir hörten etwas im Keller. Einbrecher! Wir hatten höllische Angst. Wir riefen bei der Polizei an, und es kam sofort ein supernetter Cop. Er ist in den Keller gegangen, hat nachgesehen und uns versichert, dass da niemand sei. Wenn wir aber noch mal Angst haben sollten, könnten wir jederzeit anrufen. Das war das erste Mal, dass ich mit einem Polizisten sprach. Und er hat einfach alles richtig gemacht.

ZEIT: War das einer der Gründe, weshalb Sie Polizist geworden sind?

Matheny: Nach der Highschool habe ich zuerst in Restaurants gearbeitet, das College war irgendwie nichts für mich. Auf die Dauer wurde mir ein wenig langweilig, und zur Polizei zu gehen – da stand eine größere Idee dahinter. Mit 24 Jahren hab ich mich beworben und bin genommen worden, als Bester von 1.400 Bewerbern. 33 junge Polizisten wurden damals eingestellt. Gut 20 von ihnen sind immer noch in Stamford.

ZEIT: Wie viele Schwarze waren in Ihrer Gruppe?

Matheny: Ich glaube, es waren zwei.

ZEIT: Sie haben heute 287 Polizisten in Stamford. Sieben Prozent davon sind Schwarze, sieben Prozent Latinos, bei 14 Prozent Schwarzen und 24 Prozent Latinos unter den Einwohnern von Stamford. Woher kommt die Dominanz der Weißen bei der Polizei?

Matheny: Viele Afroamerikaner und Latinos schreckt die Vorstellung ab, zur Polizei zu gehen. Wer schlechte Erfahrungen mit Polizisten gemacht hat, will nicht Polizist werden.

ZEIT: Warum machen sie schlechte Erfahrungen?

Matheny: Statistisch gesehen gibt es in Gegenden mit überwiegend farbiger, ärmerer Bevölkerung mehr Kriminalität. Deshalb kommen Afroamerikaner und Latinos oft von klein auf mit der Polizei in Berührung.

ZEIT: Waren die Jungs, von denen Sie damals ausgeraubt wurden, weiß oder schwarz?

Matheny: Schwarz, und ihre Gang war später eine meiner ersten Verhaftungen als junger Cop.

ZEIT: Führen solche Erfahrungen dazu, Schwarzen eher eine Straftat zu unterstellen als Weißen?

Matheny: Kann schon sein. Es ist schwer, alles sofort zu vergessen. Aber man muss es versuchen.

"Wir dürfen niemanden entkommen lassen"

"2 Adam 33." Das Funkgerät rauscht. 2 Adam, das ist der Polizist Lou Burdi, die 33 ist sein Streifenwagen. Burdi ist seit vier Jahren Polizist in Mathenys Behörde. Er hat an diesem Tag die Spätschicht. Die ZEIT begleitet ihn. Burdi ist 31 Jahre alt und weiß. Der Polizist, der im August in Ferguson den jungen Schwarzen Michael Brown erschoss, war 28 Jahre alt und weiß. Wie begegnet Burdi den Menschen in Stamford? Und wie begegnen sie ihm?

Burdi trägt eine schusssichere Weste unter der Uniform, links am Gürtel steckt eine Elektroschock-Pistole, rechts eine halbautomatische Pistole. Dazwischen die Handschellen. Die Sonne geht unter, der Feierabendverkehr füllt die Straßen, und auf dem Bildschirm im Streifenwagen blinkt der erste Einsatzbefehl auf. Eine Frau hat den Notruf gewählt: Ihre Mitbewohnerin habe ein Loch in die Wand gehauen. Als Burdi vor dem etwas vernachlässigten Wohnhaus aus dem Auto steigt, steht dort ein weiterer Streifenwagen. Ein Kollege ist schon oben. Burdi läuft in den dritten Stock.

In der winzigen Wohnung sitzt eine junge weiße Frau, die Füße auf dem Tisch, und hebt zu einer langen Erzählung an. Es geht um nicht bezahlte Miete und andere Streitereien. Burdis Polizeikollege kennt die Frau von früheren Anrufen.

Polizist: "Deine Mitbewohnerin sagt, du hast das Loch selbst in die Wand gehauen."

Frau: "Warum sollte ich das machen?"

Polizist: "Das ist doch eine Müllhalde hier."

