Aufstand der Arbeiter: Nicolae R. (vorne) fragt einen Subunternehmer, warum er und andere Werkvertragsarbeiter ausgebeutet werden.

Joana und Darian haben viele Narben, sie schneiden sich ständig, während sie tote Tiere zerlegen. Es ist wahrscheinlich, dass beide mit multiresistenten Keimen infiziert sind, die in der Tiermast so häufig zu finden sind, wegen des enormen Einsatzes von Antibiotika. Joana musste sich vor Kurzem eine Zyste aus der Gebärmutter entfernen lassen. Im Krankenhaus wurde sie gefragt, wo sie arbeite. Im Schlachthof, antwortete sie. Landwirte gelten in Kliniken als Risikogruppe und werden oft isoliert. Aber Joana wurde nicht in Quarantäne gebracht, wo man sie auf gefährliche Keime hätte untersuchen können.

Mittlerweile haben Joana und Darian eine kleine Wohnung gefunden und eine gigantische rote Couch hineingestellt, die den gesamten Raum beherrscht. Sie putzen die Wohnung jeden Tag. Im Bad hat jeder von ihnen Dutzende Flakons verschiedener Parfums aufgereiht, eine Armada der Düfte. Das Geld dafür kratzen sie irgendwie zusammen, sagen sie. Es ist, als wollten sie den Geruch der toten Tiere vertreiben.

Es gibt nichts als Gegend in Lohne, wo Joana und Darian leben, also gehen sie spazieren, wenn sie freihaben, besuchen Mutter und Schwester. Viele Mitglieder ihrer Familien sind da, auch sie stehen an den Schlachtbändern Niedersachsens.

Joana ist eine zähe, kämpferische Frau. Der Vorarbeiter werde manchmal zudringlich, sagt sie. Sie widersetze sich, aber das gelinge nicht allen Frauen. Joana glaubt, dass sie deswegen neuerdings auch die schweren Kisten mit den Hähnchenkeulen schleppen muss. Wiesenhof, mit diesen Vorwürfen konfrontiert, kündigt an, den Vorarbeiter bis zur Klärung der Vorfälle sofort über die Leiharbeitsfirma freizustellen.

Auch Joana weiß nicht, was werden soll. Zögerlich sagt sie: "Ich würde gern bei Aldi, Lidl oder Rewe arbeiten, an der Kasse, damit ich mehr mit Deutschen sprechen kann." Deutsch hat sie sich aus Büchern selbst beigebracht. Darian kann nur wenige Wörter auf Deutsch: "schneller, schneller!", "weiter, weiter!", "Gas!", "Polizei!".

Schneller. Weiter. Gas.

Zu Weihnachten sind Darian und Joana im vergangenen Jahr nach Paris gefahren. Er habe sie angerufen, sagt Joana.

"Willst du mit nach Paris? Ich lade dich ein."

"Warum?" – "Weil ich dich liebe."

"Was?" Da musste er es noch mal sagen: "Weil ich dich liebe."

Sie sind nur einen Tag lang geblieben. Ein Hotel konnten sie sich nicht leisten. Sie machten ein paar Fotos und posteten sie auf Facebook. Aber als Darian am Tag nach der Rückkehr im Schlachthof erschien, zog ihn sein Vorarbeiter von der Maschine weg und sagte ihm, dass er gekündigt sei. "Wir brauchen dich nicht mehr. Geh. Dein Onkel und dein Cousin auch." So schildert es Darian. Söldner der Geisterarmee dürfen nicht nach Paris fahren, sich nicht der Kontrolle der Vorarbeiter entziehen.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, in Essen, zeigt Darian eine Hauptstraße mit Läden, an denen Schilder mit den Worten "Medizinische Fußpflege", "Konditorei" oder "Immobilien" hängen. Die Schaufenster aber sind verhängt mit Pappe und Decken, weil es schon lange keine Läden mehr sind. Überall stehen solche Häuser, ehemalige Gaststätten und Hotels, Gartenhäuser und Ställe, manchmal mitten im Nirgendwo. In solchen Häusern hat Darian gewohnt. Mit fünf Männern in einem Zimmer, die Toilette mitten im Raum. Park rückwärts, sagt er, damit du schnell wieder wegkommst.

Darians erste Unterkunft lag mitten auf dem Schlachthofgelände der Firma Steinemann in Steinfeld. Darian wohnte in einem umgebauten Stall. Abends wurden die Rinder in den Stall nebenan getrieben, die am nächsten Morgen geschlachtet werden sollten. Seite an Seite übernachtete Darian neben ihnen, wie seine Kollegen. 200 Euro hat er für sein Bett im Monat bezahlt. Das Geld wurde ihm vom Lohn abgezogen. Sein Gehalt hat er jeden Monat bar auf die Hand bekommen. Wie viel es war, wusste er im Voraus nie, mal 500, mal 600 Euro. Wichtige Papiere wurden oft verbrannt.

Er wusste nicht, wann er anfangen musste zu arbeiten. Er musste immer auf die Liste in seinem Wohn-Stall schauen, wie in jener Nacht, als er Joana kennenlernte.

