Schlachter-Arbeit © Ralph Orlowski/Getty Images

Such dir eine Mulde im Boden, über die der Wind hinwegweht und dich nicht erreicht.
Such dir einen Ort, an dem viele Bäume eng nebeneinanderstehen, sodass kein Mensch hindurchschauen kann.
Stülpe Plastiksäcke über deine Hosenbeine.
Zieh alles an, was du hast.
Hab keine Angst vor der Dunkelheit.
Hab keine Angst vor Tieren.

Das sind Emilians Regeln. Man müsse sie befolgen, sagt er, sonst könne man im niedersächsischen Wald nicht überleben. So redet Emilian, ein Arbeiter aus Rumänien, mit Fremden, die nichts wissen über diese Gegend in Niedersachsen, wo die Orte Vechta heißen, Ahlhorn, Cloppenburg oder Quakenbrück. Schau dir die harmlos wirkenden Dörfer an, sagt Emilian, die roten Klinkerhäuser, das herausgeputzte Fachwerk. Ich zeige dir die Straßen, sagt er, auf denen ich nachts mit dem Rad hin- und herfahre, immer nur hin und her, damit ich nicht friere. Bis morgens um halb fünf mache ich das so, sagt Emilian, dann muss ich in den Schlachthof: Puten die Brust aufschneiden, Fett herausholen. In dieser Gegend, wo die Orte Oldenburg heißen, Garrel, Essen, Visbek oder Badbergen, haben Männer wie Emilian einen Namen. Waldmenschen. Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere.

"Wir haben es hier mit einer Schattenwelt zu tun, bei der die meisten wegsehen. Eine Geisterarmee haben wir erschaffen." So spricht ein Geistlicher über Menschen wie Emilian. Und er predigt es immer wieder, Peter Kossen, der Prälat der Kleinstadt Vechta.

Der Prälat weiß, dass einige der Söldner im Wald leben, weil für sie keine Wohnung da ist. Männer wie Emilian erkenne man an blauen Plastikkörben, die im Wald neben den Schlafmulden liegen und die alle Söldner tragen müssen, wenn sie morgens in einen der Schlachtbetriebe ziehen, die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl.

Die Gegend zwischen Oldenburg in Niedersachsen und Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands größte Schlachtanlage. Hier werden jedes Jahr 3,5 Millionen Tonnen Schweine-, 900.000 Tonnen Geflügel- und 400.000 Tonnen Rindfleisch produziert. Schlachten, das bedeutet: Hals aufschneiden, aufhängen, Rektum aufbohren, enthäuten, aufschneiden, zerteilen, verpacken.

Wir wollen immer mehr Fleisch essen, und wir wollen es immer billiger haben. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen führt das zu einem System aus Hochtechnologie und Menschenhandel. Alle machen mit, Firmen wie: Wiesenhof, Tönnies. Die Gegend ist auch eine Brutstätte für multiresistente Keime (ZEIT Nr. 48/14), gegen die manchmal keine Antibiotika mehr wirken. Es ist ein System, das krank machen kann.

Wie die meisten Söldner der Geisterarmee wurde Emilian vom Subunternehmer eines Schlachthofs angeworben – in Rumänien. Er hatte beim rumänischen Militär gelernt, wie man in der Natur überlebt, und er musste für den Job in Deutschland ein paar Hundert Euro Vermittlungsgebühr bezahlen. Er wurde nach Niedersachsen gefahren. Untergebracht wurde er in einer Massenunterkunft, vier Männer in einem Zimmer, Stockbetten. Er arbeitete bei einem der größten deutschen Produzenten von Hähnchen- und Putenfleisch. Das Unternehmen sagt, es wisse nichts von den Waldmenschen. Aber Emilian hatte Ärger mit seinem Vorarbeiter. Weil der Subunternehmer oft auch Wohnraum an die Söldner vermietet, kann Ärger mit dem Vorarbeiter heißen: kein Schlafplatz im Warmen mehr, sondern eine Unterkunft im Wald. In der Nähe der Autobahn 1, zwischen Cloppenburg und Wildeshausen, hat sich Emilian ein Zuhause aus Decken und Plastiksäcken gebaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Nachmittags schläft Emilian, traumlos und tief, bis die Kälte der hereinbrechenden Nacht ihn weckt. Er schreibt düstere Gedichte und postet sie auf Facebook: "Du weißt, dass der Schnee sich drehen wird, er ist eine Blutschaufel zwischen zwei Paradiesen, sagt ein Wurm dem anderen, der in der Mitte liegt."