Frau: "Oh, vielen Dank. – Ich renoviere gerade."

Man einigt sich darauf, dass sie noch einmal anruft, falls die Mitbewohnerin wie befürchtet ihre Freunde anschleppt, um die Wohnung zu zertrümmern. Es war ein Routineeinsatz, einer von 300 täglichen "Bürgerkontakten" der Polizei Stamford. Burdi verabschiedet sich freundlich. Hätte er sich anders verhalten, wenn die junge Frau schwarz gewesen wäre? Wäre er dann eher im Modus der Wachsamkeit gewesen? Die Antwort darauf kennt der Polizist Burdi womöglich nicht einmal selbst so genau. In ein paar Wochen kommt sein erstes Kind auf die Welt. Burdi will kein Risiko eingehen: Fühlt er sich bedroht, muss er sich schützen.

ZEIT: Polizisten in den USA erscheinen oft als unnötig aggressiv. Ich bin kürzlich falsch in eine Mautstelle gefahren und dachte, der Polizist führt uns gleich in Handschellen ab. Wir durften keine Frage stellen, das Einzige, was funktionierte, war totale Unterwerfung. Woher kommt diese schlechte Laune der Cops?

Matheny: Für Unfreundlichkeit gibt es keine Entschuldigung. Aber Polizist ist einer der härtesten Jobs überhaupt. Wir sollen heutzutage Sozialarbeiter sein, Eheberater, wir sollen Klempner sein, die den Leuten die Heizung reparieren. Wenn hier eine Beschwerde über einen Kollegen eingeht, denke ich manchmal: Das ist aber untypisch für ihn. Dann frage ich nach, und der Kollege sagt, weißt du, Boss, das war das sechste Mal an diesem Tag, dass jemand über die rote Ampel gefahren ist, und dann kam der mir auch noch blöd. Vielleicht hatte dieser Cop an der Mautstelle einfach einen schlechten Tag. Vielleicht waren Sie aber auch der Fünfte, der falsch in die Mautstelle gefahren ist. Manchmal wünsche ich mir, dass sich die Leute auch mal in einen Cop hineinversetzen und daran denken, was der in den letzten Stunden so alles erlebt hat.

ZEIT: Wenn mein Nachbar mal einen schlechten Tag hat, hab ich dafür Verständnis. Anders als mein Nachbar steht der Cop aber mit einer Waffe vor mir, und er hat das Recht, die Waffe zu ziehen, wenn er sich bedroht fühlt. Was, wenn ich jetzt auch einen schlechten Tag habe? Und eine banale Situation wie die an der Mautstelle eskaliert?

Matheny: Natürlich wird von uns mehr verlangt, wir müssen höheren Anforderungen genügen. Schaut man jedoch auf die Fakten, sind 90 Prozent der Beschwerden über Polizisten unbegründet.

ZEIT: Nehmen wir die Fälle Brown in Ferguson und Garner in New York. Wie konnte die jeweilige Situation so eskalieren? Brown hatte nur Zigarillos geklaut, Garner wurde lediglich verdächtigt, illegal Zigaretten zu verkaufen.

Matheny: Beide Male wurde eine Straftat begangen, egal ob geringfügig oder nicht. Unser Job ist es, der Straftat nachzugehen. Wir dürfen nicht sagen, ich lasse den Typ laufen. Wir müssen handeln. Ferguson und New York sind allerdings sehr unterschiedliche Fälle. In Ferguson wusste der Polizist, dass er tödliche Gewalt anwenden würde. Er hatte das Recht dazu, denn er fürchtete, Brown würde ihm die Waffe wegnehmen. In New York wollte der Polizist den Mann nicht verletzen. Er wollte ihn verhaften – Garner war schon 30 Mal verhaftet worden. Die Polizisten kannten ihn. Und nun widersetzte sich Garner der Verhaftung, das sieht man auf dem Video. Aber der Polizist musste ihn verhaften.

ZEIT: Allerdings hatte Garner niemanden umgebracht, er war kein bewaffneter Drogendealer. Er war ein harmloser Kleinganove, der manchmal Marihuana rauchte.