Fragt man Darian, wie viel er gearbeitet hat, schaut er so überrascht, als sei er zum ersten Mal danach gefragt worden. "Bis das Band nicht mehr läuft." Er wusste nur: Wenn er um Mitternacht beginnt, konnte es sein, dass er erst um 15.30 Uhr am nächsten Tag gehen durfte.

"Einmal kam der Kontrolleur von der Behörde", sagt Darian. In Deutschland sei alles geregelt. In Niedersachsen ist festgelegt, dass jeder Bewohner einer Unterkunft sechs Quadratmeter braucht und es nicht mehr als acht Bewohner pro Zimmer geben darf. Darian war einer zu viel in dem engen Zimmer. Darians Vorarbeiter sagte ihm vor einer Kontrolle durch das Amt, er müsse sein Bett wegschaffen. "Wo schlafe ich dann?", fragte Darian. Abgewechselt hat er sich mit einem Kollegen. Der eine schlief immer dann, wenn der andere arbeitete. Die Firma Steinemann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Hals aufschneiden, aufhängen, Rektum aufbohren, enthäuten, aufschneiden, zerlegen. Immer dieselben Handgriffe, Tag für Tag. Die Söldner der Geisterarmee erwachen erschöpft, unmöglich zu denken, unmöglich zu träumen, unmöglich, etwas anderes zu tun, als im Halbschlaf den Gewohnheiten zu gehorchen.

Das System funktioniert nur wegen einer Gesetzeslücke. Diese Lücke heißt Werkvertrag. Um den deutschen Arbeitsmarkt zu schützen, hat die Bundesregierung bei der Osterweiterung der Europäischen Union eine Klausel durchgesetzt: EU-Neubürger müssen bis zu sieben Jahre auf eine freie Arbeitsplatzwahl in den Mitgliedstaaten der EU verzichten. So, hoffte man, würde Deutschland nicht von Billigarbeitern überrannt werden.

Irgendwer hat das Kleingedruckte übersehen: Die Dienstleistungsfreiheit galt trotzdem für die neuen Beitrittsländer. Betriebe aus den neuen Mitgliedstaaten der EU durften deshalb deutschen Unternehmen ihre Dienstleistungen anbieten – und zwar zu den Arbeitsbedingungen ihrer Länder. So arbeiten rumänische Arbeiter in Deutschland zu rumänischen Bedingungen. Und kein Staatsanwalt kann etwas dagegen tun.

Binnen weniger Monate wurden Briefkastenfirmen in Polen, Ungarn und Rumänien gegründet, allein zu dem Zweck, Arbeiter für die großen Schlachthöfe in Deutschland anzuwerben. Eigentlich dürfen Arbeiter nicht zum Zwecke der Entsendung angeworben werden. Eigentlich ist die Entsendung gesetzlich auf zwei Jahre befristet. Der ZEIT liegen jedoch zahlreiche Dokumente von Arbeitern vor, die beweisen, dass viele, die offiziell entsendet sind, schon länger am Schlachtband stehen.

Die Schlachthöfe gliedern ganze Produktionsschritte an die Subunternehmer aus. "Dadurch ist ein Milliardenmarkt mit mafiösen Strukturen, Lohndumping und moderner Sklaverei entstanden", sagt Matthias Brümmer, der Oldenburger Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

"Wir leben hier im Fettfleck, das kann man wirklich sagen", sagt Brümmer. "Hier gibt’s mehr Viecher als Menschen in der Dichte. Und auch mehr Scheiße. Das färbt wahrscheinlich im Kopf ab." Brümmer sagt, es gebe mittlerweile mindestens 40.000 Werkvertragsarbeiter in der deutschen Fleischindustrie. Die Zahl steige immer weiter. Das Schlachten und Zerlegen besorgten die Werkvertragsarbeiter bereits zu 80 Prozent. Neuerdings wird auch das Weiterverarbeiten und das Verpacken von Fleisch ausgegliedert. Die Preiskalkulation ist so eng, die Gewinnspannen sind so niedrig, dass das System nur noch mit einer Geisterarmee von billigen Söldnern funktionieren kann.

Die ZEIT hat mit 150 Arbeitern gesprochen, einzeln und in kleinen Gruppen. Ihre Namen sind verändert oder abgekürzt, weil die Arbeiter Angst haben, vor wütenden Subunternehmern und Vorarbeitern. Kaum ein Arbeiter bekommt mehr als 1000 Euro im Monat ausgezahlt. Die meisten verdienen um die 800 bis 900 Euro netto im Monat, häufig bei mehr als zwölf Stunden Arbeit am Tag an sechs Tagen in der Woche. Einige bekommen nur Abrisszettel oder überhaupt keine Gehaltsabrechnung. Von ihrem Gehalt müssen die Arbeiter ihr Bett bezahlen: 200 bis 290 Euro pro Monat. Oft müssen sie sich die Messer, Schuhe und Schürzen, die sie zum Schlachten brauchen, selbst kaufen. Regeln gibt es keine, auch nicht bei der Gesundheit: Manche Arbeiter sind in Deutschland krankenversichert, andere nicht.