Aus seinen Kopfhörern tönt Joy Divison, dunkler, analytischer Post-Punk. In Rumänien hat er Elektromechanik studiert. Emilian ist 34, hat keine Frau, keine Kinder. Fragt man ihn nach seiner Zukunft, fällt ihm nichts ein.

Nicht weit entfernt von Emilians Schlafplatz, in einem Betrieb der Firma Wiesenhof, säbelt Joana den ganzen Tag Hähnchen. Das Geschenk der Liebe sind Handschuhe aus Eisen. 15 Euro. Teuer. Darian hat sie Joana geschenkt, damit sie sich ihre Hände, die er so mag, beim Schneiden nicht verletzt.

"Du musst kommen, hier ist ein Mädchen, das wird dir gefallen." Das sagten Freunde, die Darian eines Abends anriefen. Als Darian die Disco in Lohne betritt, weiß er sofort, wen seine Freunde meinten: Schmal ist sie, trägt schwarze Leggins und hat die Haare pink gefärbt. Sie heißt Joana. Sie tanzt, ihr Bruder legt auf, rumänischen Pop, und Darian schaut ihr die ganze Zeit zu.

Sie sieht, erzählt Joana, wie Darian sich nähert, jede Geste, jedes Zucken im Mundwinkel die Andeutung einer größeren Geste. Sie unterhalten sich, auf Rumänisch. Irgendwann sagt Darian: "Ich kann nur schlafen, wenn jemand mich in den Armen hält."

Auf dem Weg zu ihr, sagt Darian, nimmt er zum ersten Mal ihre Hand. "Wir müssen noch kurz bei mir vorbei, auf den Dienstplan schauen", sagt er. Da steht, dass er erst am nächsten Tag arbeiten muss. Hand in Hand gehen sie zu Joana. Erste Küsse, zarte Berührungen. Um Mitternacht klingelt Darians Telefon. Sein Vorarbeiter brüllt so laut ins Telefon, dass sogar Joana ihn hören kann. "Wo bist du? Du musst sofort zur Arbeit kommen!"

Darian steht in einer Schlachtanlage der Firma Steinemann an einem Band, das ihm tote Bullen vors Gesicht hängt, jede Minute einen weiteren. Darian schneidet ihm mit einem Küchenmesser die Brust auf und zieht ihm die Haut ab. Mit bloßen Händen. Die Einweghandschuhe, sagt er, seien sofort kaputtgegangen.

Wichtige Papiere wurden oft verbrannt

Aufstand der Arbeiter: Nicolae R. (vorne) fragt einen Subunternehmer, warum er und andere Werkvertragsarbeiter ausgebeutet werden.

Joana und Darian haben viele Narben, sie schneiden sich ständig, während sie tote Tiere zerlegen. Es ist wahrscheinlich, dass beide mit multiresistenten Keimen infiziert sind, die in der Tiermast so häufig zu finden sind, wegen des enormen Einsatzes von Antibiotika. Joana musste sich vor Kurzem eine Zyste aus der Gebärmutter entfernen lassen. Im Krankenhaus wurde sie gefragt, wo sie arbeite. Im Schlachthof, antwortete sie. Landwirte gelten in Kliniken als Risikogruppe und werden oft isoliert. Aber Joana wurde nicht in Quarantäne gebracht, wo man sie auf gefährliche Keime hätte untersuchen können.

Mittlerweile haben Joana und Darian eine kleine Wohnung gefunden und eine gigantische rote Couch hineingestellt, die den gesamten Raum beherrscht. Sie putzen die Wohnung jeden Tag. Im Bad hat jeder von ihnen Dutzende Flakons verschiedener Parfums aufgereiht, eine Armada der Düfte. Das Geld dafür kratzen sie irgendwie zusammen, sagen sie. Es ist, als wollten sie den Geruch der toten Tiere vertreiben.

Es gibt nichts als Gegend in Lohne, wo Joana und Darian leben, also gehen sie spazieren, wenn sie freihaben, besuchen Mutter und Schwester. Viele Mitglieder ihrer Familien sind da, auch sie stehen an den Schlachtbändern Niedersachsens.

Joana ist eine zähe, kämpferische Frau. Der Vorarbeiter werde manchmal zudringlich, sagt sie. Sie widersetze sich, aber das gelinge nicht allen Frauen. Joana glaubt, dass sie deswegen neuerdings auch die schweren Kisten mit den Hähnchenkeulen schleppen muss. Wiesenhof, mit diesen Vorwürfen konfrontiert, kündigt an, den Vorarbeiter bis zur Klärung der Vorfälle sofort über die Leiharbeitsfirma freizustellen.