Matheny: Die Polizisten hatten eine Beschwerde des Ladenbesitzers erhalten, vor dessen Geschäft Garner die Zigaretten verkaufte. Dieser Beschwerde mussten sie nachgehen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Ladenbesitzer, verkaufen Zigaretten, bezahlen Ihre Steuern, und vor Ihrem Laden steht so ein Typ und nimmt Ihnen die Kundschaft weg. Sie rufen die Polizei, damit das aufhört. Der Polizist wollte diesen massigen Mann, der sich wehrte, verhaften. Er hat die angemessene Gewalt angewandt, um den Kerl festzunehmen. Wer sich der Verhaftung widersetzt, ist für die Konsequenzen selbst verantwortlich. Das Unglück bei Garner war, dass er Asthma hatte. Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Wäre er gesund gewesen, würde er noch leben.

ZEIT: Aber Garner hat selbst gesagt: "Ich kann nicht atmen." Das wäre doch ein guter Zeitpunkt gewesen, ihn loszulassen.

Matheny: Wenn jemand sagen kann: "Ich kann nicht atmen", dann kann er noch atmen. Sehen Sie, ich bin nicht sonderlich groß, und ich habe viele körperliche Auseinandersetzungen mit Kerlen gehabt, die so groß und schwer waren wie die beiden in Ferguson und New York. Das Erste, was der Festzunehmende sagt, ist immer: "Ich kann nicht atmen." Der will nämlich, dass ich ihn loslasse. Aber ich lasse ihn nicht los, weil ich weiß, dass er atmen kann, denn er spricht ja mit mir. Wenn ich ihn loslasse, haut er mir dann eine rein, um zu entkommen? Also versuche ich, die Handschellen an den Kerl zu kriegen, damit er sich beruhigt.

ZEIT: Das klingt, als redeten Sie von der Festnahme eines Schwerverbrechers, nicht von der eines Kleinganoven. Gibt es da keinen Unterschied?

Matheny: Wir dürfen niemanden entkommen lassen. Sonst machen wir unseren Job nicht gut, und die Gangster nehmen uns nicht mehr ernst.

"Bei uns ist alles okay"

"2 Adam 33 – betrunkener männlicher Latino." Lou Burdi greift zum Funkgerät: "33, alles klar." Die Stimme aus der Einsatzzentrale erläutert, dass ein Mexikaner sein Bier nicht bezahlen wolle. Dunkelheit umhüllt die Stadt, als Burdi einen schmuddeligen Eckladen betritt, wieder ist ein Kollege schon vor Ort. Im Eingang steht ein kleiner Mann, in der Hand ein paar Dollar und eine Plastiktüte. Trotz der Kälte trägt er nur ein T-Shirt.

Burdi: "Du hast dein Bier nicht bezahlt?"

In einem Mix aus Englisch und Spanisch, mit verhangenen Augen und einem Was-wollt-ihr-von-mir-Gesicht antwortet der Mexikaner, das stimme nicht. Er habe sein Bier sehr wohl bezahlt.

"Entweder zwei Dollar für das Bier – oder ..." Burdis Kollege fuchtelt mit den Handschellen herum. Doch der Mexikaner weigert sich. Er will diskutieren, will einklagen, was er für sein Recht hält. Burdis Kollege will nichts hören. Er klappert wieder mit den Handschellen. Es sind Momente wie dieser, in denen die Verantwortung auf den Polizisten von Stamford lastet. Wahrscheinlich ist der Mann nur einer von denen, die hier abends auf der Straße herumlungern, so betrunken wie harmlos. Er könnte aber auch eine Waffe in seiner Plastiktüte versteckt haben, könnte auf Burdi und seine Kollegen losgehen. In Ferguson, New York und anderen Städten waren es solche Alltagssituationen, die eskalierten.

Psychologen haben eine Antwort darauf, wie es dazu kommen kann. Sie haben Tests gemacht, mit ganz normalen Amerikanern, um den Strukturen ihrer Vorurteile auf die Spur zu kommen. Die Teilnehmer erinnerten sich eher an Bilder einer Pistole, wenn sie zuvor Fotos von farbigen Menschen gesehen hatten. Sie glaubten sogar, eine Pistole erkannt zu haben, wenn man ihnen gar keine gezeigt hatte. Das Foto eines Menschen mit dunkler Hautfarbe reicht aus, um eine Kette aus Vorstellungen und Ängsten in Gang zu setzen. Man kann sagen, die Menschen sehen, was sie sehen wollen – Schwarze tragen eben Waffen.

