Such dir eine Mulde im Boden, über die der Wind hinwegweht und dich nicht erreicht.
Such dir einen Ort, an dem viele Bäume eng nebeneinanderstehen, sodass kein Mensch hindurchschauen kann.
Stülpe Plastiksäcke über deine Hosenbeine.
Zieh alles an, was du hast.
Hab keine Angst vor der Dunkelheit.
Hab keine Angst vor Tieren.

Das sind Emilians Regeln. Man müsse sie befolgen, sagt er, sonst könne man im niedersächsischen Wald nicht überleben. So redet Emilian, ein Arbeiter aus Rumänien, mit Fremden, die nichts wissen über diese Gegend in Niedersachsen, wo die Orte Vechta heißen, Ahlhorn, Cloppenburg oder Quakenbrück. Schau dir die harmlos wirkenden Dörfer an, sagt Emilian, die roten Klinkerhäuser, das herausgeputzte Fachwerk. Ich zeige dir die Straßen, sagt er, auf denen ich nachts mit dem Rad hin- und herfahre, immer nur hin und her, damit ich nicht friere. Bis morgens um halb fünf mache ich das so, sagt Emilian, dann muss ich in den Schlachthof: Puten die Brust aufschneiden, Fett herausholen. In dieser Gegend, wo die Orte Oldenburg heißen, Garrel, Essen, Visbek oder Badbergen, haben Männer wie Emilian einen Namen. Waldmenschen. Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere.

"Wir haben es hier mit einer Schattenwelt zu tun, bei der die meisten wegsehen. Eine Geisterarmee haben wir erschaffen." So spricht ein Geistlicher über Menschen wie Emilian. Und er predigt es immer wieder, Peter Kossen, der Prälat der Kleinstadt Vechta.

Der Prälat weiß, dass einige der Söldner im Wald leben, weil für sie keine Wohnung da ist. Männer wie Emilian erkenne man an blauen Plastikkörben, die im Wald neben den Schlafmulden liegen und die alle Söldner tragen müssen, wenn sie morgens in einen der Schlachtbetriebe ziehen, die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl.

Die Gegend zwischen Oldenburg in Niedersachsen und Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands größte Schlachtanlage. Hier werden jedes Jahr 3,5 Millionen Tonnen Schweine-, 900.000 Tonnen Geflügel- und 400.000 Tonnen Rindfleisch produziert. Schlachten, das bedeutet: Hals aufschneiden, aufhängen, Rektum aufbohren, enthäuten, aufschneiden, zerteilen, verpacken.

Wir wollen immer mehr Fleisch essen, und wir wollen es immer billiger haben. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen führt das zu einem System aus Hochtechnologie und Menschenhandel. Alle machen mit, Firmen wie: Wiesenhof, Tönnies. Die Gegend ist auch eine Brutstätte für multiresistente Keime (ZEIT Nr. 48/14), gegen die manchmal keine Antibiotika mehr wirken. Es ist ein System, das krank machen kann.

Wie die meisten Söldner der Geisterarmee wurde Emilian vom Subunternehmer eines Schlachthofs angeworben – in Rumänien. Er hatte beim rumänischen Militär gelernt, wie man in der Natur überlebt, und er musste für den Job in Deutschland ein paar Hundert Euro Vermittlungsgebühr bezahlen. Er wurde nach Niedersachsen gefahren. Untergebracht wurde er in einer Massenunterkunft, vier Männer in einem Zimmer, Stockbetten. Er arbeitete bei einem der größten deutschen Produzenten von Hähnchen- und Putenfleisch. Das Unternehmen sagt, es wisse nichts von den Waldmenschen. Aber Emilian hatte Ärger mit seinem Vorarbeiter. Weil der Subunternehmer oft auch Wohnraum an die Söldner vermietet, kann Ärger mit dem Vorarbeiter heißen: kein Schlafplatz im Warmen mehr, sondern eine Unterkunft im Wald. In der Nähe der Autobahn 1, zwischen Cloppenburg und Wildeshausen, hat sich Emilian ein Zuhause aus Decken und Plastiksäcken gebaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Nachmittags schläft Emilian, traumlos und tief, bis die Kälte der hereinbrechenden Nacht ihn weckt. Er schreibt düstere Gedichte und postet sie auf Facebook: "Du weißt, dass der Schnee sich drehen wird, er ist eine Blutschaufel zwischen zwei Paradiesen, sagt ein Wurm dem anderen, der in der Mitte liegt."

Aus seinen Kopfhörern tönt Joy Divison, dunkler, analytischer Post-Punk. In Rumänien hat er Elektromechanik studiert. Emilian ist 34, hat keine Frau, keine Kinder. Fragt man ihn nach seiner Zukunft, fällt ihm nichts ein.

Nicht weit entfernt von Emilians Schlafplatz, in einem Betrieb der Firma Wiesenhof, säbelt Joana den ganzen Tag Hähnchen. Das Geschenk der Liebe sind Handschuhe aus Eisen. 15 Euro. Teuer. Darian hat sie Joana geschenkt, damit sie sich ihre Hände, die er so mag, beim Schneiden nicht verletzt.

"Du musst kommen, hier ist ein Mädchen, das wird dir gefallen." Das sagten Freunde, die Darian eines Abends anriefen. Als Darian die Disco in Lohne betritt, weiß er sofort, wen seine Freunde meinten: Schmal ist sie, trägt schwarze Leggins und hat die Haare pink gefärbt. Sie heißt Joana. Sie tanzt, ihr Bruder legt auf, rumänischen Pop, und Darian schaut ihr die ganze Zeit zu.

Sie sieht, erzählt Joana, wie Darian sich nähert, jede Geste, jedes Zucken im Mundwinkel die Andeutung einer größeren Geste. Sie unterhalten sich, auf Rumänisch. Irgendwann sagt Darian: "Ich kann nur schlafen, wenn jemand mich in den Armen hält."

Auf dem Weg zu ihr, sagt Darian, nimmt er zum ersten Mal ihre Hand. "Wir müssen noch kurz bei mir vorbei, auf den Dienstplan schauen", sagt er. Da steht, dass er erst am nächsten Tag arbeiten muss. Hand in Hand gehen sie zu Joana. Erste Küsse, zarte Berührungen. Um Mitternacht klingelt Darians Telefon. Sein Vorarbeiter brüllt so laut ins Telefon, dass sogar Joana ihn hören kann. "Wo bist du? Du musst sofort zur Arbeit kommen!"

Darian steht in einer Schlachtanlage der Firma Steinemann an einem Band, das ihm tote Bullen vors Gesicht hängt, jede Minute einen weiteren. Darian schneidet ihm mit einem Küchenmesser die Brust auf und zieht ihm die Haut ab. Mit bloßen Händen. Die Einweghandschuhe, sagt er, seien sofort kaputtgegangen.