Auch Joana weiß nicht, was werden soll. Zögerlich sagt sie: "Ich würde gern bei Aldi, Lidl oder Rewe arbeiten, an der Kasse, damit ich mehr mit Deutschen sprechen kann." Deutsch hat sie sich aus Büchern selbst beigebracht. Darian kann nur wenige Wörter auf Deutsch: "schneller, schneller!", "weiter, weiter!", "Gas!", "Polizei!".

Schneller. Weiter. Gas.

Zu Weihnachten sind Darian und Joana im vergangenen Jahr nach Paris gefahren. Er habe sie angerufen, sagt Joana.

"Willst du mit nach Paris? Ich lade dich ein."

"Warum?" – "Weil ich dich liebe."

"Was?" Da musste er es noch mal sagen: "Weil ich dich liebe."

Sie sind nur einen Tag lang geblieben. Ein Hotel konnten sie sich nicht leisten. Sie machten ein paar Fotos und posteten sie auf Facebook. Aber als Darian am Tag nach der Rückkehr im Schlachthof erschien, zog ihn sein Vorarbeiter von der Maschine weg und sagte ihm, dass er gekündigt sei. "Wir brauchen dich nicht mehr. Geh. Dein Onkel und dein Cousin auch." So schildert es Darian. Söldner der Geisterarmee dürfen nicht nach Paris fahren, sich nicht der Kontrolle der Vorarbeiter entziehen.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind.

Nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, in Essen, zeigt Darian eine Hauptstraße mit Läden, an denen Schilder mit den Worten "Medizinische Fußpflege", "Konditorei" oder "Immobilien" hängen. Die Schaufenster aber sind verhängt mit Pappe und Decken, weil es schon lange keine Läden mehr sind. Überall stehen solche Häuser, ehemalige Gaststätten und Hotels, Gartenhäuser und Ställe, manchmal mitten im Nirgendwo. In solchen Häusern hat Darian gewohnt. Mit fünf Männern in einem Zimmer, die Toilette mitten im Raum. Park rückwärts, sagt er, damit du schnell wieder wegkommst.

Darians erste Unterkunft lag mitten auf dem Schlachthofgelände der Firma Steinemann in Steinfeld. Darian wohnte in einem umgebauten Stall. Abends wurden die Rinder in den Stall nebenan getrieben, die am nächsten Morgen geschlachtet werden sollten. Seite an Seite übernachtete Darian neben ihnen, wie seine Kollegen. 200 Euro hat er für sein Bett im Monat bezahlt. Das Geld wurde ihm vom Lohn abgezogen. Sein Gehalt hat er jeden Monat bar auf die Hand bekommen. Wie viel es war, wusste er im Voraus nie, mal 500, mal 600 Euro. Wichtige Papiere wurden oft verbrannt.

Er wusste nicht, wann er anfangen musste zu arbeiten. Er musste immer auf die Liste in seinem Wohn-Stall schauen, wie in jener Nacht, als er Joana kennenlernte.

Fragt man Darian, wie viel er gearbeitet hat, schaut er so überrascht, als sei er zum ersten Mal danach gefragt worden. "Bis das Band nicht mehr läuft." Er wusste nur: Wenn er um Mitternacht beginnt, konnte es sein, dass er erst um 15.30 Uhr am nächsten Tag gehen durfte.

"Einmal kam der Kontrolleur von der Behörde", sagt Darian. In Deutschland sei alles geregelt. In Niedersachsen ist festgelegt, dass jeder Bewohner einer Unterkunft sechs Quadratmeter braucht und es nicht mehr als acht Bewohner pro Zimmer geben darf. Darian war einer zu viel in dem engen Zimmer. Darians Vorarbeiter sagte ihm vor einer Kontrolle durch das Amt, er müsse sein Bett wegschaffen. "Wo schlafe ich dann?", fragte Darian. Abgewechselt hat er sich mit einem Kollegen. Der eine schlief immer dann, wenn der andere arbeitete. Die Firma Steinemann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Hals aufschneiden, aufhängen, Rektum aufbohren, enthäuten, aufschneiden, zerlegen. Immer dieselben Handgriffe, Tag für Tag. Die Söldner der Geisterarmee erwachen erschöpft, unmöglich zu denken, unmöglich zu träumen, unmöglich, etwas anderes zu tun, als im Halbschlaf den Gewohnheiten zu gehorchen.