Langsam, wie in Zeitlupe, greift der Mexikaner zu seinem Geld und zählt zwei Dollar ab. Er schaut nicht zum Kollegen, nur zu Burdi, der sich zurückgehalten hat. Erzählt ihm, plötzlich freundlich, in welcher Pizzakette er arbeitet. "Kumpel, frag dort nach mir."

Burdi: "Das ist sehr nett, danke. – Alles Gute."

Dann geht er zurück zu seinem Streifenwagen. Wieder einen Risikomoment überstanden.

Burdi wurde Polizist, weil er Teamarbeit mag und diese Umkleidekabinenstimmung, wie bei einem Fußballspiel, sagt er. Wenn sie zu zweit Streife fahren, nimmt er immer den Beifahrersitz, denn Burdi ist fit, er kann schnell losspurten, wenn jemand verfolgt werden muss. "Kommt schon mal vor."

ZEIT: Das harte Vorgehen auch gegen kleine Straftaten geht auf die sogenannte Broken-Window-Theorie zurück, wonach der Niedergang eines Stadtviertels mit Kleinigkeiten beginnt, einem eingeschmissenen Fenster zum Beispiel. Glauben Sie, dass dieses unerbittliche Vorgehen zum Vertrauensverlust der Polizei beigetragen hat?

Matheny: Ich glaube, dieses Vorgehen erzeugt, wenn man es gut macht, eher mehr Vertrauen. Hier in Stamford melden wir es schon, wenn illegal Müll abgeladen wurde, wenn Straßenlaternen nicht funktionieren, wenn sich irgendwo Graffiti breitmachen. Wenn die Leute sich in ihrem Viertel sicher fühlen, nutzen sie auch die öffentlichen Verkehrsmittel und Parks, sie trauen sich vor die Tür. Die Broken-Window-Theorie umfasst weit mehr als nur Festnahmen. Was wir hier im Gegensatz zu New York allerdings nicht anwenden, ist die Methode des stop and frisk, des häufigen Anhaltens und Durchsuchens.

Die Zahlen der Statistiker sind eindeutig: In Städten wie New York wächst das Risiko, von der Polizei angehalten und durchsucht zu werden, wenn man schwarz ist oder ein Latino. Allein in New York sind in den vergangenen 15 Jahren bei "Bürgerkontakten" mindestens 179 Menschen von Polizisten getötet worden. Es kam zu gerade einmal drei Anklagen und einer einzigen Verurteilung.

Aussagekräftige Zahlen für das ganze Land gibt es nicht, nur diese: Laut einer Statistik des Justizministeriums kamen zwischen 2003 und 2009 mehr als 2.900 Menschen bei Verhaftungen ums Leben. Und: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger amerikanischer Mann von der Polizei getötet wird, steigt um den Faktor 21, wenn er schwarz ist.

ZEIT: Ändert es Ihre Einschätzung des New Yorker Falles, dass sich der Polizist, der Eric Garner im Würgegriff hatte, zuvor zweimal wegen unangemessenen Vorgehens verantworten musste? Einmal zwang er zwei Schwarze, sich auf der Straße bis auf die Unterhose auszuziehen.

Matheny: Ich kenne den Polizisten nicht und auch nicht die beiden vorherigen Vorwürfe.

ZEIT: Wie verhindert man, dass ein Polizist eine schlechte Erfahrung mit einem Schwarzen verinnerlicht, so wie Sie als Kind Ihre gute Erfahrung mit dem Polizisten verinnerlicht haben?

Matheny: Wir versuchen, jeden unserer Polizisten zu dem zu machen, was wir als den idealen Cop empfinden. Jeder hat die Vorgabe, niemanden wegen seiner Hautfarbe anzuhalten. Niemals. Man hält keinen Afroamerikaner an, weil er durch eine weiße Gegend läuft. Und man hält keinen Weißen an, weil er durch eine schwarze Gegend läuft, selbst wenn man ahnt, dass er dort Drogen kauft. Letztlich aber ist es so: Viele Menschen nehmen schwarze Männer nun einmal stärker als Bedrohung wahr. Und das findet sich auch in der Polizei wieder. Solche Einstellungen zeigen sich dann besonders in Stress-Situationen.

