Im Erdgeschoss eines Einkaufszentrums in Berlin-Mitte parkt eine schwarze Piaggio Ape, dieser dreirädrige Mini-Lieferwagen aus der Alberto-Pizza-Werbung. Hinterm Steuer sitzt Alain Caparros und lächelt in die Kamera. Das Fenster hat er heruntergekurbelt, damit wenigstens sein Ellenbogen ein bisschen Platz hat.

Der Fotograf wird später sagen, dass dieser Alain Caparros ihn beeindruckt habe. Weil der Vorstandsvorsitzende der Rewe Group – Herr über knapp 15.000 Supermärkte in Europa – sich ohne Murren in das kleine Gefährt gezwängt hat. Dazu muss man wissen, dass Caparros kein kleiner Mann ist und auch keiner, den man als schlank bezeichnen würde. Andere Vorstandsvorsitzende hätten wohl abgewinkt, sich höchstens vor den Lieferwagen gestellt, eine Hand auf der Kühlerhaube ruhend; genauso hatte es sich die Pressedame von Rewe auch vorgestellt. Doch dem Chef war das egal. Er hat keine Angst davor, sich lächerlich zu machen.

Alain Caparros hat den Ruf, impulsiv und unkonventionell zu sein. Und er hat Spaß an der Provokation. Es gab Reden, in denen er das Manuskript beiseitelegte und davon sprach, dass jeder Mitarbeiter "wie ein Taliban" für mehr Nachhaltigkeit kämpfen müsse. Und wenn er der Meinung ist, dass deutsche Innenstädte bis in die neunziger Jahre hinein samstags wie ausgestorben waren, weil alle Geschäfte um 13 Uhr zumachten, spricht er nicht von Leere, sondern vergleicht die Szenerie mit Tschernobyl. Andere Unternehmenslenker würden für solche Vergleiche einen Shitstorm ernten. Nicht so Alain Caparros – er nimmt den Worten ihre Härte, das Unverschämte, weil stets ein weicher französischer Akzent mitschwingt. Dazu zwinkert Caparros, lächelt kokett oder lacht laut auf. "Hallo, ich bin Alain Caparros. Und ich bin Franzose", so stellt er sich gerne vor. Vielleicht weiß er, dass er dadurch eine gewisse Narrenfreiheit genießt.

Der Ich-nehme-kein-Blatt-vor-den-Mund-Franzose dirigiert das zweitgrößte Lebensmittelunternehmen Deutschlands, größer ist nur der Genossenschaftsverbund Edeka. Der macht zurzeit Schlagzeilen, weil der Konzern die Kaiser’s-Tengelmann-Filialen übernehmen will – Caparros hört das gar nicht gern. In Berlin etwa würde Edeka damit seinen Marktanteil auf rund 35 Prozent ausbauen und wäre dort dann doppelt so groß wie Rewe.

Eine Woche vor dem Fotoshooting, in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs: Hier hat die Rewe Group ihre Firmenzentrale. Caparros empfängt in seinem Büro, auf einem Beistelltisch stehen Käse- und Salamischnittchen und eine Kaffeetasse mit Rewe-Schriftzug, seine lilafarbene Lesebrille hat der Vorstandsvorsitzende auf die Sessellehne neben sich gelegt. Caparros sitzt zurückgelehnt da, man könnte sagen, spannungslos, er ist keiner von diesen asketischen Hochleistungsmanagern, die sich an Rudermaschinen stählen oder für den nächsten Marathon schwitzen, um auch noch in der Freizeit Wochenziele zu erreichen. Der Rewe-Chef ist ein Genussmensch.

Er wollte Priester und sollte Müller werden – nun ist er Geschäftsmann

Doch auch ohne Hochleistungsextremkörper hat sich Caparros in Rekordzeit nach oben gearbeitet: Im Jahr 2004 kam er zu Rewe, ein Jahr später übernahm er die Leitung des Auslandsgeschäfts, im September 2006 wurde er Vorstandssprecher, im Dezember dann Vorstandsvorsitzender. Ein ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender, der Caparros schon lange kennt, findet es bemerkenswert, dass der sich im deutschen Topmanagement durchgesetzt hat. "Das ist ungefähr so, als wäre ein evangelischer Pfarrer katholischer Bischof geworden."

Als Franzose hat Caparros ein deutsches Traditionsunternehmen auf Kurs gebracht. Er hat den Konzern zentralisiert wie sein Heimatland die Verwaltung. Wenn man so will, ist der Firmensitz in Köln das Paris der jungen Rewe-Nation. Bei Rewe hat er geschafft, woran vor ihm alle gescheitert sind: Er hat das verwirrende Nebeneinander von Ladennamen wie HL oder Minimal abgeschafft – alle Filialen firmieren nun unter der Dachmarke Rewe. Außerdem sorgte Caparros für längere Öffnungszeiten, er führte mehr Bioprodukte und die Premium-Marke "Feine Welt" ein. Überdies können Kunden heute online bestellen und sich die Lebensmittel nach Hause liefern lassen.

Leute, die Caparros kennen, beschreiben ihn als sehr zielstrebig. Er selbst dagegen sagt: "Mein Bestreben war nicht, die Nummer eins zu werden. Ich wollte Spaß an der Sache haben, das stand im Fokus."

Alain Caparros wurde 1956 in Tiaret, Algerien, geboren. Als das Land Anfang der sechziger Jahre um seine Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte, floh seine Familie dorthin. In Algerien war die Situation für sie zu gefährlich geworden, als Pied-Noirs, die von europäischen Siedlern abstammten. "Das war mehr als ein Umzug", sagt Caparros. "Frankreich war ein neues Land, und die Franzosen hatten nicht auf uns gewartet. Mich hat das sehr geprägt: meine Eltern und Großeltern zu sehen, die so viel gearbeitet und erreicht hatten und über Nacht alles verloren haben."

Familie Caparros kam nach Lothringen, in eine vergessene Region Frankreichs an der Grenze zu Deutschland. Die Eltern schickten den Sohn auf ein von Jesuiten geführtes Internat, was dazu führte, dass er kurzzeitig Priester werden wollte. Der Vater sah Alain indes als Nachfolger der eigenen Mühle, die er übernommen hatte, doch der Sohn wollte kein Müller werden. "Meine Eltern hielten mich immer für ein unruhiges Wesen", sagt er.