Das System funktioniert nur wegen einer Gesetzeslücke. Diese Lücke heißt Werkvertrag. Um den deutschen Arbeitsmarkt zu schützen, hat die Bundesregierung bei der Osterweiterung der Europäischen Union eine Klausel durchgesetzt: EU-Neubürger müssen bis zu sieben Jahre auf eine freie Arbeitsplatzwahl in den Mitgliedstaaten der EU verzichten. So, hoffte man, würde Deutschland nicht von Billigarbeitern überrannt werden.

Irgendwer hat das Kleingedruckte übersehen: Die Dienstleistungsfreiheit galt trotzdem für die neuen Beitrittsländer. Betriebe aus den neuen Mitgliedstaaten der EU durften deshalb deutschen Unternehmen ihre Dienstleistungen anbieten – und zwar zu den Arbeitsbedingungen ihrer Länder. So arbeiten rumänische Arbeiter in Deutschland zu rumänischen Bedingungen. Und kein Staatsanwalt kann etwas dagegen tun.

Binnen weniger Monate wurden Briefkastenfirmen in Polen, Ungarn und Rumänien gegründet, allein zu dem Zweck, Arbeiter für die großen Schlachthöfe in Deutschland anzuwerben. Eigentlich dürfen Arbeiter nicht zum Zwecke der Entsendung angeworben werden. Eigentlich ist die Entsendung gesetzlich auf zwei Jahre befristet. Der ZEIT liegen jedoch zahlreiche Dokumente von Arbeitern vor, die beweisen, dass viele, die offiziell entsendet sind, schon länger am Schlachtband stehen.

Die Schlachthöfe gliedern ganze Produktionsschritte an die Subunternehmer aus. "Dadurch ist ein Milliardenmarkt mit mafiösen Strukturen, Lohndumping und moderner Sklaverei entstanden", sagt Matthias Brümmer, der Oldenburger Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

"Wir leben hier im Fettfleck, das kann man wirklich sagen", sagt Brümmer. "Hier gibt’s mehr Viecher als Menschen in der Dichte. Und auch mehr Scheiße. Das färbt wahrscheinlich im Kopf ab." Brümmer sagt, es gebe mittlerweile mindestens 40.000 Werkvertragsarbeiter in der deutschen Fleischindustrie. Die Zahl steige immer weiter. Das Schlachten und Zerlegen besorgten die Werkvertragsarbeiter bereits zu 80 Prozent. Neuerdings wird auch das Weiterverarbeiten und das Verpacken von Fleisch ausgegliedert. Die Preiskalkulation ist so eng, die Gewinnspannen sind so niedrig, dass das System nur noch mit einer Geisterarmee von billigen Söldnern funktionieren kann.

Die ZEIT hat mit 150 Arbeitern gesprochen, einzeln und in kleinen Gruppen. Ihre Namen sind verändert oder abgekürzt, weil die Arbeiter Angst haben, vor wütenden Subunternehmern und Vorarbeitern. Kaum ein Arbeiter bekommt mehr als 1000 Euro im Monat ausgezahlt. Die meisten verdienen um die 800 bis 900 Euro netto im Monat, häufig bei mehr als zwölf Stunden Arbeit am Tag an sechs Tagen in der Woche. Einige bekommen nur Abrisszettel oder überhaupt keine Gehaltsabrechnung. Von ihrem Gehalt müssen die Arbeiter ihr Bett bezahlen: 200 bis 290 Euro pro Monat. Oft müssen sie sich die Messer, Schuhe und Schürzen, die sie zum Schlachten brauchen, selbst kaufen. Regeln gibt es keine, auch nicht bei der Gesundheit: Manche Arbeiter sind in Deutschland krankenversichert, andere nicht.

Menschenhandel mit Billigarbeitern, gedeckt durch EU-Recht

Es gibt nur ein Prinzip: immer billiger. Und nur eine Himmelsrichtung: Osten. Polen ist schon fast leer gefegt, die Leute sind zerschlissen. Dann kamen die Ungarn. Dann die Rumänen. Jetzt die Bulgaren. Mittlerweile suchen Anwerber in der Ukraine nach Söldnern.