Burdi hat einen SUV gestoppt, dessen Bremslicht nicht richtig funktioniert. Das Polizeilicht auf dem Streifenwagen blinkt, der SUV steht vor ihm, Burdi geht in der Dunkelheit auf ihn zu. Lässt sich Fahrzeugpapiere und Führerschein geben, tippt die Daten in seinen Computer ein, kein Treffer, alles ist gut. Dem Fahrer sagt er noch, er solle sein Bremslicht reparieren lassen, dann öffnet er auf seinem Computer eine Maske und tippt schnell los: Hautfarbe – weiß. Wohnort – Stamford. Interaktion – mündliche Verwarnung.

Connecticut war einer der ersten US-Staaten, die Vorschriften erlassen haben, um den Rassismus bei der Polizeiarbeit zu bekämpfen. 1999 verfuhr sich ein schwarzer Politiker in einer von Weißen bewohnten Gegend und wurde angehalten; seitdem erfassen die Polizisten statistisch, mit wem sie es zu tun haben. Auch in Stamford.

ZEIT: In Ferguson werden überdurchschnittlich viele Schwarze angehalten.

Matheny: Es gibt in den USA rund 100.000 Polizeireviere. Gut möglich, dass mancherorts etwas falsch läuft.

ZEIT: Die letzten Daten aus Connecticut, also Ihrem Bundesstaat, zeigen, dass auch hier Schwarze häufiger angehalten werden als Weiße. Schwarze machen nur acht Prozent der Bevölkerung aus. Aber 14 Prozent der gestoppten Autofahrer waren schwarz. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie durchsucht werden, doppelt so hoch wie bei Weißen. Und das, obwohl Weiße doppelt so oft verbotene Substanzen wie Drogen oder, bei jungen Leuten, Alkohol im Auto haben wie Schwarze. Die Zahlen speziell für Stamford sind schwer zu bewerten, da zu wenige Daten übermittelt wurden.

Matheny: Wir haben unsere Software umgestellt, daher der Übertragungsfehler. Aber wir haben uns nichts vorzuwerfen, bei uns ist alles okay.

ZEIT: Ein Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist, dass es in Deutschland nicht so viele Waffen gibt. Macht das Ihren Job noch gefährlicher?

Matheny: Wir erwarten immer das Schlimmste. Egal ob wir jemanden nur bei einer Verkehrskontrolle anhalten oder ihn festnehmen wollen: Wir gehen davon aus, dass er bewaffnet ist. Ich habe lange Zeit Polizisten ausgebildet, ich habe sie stets auf die schlimmstmögliche Situation vorbereitet. Ich wollte nicht, dass sie draußen umkommen.

ZEIT: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Matheny: Wir haben zum Beispiel geübt, wie man sich bei einer Verkehrskontrolle verhält und was passieren kann, wenn der Autofahrer eine versteckte Waffe bei sich hat. Wir haben die Straße abgesperrt und Rollen verteilt. In der Regel wurden in diesem Rollenspiel alle Rekruten bei der ersten Verkehrskontrolle erschossen. Spätestens von da an ist jeder aufmerksam. Und dann haben wir ihnen gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass das wirklich passiert, ist sehr gering, aber ihr müsst immer vorsichtig sein. Ihr wisst nicht, wer in dem Auto sitzt. Es kann jemand sein, der nur von der Arbeit nach Hause fährt, aber auch jemand, der gerade einen Menschen umgebracht hat. Das Letzte, was du als Ausbilder willst, ist, dass dein Schüler im Dienst getötet wird, weil du zu weich zu ihm warst und er mit der Einstellung auf die Straße ging, dass ihm schon nichts passieren wird. Gleichzeitig will ich natürlich nicht, dass meine Polizisten so paranoid sind, dass sie da draußen Leute verletzen. Denn die Mehrheit der Leute ist nicht bewaffnet.

ZEIT: Aber wo ist der Teil, in dem "Sei nicht paranoid!" in der Ausbildung vorkommt?

Matheny: Wir bringen unseren Rekruten auch bei, dass jede Begegnung, jede Unterhaltung mit Sir oder Madam und bitte beginnt. Wir versuchen ihnen beizubringen, höflich zu sein und vorsichtig, aber immer auch in Alarmbereitschaft. Ich möchte nicht eine der Frauen meiner Männer anrufen müssen, um ihr mitzuteilen, dass sie nun Witwe ist. Würden wir unsere Taktik ändern, würden wir dafür einen Preis bezahlen.

ZEIT: Was denken Sie über die Waffengesetze in den USA?

Matheny: Ich weiß, dass sehr viele Amerikaner den zweiten Verfassungszusatz, der den Besitz von Waffen erlaubt, sehr ernst nehmen. Ich würde mir dennoch eine stärkere Kontrolle wünschen.

ZEIT: Sie sind jetzt seit 26 Jahren Polizist. Haben Sie jemals im Dienst Ihre Waffe benutzt?

Matheny: Ich habe nie auf jemanden geschossen, aber ich habe sie schon oft gezogen.

ZEIT: Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass in den Fällen Brown und Garner keine Anklage erhoben wird?

Matheny: Ich habe es im Fernsehen gesehen. Meine erste Frage war: Wie wird das die Arbeit meiner Polizisten beeinträchtigen? Die Leute rufen uns Polizisten jetzt höhnisch entgegen: "Ich kann nicht atmen!" Viele meiner Jungs verstehen die Frustration der Menschen nicht. Ich habe ihnen erklärt, dass die Leute sich abreagieren müssen. Ich habe gesagt: Wartet, bis sie sich beruhigt haben, bevor ihr ihnen antwortet.

ZEIT: In Cleveland, wo ein Polizist vor drei Wochen einen Zwölfjährigen erschoss, der mit einer Spielzeugpistole herumfuchtelte, ergab eine Untersuchung, dass die Polizisten dort sehr schlecht ausgebildet sind.

Matheny: Vielleicht nehmen nicht alle Polizeistationen Weiterbildung so ernst wie nötig. Fälle wie der von Rodney King vor fast 25 Jahren aber haben die Polizeiarbeit in ganz Amerika verändert.

"Polizist zu sein ist anstrengend"

Im März 1991 kam es zu einer wilden Verfolgungsjagd durch Los Angeles. Polizeiwagen jagten einem Auto hinterher, in dem der arbeitslose Schwarze Rodney King saß. Die Polizisten wollten ihn wegen zu schnellen Fahrens anhalten. Als sie King gestellt hatten, schlugen sie ihn brutal zusammen, ohne dass er sich wehren konnte. Der Vorfall hätte wohl keine Folgen gehabt, hätte nicht zufällig auf einem Balkon gegenüber ein Hobbyfilmer mit einer Kamera gestanden. Seine Bilder gingen um die Welt. Der Freispruch für die Schläger löste im Jahr darauf die größten Unruhen in der jüngeren Geschichte der USA aus. 53 Menschen kamen um, ganze Straßenzüge von Los Angeles brannten nieder.

Heute ist zwar ein Schwarzer US-Präsident. Aber noch immer leben doppelt so viele Schwarze wie Weiße in Armut. Die Einkommensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen sind noch gestiegen. Ob bei der Bildung, bei der Gesundheit, den Aufstiegschancen – überall sind die Schwarzen in der Ära Obama weiter zurückgefallen. Experten halten es für möglich, dass Amerika so bald nicht mehr zur Ruhe kommt: Jede schiefgegangene Begegnung zwischen einem weißen Polizisten und dem Angehörigen einer Minderheit könnte der Auslöser für neue Unruhen sein.

Matheny: Der Fall Rodney King war klares Unrecht. Jemanden so einzukreisen und mit Schlagstöcken zu malträtieren ist Missbrauch von Gewalt. So schlimm diese Vorfälle sind, so viel kann man aus ihnen lernen.

ZEIT: Was haben Sie aus den Vorfällen von Ferguson und New York gelernt?

Matheny: Bevor ich nicht die Begründung der Grand Jury aus Ferguson genau gelesen habe, werden wir offiziell keine Konsequenzen ziehen. Jede Polizeistation in den USA liest diesen Text gerade. Bislang sagen wir unseren Polizisten nur, dass sie immer daran denken sollen, dass die Menschen momentan wenig Vertrauen in uns haben. Wir müssen jetzt versöhnlicher und beschwichtigender auftreten.

ZEIT: In den vergangenen Jahren ist eigentlich etwas Großartiges passiert: Die Kriminalität in ganz Amerika ist auf einem der niedrigsten jemals gemessenen Werte. Die Polizeiarbeit muss sich für Sie doch völlig verändert haben.