In den Schlachthöfen hat sich eine soziale Hierarchie gebildet. Oben stehen die Polen und Ungarn. Sie sind häufig selbst Anwerber, Subunternehmer oder Vorarbeiter, die die eigenen Verwandten bevorzugen. Dann kommen die Rumänen. Auch unter ihnen gibt es Vorarbeiter, die ihre Landsleute schikanieren. Dann die Bulgaren. Sie werden noch schlechter behandelt. Am härtesten hat es die Sinti und Roma getroffen. Die anderen Arbeiter sagen über sie, sie ließen alles mit sich machen, könnten nicht lesen, nicht schreiben, schufteten für drei Euro in der Stunde.

Man erkennt die Hierarchie am Schlachtplatz der Puten. Puten zu mästen und zu schlachten gilt in der Branche als das Widerlichste. Puten fressen ihren eigenen Kot. Kein Arbeiter der Schlachtindustrie isst Putenfleisch. Puten werden derzeit fast nur noch von Bulgaren geschlachtet. Viele arbeiten für die Schlachterei Geestland – das Unternehmen verkauft sein Fleisch auch unter der Marke Wiesenhof – und leben in Wildeshausen in der Hermann-Ehlers-Straße in einer Art Ghetto. Mehrere Arbeiter schildern regelmäßige Rundgänge von Männern, die kontrollieren, ob die Wohnungen aufgeräumt und die Heizungen nicht zu hoch eingestellt sind. Ist das doch der Fall, müssten alle eine Strafe bezahlen. Die Arbeiter nennen diese Männer Kapos.

Die deutschen Fleischer, die gesetzlich geschützt werden sollten, sind jetzt arbeitslos. Junge Facharbeiter kommen nicht mehr nach. Das Handwerk stirbt aus.

Das Geflecht zwischen Schlachthofbetreibern und Subunternehmern ist viel enger, als beide Seiten zugeben. Detlef Kolde, Kriminalhauptkommissar in Cloppenburg und stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender, erklärt, wie Subunternehmer die Schichtleiter des Schweineschlachthofs Danish Crown in Essen/Oldenburg schmieren. Danish Crown ist europäischer Marktführer. Ein Sprecher des Unternehmens sagt, Schmiergeldzahlungen seien in deutschen Schlachthöfen doch üblich und hätten eine lange Tradition. Seit Mai 2013 hat Danish Crown vier Schichtleitern gekündigt, weil sie sich von Subunternehmen hatten kaufen lassen. Die Schlachtbetriebe gehen mitunter gegen die kriminellen Machenschaften vor – aber sie tasten nicht das System an.

Die beim Schlachthof angestellten Schichtleiter – das hat die Kripo Cloppenburg ermittelt – nehmen von den Arbeitern 50 bis 1.000 Euro Strafe, sobald sie den Schinken nicht regelgerecht schneiden. Oder unerlaubt durchs Kühlhaus laufen. Diese Strafe dürfen sie eigentlich nicht verhängen, weil die Dienstleistung komplett ausgelagert wurde. Wenn der Schichtleiter nicht zufrieden ist, muss er mit dem Subunternehmer reden. Er darf sich allein deshalb nicht selbst am Arbeiter bereichern, weil dieser Arbeiter gar nicht sein Arbeiter ist, sondern der eines anderen Unternehmers. Ein Sprecher von Danish Crown sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass sich Schichtleiter persönlich und willkürlich an den Arbeitern bereicherten.

Manchmal gründet ein Schlachtbetrieb oder eine weiterverarbeitende Firma über einen Strohmann selbst ein Subunternehmen. Das hat Vorteile für den Betrieb. Er kann mit der Steuer tricksen und wird die lästigen Gewerkschaften los. Wenn ein Schlachthof selbst ein Subunternehmen gründet oder in die Arbeit der Werkvertragstätigen eingreift, ist das kein Werkvertrag mehr, sondern illegale Arbeitnehmerüberlassung.

Längst gründen auch deutsche Subunternehmer Firmen in Osteuropa, die als reine Anwerbebüros dienen – Menschenhandel mit Billigarbeitern, gedeckt durch EU-Recht.

Insider vermuten, dass einige Subunternehmer Frauen, die sie als Huren anbieten wollen, aussortieren. Die weniger attraktiven Arbeiterinnen müssen ans Schlachtband. Unter den deutschen Subunternehmern gibt es aktenkundige Kontakte ins Rockermilieu.