Matheny: Oh ja, als ich bei der Polizei anfing, hatten wir fast jeden Tag eine körperliche Auseinandersetzung. Da war Stamford noch eine andere Stadt. Damals gab es sehr viele Drogen hier, und die Leute haben viel häufiger versucht, zu entkommen. Ich habe fünf Jahre als Drogenfahnder gearbeitet. Und jedes Mal, wenn man jemanden festnehmen wollte, fing der an zu rennen, denn er hatte die Drogen, die er verkaufen wollte, in der Tasche. Und wir mussten hinterher. Jetzt, da sich die Drogenkultur geändert hat, die Leute ihre Drogen über das Handy bestellen, ist das alles anders. Früher hatten wir 50 oder 60 Straßenzüge mit Drogenhandel, heute sind es zwei oder drei. Wir haben in leer stehenden Häusern gesessen und die Leute observiert. Kennen Sie die Serie The Wire?

ZEIT: Die Fernsehserie über die Polizei in Baltimore und ihren Kampf gegen die Drogen?

Matheny: Genauso war es bei uns. In Stamford haben Stadtentwickler dann die Problemviertel aufgekauft, die Häuser abgerissen und neue, schicke Apartmenthäuser hingestellt. Auch das Haus, in dem ich gelebt habe, steht nicht mehr. Es ist für uns Cops fast ein bisschen langweilig geworden.

ZEIT: Trauern Sie der alten Zeit mit den Straßenkämpfen nach?

Matheny: Früher war es aufregender, ein Cop zu sein. Und ich finde es schade, dass die meisten jungen Kollegen solche Kämpfe nicht mehr erleben. Denn ich finde, sie machen dich zu einem besseren Polizisten.

ZEIT: Warum?

Matheny: Wenn man einige gefährliche Situationen erlebt hat, lernt man, Gefahren besser einzuschätzen. Wir müssen diese Kämpfe gewinnen, und idealerweise ohne Verletzungen. Das ist nicht immer einfach. Wir erhalten viel Schießtraining, aber die Polizei ermöglicht einem keine teure Ausbildung in Brasilianischem Jiu-Jitsu, mit der ein kleiner Mann gegen einen großen im Kampf gewinnen kann. Das muss man sich selbst beibringen. Ich wurde zwanzig Mal schwerwiegend verletzt. Meine Schulter wurde mehrfach operiert, ich habe mir drei Rippen gebrochen und beide Handgelenke, und beinahe hätte man mir einen Finger abgeschnitten. Bei einer Drogenrazzia vor fünf Jahren wurde meinem Kollegen ins Gesicht geschossen, zum Glück hat er überlebt. Das war der Moment, in dem wir uns entschlossen haben, aufzurüsten und wieder ein Swat-Team, ein Spezialeinsatzkommando, aufzustellen. Wir hatten jahrelang keins.

ZEIT: Sie haben jetzt auch ein Militärfahrzeug, wie die Polizei in Ferguson.

Matheny: Ja, das habe ich besorgt. Für das Swat-Team brauchten wir ein schusssicheres Fahrzeug, und ich hatte gehört, dass man sich um kostenlose Militärfahrzeuge aus den Kriegen im Nahen Osten bewerben kann. Wir haben den Wagen von Sand und Patronenhülsen gereinigt und den Motor repariert. Wir benutzen ihn für gefährliche Festnahmen. Im letzten Jahr war er acht- bis zehnmal im Einsatz. Aber er ist nicht sonderlich praktisch, das Ding stammt aus den Siebzigern. Ich hätte lieber einen modernen Panzerwagen vom Typ Bearcat, den haben die auch in Ferguson. Lässt sich einfacher steuern, und die Reifen sind schusssicher. Der kostet aber 350.000 Dollar.

In der Garage des Polizei-Hauptquartiers in Stamford steht das schwarz lackierte, gepanzerte Fahrzeug. Nicht nur hier, überall in den USA hat die Polizei in den vergangenen Jahren aufgerüstet. Nach den Anschlägen vom 11. September verkündeten Politiker in Washington, jede Polizeiwache stehe nun im Krieg gegen den Terror. Auf einmal war Geld da, um diesen Krieg zu führen – allein seit 2009 durften Polizeibehörden 18 Milliarden Dollar dafür ausgeben. Manchmal kauften sie gebraucht aus Beständen des Militärs, manchmal direkt von der Rüstungsindustrie: Nachtsichtgeräte, Maschinengewehre und Präzisionswaffen, minensichere Panzerfahrzeuge, sogar Kampfhubschrauber und Kettenpanzer. Friedliche Kleinstädte bauten Einsatzkommandos auf, der deutschen GSG 9 vergleichbar. Schon bei einfachen Hausdurchsuchungen treten dem Bürger jetzt vermummte, schwer bewaffnete Spezialkräfte entgegen, wie er sie aus Kriegsfilmen kennt. Die Polizei in den USA ist dabei, sich in eine Armee zu verwandeln.

ZEIT: Ist das nicht irgendwie widersprüchlich: Die Kriminalitätsrate sinkt, aber die Polizei rüstet auf. Wie passt das zusammen?

Matheny: Wir versuchen nur, mit den Gangstern mitzuhalten. Als wir Pistolen hatten, hatten die Gangster Gewehre. Als wir Gewehre hatten, hatten die Gangster automatische Waffen. Jetzt haben wir automatische Waffen, und die Gangster tragen Körperpanzerung. Es ist ein Rüstungswettlauf, aus dem man nicht einfach aussteigen kann.

ZEIT: Als in Ferguson bekannt wurde, dass der Polizist, der Michael Brown erschoss, nicht vor Gericht muss, brachen heftige Unruhen aus. Die Polizei rückte mit ihrem Panzerwagen an und wirkte wie eine Besatzungsarmee.

Matheny: Klar, da fragt sich jeder: Ist das notwendig? Aber in einer solchen Situation kann ich auch verstehen, dass man seinen Polizisten maximalen Schutz bieten will.

ZEIT: Was halten Sie von Präsident Obamas Vorschlag, dass Polizisten künftig Videokameras tragen sollen, um jeden Einsatz aufzuzeichnen? Die New Yorker Polizei beginnt gerade eine Testphase.

Matheny: Die Kameras bringen bestimmt Vorteile mit sich. Ich habe jedoch gerade einen Bericht von der Polizei in Seattle gelesen. Das ist ein sehr progressives Polizeirevier, das seit einiger Zeit Videokameras benutzt. Jetzt überlegen sie, die Kameras wieder abzuschaffen, denn manche Bürger fordern unter Berufung auf die Informationsfreiheit jedes einzelne Video an. Der bürokratische Aufwand und die Kosten sind enorm.

ZEIT: Wollen Ihre Kinder auch Polizist werden?

Matheny: Kommt nicht infrage! Meine Tochter ist 22 Jahre alt, sie wird Lehrerin. Mein Sohn ist 17 und hat sich noch nicht entschieden. Polizist zu sein ist so anstrengend. Man kann 20 Jahre lang einen guten Job machen, dann hat man einen schlechten Tag, und man ist erledigt. Wird man als Banker gefeuert, findet man irgendwann irgendwo anders einen Job. Als Polizist nie wieder. Es ist schwer, es allen recht zu machen. Sollen wir weniger Menschen festnehmen? Dann müssen wir uns fragen: Welche Botschaft senden wir nach außen? Wollen wir, dass es wenig Verbrechen gibt, und präventiv handeln? Oder wollen wir nur reagieren, wenn schon etwas passiert ist? Wir brauchen aggressive Leute, wenn wir Straftaten verhindern wollen. Aber solche Polizisten geraten am häufigsten in Schwierigkeiten.

Lou Burdi hat sich ein Wasser gekauft, er sitzt im Polizeiwagen und schaut hinaus in die Nacht. Ruhig heute. Jemand hat einen Hund in einem parkenden Auto gesehen und fürchtet, das Tier könnte erfrieren. Eine Mutter wurde von ihrem Sohn mit einem Messer bedroht. Ein altes Ehepaar hat einen Diebstahl gemeldet. Burdi ist der Sache nachgegangen und glaubt herausgefunden zu haben, dass der Hausmeister, ein Latino, der Täter ist. Jetzt kurbelt Burdi das Fenster runter. Wenn nichts passiert, wird man schnell müde. Manchmal überlegt er, sich für das Swat-Team zu bewerben. Da ist mehr los.