Viele Subunternehmer betreiben mehrere Firmen zugleich und lösen sie nach ein paar Monaten auf, bevor ihnen die Steuerfahndung auf die Spur kommt. Insider schätzen, dass nur etwa fünf Prozent der Betrügereien aufgeklärt werden. Und wenn es doch einmal passiert, geht es gleich um Millionen – so wie im Schleuserprozess D&S Fleisch. Hier belief sich allein der Betrug an den Sozialversicherungen auf vier Millionen Euro – das beweist das Urteil von 2004 vor dem Landgericht Oldenburg, das der ZEIT vorliegt. In der Anklageschrift heißt es: "Beide Angeklagten handelten, um sich eine auf Dauer angelegte, nicht unerhebliche Einnahmequelle zu verschaffen."

Das System hat sich nicht verändert, seit Bulgaren und Rumänen im Zuge der EU-weiten Freizügigkeit uneingeschränkt in Deutschland arbeiten können. Zu gut eingespielt ist das System des Anwerbens und Unterbringens, von Steuer- und Sozialversicherungsbetrug. Ein osteuropäischer Arbeiter allein findet weder einen Job noch eine Unterkunft. Arbeiter ohne Rechte, Frauen, die sexuell belästigt werden. Das ist die Rückkehr des Manchester-Kapitalismus, weitgehend unbemerkt und mitten in Niedersachsen.

"Die geht zu oft aufs Klo. Die muss weg."

"Der hat gestern Nacht gesoffen. Der muss auch weg."

So sprach T. über Söldner zu den Vorarbeitern der Subunternehmen seines ehemaligen Betriebes.

T. ist hundert Kilometer weit in einen entlegenen Gasthof gefahren, wo ihn niemand erkennt. Ein blonder, großer Mann mit kräftigem Händedruck. Gelernter Fleischer. Er war bis vor wenigen Jahren Führungskraft bei Schwarz Cranz. Die Wurstfabrik hat einen edlen Internetauftritt. Die Chefin, Kristin Schwarz, war 2013 Hamburger Unternehmerin des Jahres. Ihre Firma nimmt unter anderem Fleisch von Tönnies ab und beliefert zum Beispiel Aldi und Lidl mit ihren Produkten.

T. ist einer von denen, die das System der Subunternehmer in der Firma mit aufgebaut haben. Dass das System auf Ausbeutung beruht, hat T. schnell gemerkt. "Uns war das scheißegal. Hauptsache, es funktioniert", sagt T. Er nennt die Menschen an den Bändern "Zwangsarbeiter" und die Subunternehmer "Menschenhändler" oder "Sklaventreiber". Mit den Subunternehmern hat T. eng zusammengearbeitet. Seine Wünsche, wer ausgewechselt werden soll, hat T. den Vorarbeitern einfach durchtelefoniert. Vor der Tür standen ja die Nächsten.

Die Arbeitszeit der Arbeiter sei selten eingehalten worden, und die Pausen habe man verkürzt, "man hat die Leute hochgetrieben", sagt T. Von einer halben Stunde seien oft nur wenige Minuten geblieben.

Die Fabrik, sagt T., gleiche einem Hochsicherheitstrakt. Jeder Arbeiter, der ihn betrete, brauche einen Chip. "Aber die Arbeitszeiten werden natürlich hinterher im System verändert", sagt T.

Einmal hätten zwei Arbeiterinnen T. gefragt, ob sie sich Wasser aus den Hähnen abfüllen dürften. T. ahnte, dass auch sie Waldmenschen waren. Gefragt hat er sie nicht danach.

Schwarz Cranz sagt, die Vorwürfe stimmten nicht, die Kontrolle über die Arbeitszeit liege in der Hand der Werkvertragsdienstleister.

Einige Arbeiter erheben neuerdings ihre Stimme

Ehemalige führende Angestellte der Firma Schwarz Cranz sagen, die Stammbelegschaft sei planmäßig ausgetauscht worden. Dafür seien Mitarbeiter versetzt, abgemahnt und degradiert worden. Gründe für solche Maßnahmen würden sich finden, habe man ihnen gesagt. Zum Beispiel wenn der Mundschutz verrutscht oder wenn einer durch die falsche Tür geht. Einer von denen, die ausgetauscht wurden, ein gestandener Fleischermeister, weint während des Gesprächs, als er sich an die Demütigungen erinnert.

Einige der führenden Angestellten sind darüber selbst gegangen. T. sagt, er habe vielen Mitarbeitern kündigen müssen, bei Gewissensbissen habe er mehr Geld bekommen. Innerhalb eines Jahres habe er sein Gehalt verdoppelt. Dann ein Firmenhandy. Dann ein Dienstwagen, "Größe egal, tanken frei".

Heute ist T. froh, dass er raus ist.

Schwarz Cranz weist auch alle diese Vorwürfe zurück. Man habe im Gegenteil – nach schlechten Erfahrungen und negativer Berichterstattung – Vertragsverhältnisse mit früheren Werkvertragsunternehmen beendet und den Anteil der Festangestellten erhöht.

Wo sind eigentlich die Deutschen in diesem System?

Hausfrauen in Essen/Oldenburg, Hauptsitz von Danisch Crown, fangen Werkvertragsarbeiterinnen ab und bieten ihnen an, Kindergeldanträge für sie auszufüllen. Kostet 150 Euro. Manche der Hausfrauen kommen auch mit zum Arzt. Für einen Fünfziger. Hier soll jeder etwas davon haben, dass es die Geisterarmee gibt.

Der Raumausstatter Helmut Ebbrecht vermietet in Quakenbrück Wohnungen in zwei ehemaligen Kasernen, die seit 1933 nicht saniert wurden. 350 Euro im Monat nimmt er pro Wohnung. Weil die Fenster nicht dicht sind, stellen die Bewohner Heizkörper auf und haben Stromrechnungen von bis zu 140 Euro. Es stinkt. An den Wänden stockt der Schimmel. "Die Leute müssten halt lüften", sagt Ebbrecht, "aber die haben natürlich andere Sauberkeitsstandards als wir."

Imposante Villen mit ausladenden Veranden sind in dieser Gegend entstanden. Sklavenhaltervillen. Hier wohnen die Subunternehmer. Der Gewerkschaftsmann spricht vom Rückfall in die Barbarei.

Wo hat sich eigentlich die Politik versteckt? Das niedersächsische Wirtschaftsministerium hat das Thema vor 14 Monaten als Problem erkannt und Daniela Reim und Maryia Krumova als Beraterinnen für die Nöte der rumänischen und bulgarischen Beschäftigten eingestellt. Das Aufgabengebiet der beiden Akademikerinnen ist so unklar wie riesig, und deswegen sind die gebürtige Bulgarin und die gebürtige Rumänin zunächst einmal Expertinnen für das deutsche Behördenwesen geworden.

Die beiden fahren den ganzen Tag mit einem Bulli durchs Land. Stehen vor Schlachthöfen. Auf den Parkplätzen von Netto und Lidl. Man hört vor allem das Klingeln ihrer Handys. Dauernd werden sie angerufen, dauernd geht es um existenzielle Probleme. Eine Frau, die sich nicht traut, ihrem Vorarbeiter zu sagen, dass sie schwanger ist. Sie glaubt, dass sie sonst sofort aussortiert wird. Ein Mann, dem schon der Finger abfault, den der Vorarbeiter aber nicht zum Arzt lässt – weil der Kranke keine Krankenversicherung hat.

Gibt es in dieser Geschichte auch Menschen, die das nicht hinnehmen, sich auflehnen, Hoffnung verbreiten? Die beiden Beraterinnen Reim und Krumova sind solche Menschen. Auch Paul Sandmann, Leiter eines Lohner Jugendclubs, der Joana und Darian eine Wohnung und neue Jobs besorgt hat, ist einer, der sich wehrt. Evelyn Hertel, eigentlich Deutschlehrerin für Ausländer, organisiert weit über ihr Aufgabengebiet hinaus in Essen/Oldenburg mühsam die Integration der Arbeiter – gegen die Sorge der Deutschen, ihnen könnte dadurch etwas weggenommen werden.

Aber auch einige Arbeiter erheben neuerdings ihre Stimme. Noch ist das eine ungewöhnliche Szene: Vor einem Stall in Garthe stehen in der Herbstsonne zwölf Arbeiter. Ungewöhnlich ist nicht nur, dass sie an einem Nachmittag nicht in der Fabrik sind, sondern auch, dass sie sich getraut haben, sich zu versammeln. Zwölf fahle Gestalten in Trainingsjacken. Zaghaft bilden sie einen Kreis. In der Mitte steht angriffslustig: Nicolae R.

"Warum wurde so vielen von uns in den letzten Monaten gekündigt?", fragt er.

"Warum war Adrian dabei, der seit fünfeinhalb Jahren hier arbeitet, immer nur nachts?" Nicolae R. ist Mitte 40, von seinem Gehalt müssen auch seine Frau und die beiden Kinder in Rumänien leben. Daniela Reim übersetzt seine Fragen an den Subunternehmer Ulrich Schürmann, der ein paar Meter weiter neben seinem Rechtsanwalt steht.

Nach und nach heben alle Arbeiter an zu sprechen. Das ist der Chor der Geisterarmee:

Warum bekommen wir nie Geld, wenn wir nachts arbeiten?

Warum bekommen wir nicht all unsere Stunden bezahlt?

Warum haben wir einen Chip, wenn er unsere Stunden nicht erfasst?

Warum haben im letzten Monat 30 Stunden auf einer Abrechnung gefehlt?

Warum dürfen wir nicht nach zweieinhalb, sondern erst nach fünf Stunden Pause machen?

Warum dauert die Pause nicht eine halbe Stunde, sondern wenige Minuten?

Warum müssen wir 240 Euro im Monat für diese Unterkunft zahlen?

Warum schlafen wir zu viert in einem Zimmer?

Der Subunternehmer sagt: gar nichts. Wie viele Werkvertragsangestellte er hat? Weiß er nicht. Wie viele Firmen? Weiß er nicht. Wie seine Firmen heißen? Weiß er nicht.

Wortreich erklärt sein Anwalt, es habe sich eben um betriebsbedingte Kündigungen gehandelt, nichts zu machen. Schürmann bestreitet, dass die protestierenden Arbeiter Geflügel für Heidemark zerlegen, aber der ZEIT liegen Unterlagen vor, die genau dies bestätigen. Heidemark sagt, man habe keine Kenntnis von den Vorgängen.

Subunternehmer und Arbeiter betreten jetzt den umgebauten Stall, in dem Nicolae R. wohnt. Schürmanns Firma hat den Stall gemietet. Als Erstes betritt man einen riesigen Raum. "Vor zwei Tagen war der noch leer", sagt Nicolae R. "Erst als wir unseren Protest angekündigt haben, haben sie uns eine alte Couch und einen Tisch hineingestellt. Und ein Van-Gogh-Poster an die Wand gehängt", sagt er und deutet auf ein winziges Bild.

Weiter hinten sind die Schlafzimmer, vollgestopft mit Decken und Klamotten. Ausrangierte Bundeswehrbetten. Aus Metall. Fleckige, durchgelegene Schaumstoffmatratzen. Drei Betten stehen da, "ein Bett pro Zimmer wurde in der Eile entfernt", sagt Nicolae R.

Herr Schürmann, wie geht es Ihnen, wenn Sie das sehen?

"Das ist hier standardmäßig ausgestattet", sagt Schürmann. "Als ich meine Fleischerlehre gemacht habe, habe ich mir auch eine Matratze auf den Boden gelegt." Dass er damals nicht wie Nicolae R. Mitte 40 war und auch kein Familienvater, kommt ihm nicht in den Sinn.

"Ich bin Christ", sagt Schürmann, fügt dann aber hinzu: "aber kein gläubiger."

Nach der Begehung beginnt Schürmann, sich zu rechtfertigen. Immerhin bekämen seine Arbeiter den Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde, der erst von Januar an in der Fleischindustrie auch für Werkvertragsarbeiter verpflichtend wird.

Womöglich hat Schürmann schon eine neue Methode gefunden, den Mindestlohn zu umgehen. Dass Arbeiter für ihre Kleidung, ihr Arbeitsgerät und die Reinigung zahlen müssen, ist längst normal. Schürmann aber lässt den Arbeitern mit der Gehaltsabrechnung einen Beipackzettel aushändigen, der sie auffordert, einen bestimmten Betrag – mal 240 Euro, mal 290 Euro – an ein anderes von Schürmanns Unternehmen, die UM Service GmbH, zu überweisen. Schürmanns Anwalt sagt, bei den Überweisungen handele es sich um die Miete und die Kosten für den Transport zur Arbeit. Aber die Arbeiter wissen nicht, wofür sie das Geld überweisen. Auf den Zetteln, die der ZEIT vorliegen, steht keine Begründung.

Am Ende bekommt die Szene fast etwas Surreales. Der Subunternehmer, sein Anwalt und der Arbeiter stehen hilflos nebeneinander. Sollen sie sich jetzt einfach verabschieden, so als sei nichts geschehen? Betreten wirken sie, peinlich berührt. Nicolae R. setzt ein paarmal an zu sprechen, aber er bringt kein Wort heraus. Schließlich hebt er seinen Blick, wagt es, Schürmann in die Augen zu schauen, und stellt ihm noch eine Frage: "Bitte lassen Sie mich arbeiten. Bitte sagen Sie mir: Was habe ich falsch gemacht?" Regungslos steht Schürmann da und schweigt.

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