Ehemalige führende Angestellte der Firma Schwarz Cranz sagen, die Stammbelegschaft sei planmäßig ausgetauscht worden. Dafür seien Mitarbeiter versetzt, abgemahnt und degradiert worden. Gründe für solche Maßnahmen würden sich finden, habe man ihnen gesagt. Zum Beispiel wenn der Mundschutz verrutscht oder wenn einer durch die falsche Tür geht. Einer von denen, die ausgetauscht wurden, ein gestandener Fleischermeister, weint während des Gesprächs, als er sich an die Demütigungen erinnert.

Einige der führenden Angestellten sind darüber selbst gegangen. T. sagt, er habe vielen Mitarbeitern kündigen müssen, bei Gewissensbissen habe er mehr Geld bekommen. Innerhalb eines Jahres habe er sein Gehalt verdoppelt. Dann ein Firmenhandy. Dann ein Dienstwagen, "Größe egal, tanken frei".

Heute ist T. froh, dass er raus ist.

Schwarz Cranz weist auch alle diese Vorwürfe zurück. Man habe im Gegenteil – nach schlechten Erfahrungen und negativer Berichterstattung – Vertragsverhältnisse mit früheren Werkvertragsunternehmen beendet und den Anteil der Festangestellten erhöht.

Wo sind eigentlich die Deutschen in diesem System?

Hausfrauen in Essen/Oldenburg, Hauptsitz von Danisch Crown, fangen Werkvertragsarbeiterinnen ab und bieten ihnen an, Kindergeldanträge für sie auszufüllen. Kostet 150 Euro. Manche der Hausfrauen kommen auch mit zum Arzt. Für einen Fünfziger. Hier soll jeder etwas davon haben, dass es die Geisterarmee gibt.

Der Raumausstatter Helmut Ebbrecht vermietet in Quakenbrück Wohnungen in zwei ehemaligen Kasernen, die seit 1933 nicht saniert wurden. 350 Euro im Monat nimmt er pro Wohnung. Weil die Fenster nicht dicht sind, stellen die Bewohner Heizkörper auf und haben Stromrechnungen von bis zu 140 Euro. Es stinkt. An den Wänden stockt der Schimmel. "Die Leute müssten halt lüften", sagt Ebbrecht, "aber die haben natürlich andere Sauberkeitsstandards als wir."

Imposante Villen mit ausladenden Veranden sind in dieser Gegend entstanden. Sklavenhaltervillen. Hier wohnen die Subunternehmer. Der Gewerkschaftsmann spricht vom Rückfall in die Barbarei.

Wo hat sich eigentlich die Politik versteckt? Das niedersächsische Wirtschaftsministerium hat das Thema vor 14 Monaten als Problem erkannt und Daniela Reim und Maryia Krumova als Beraterinnen für die Nöte der rumänischen und bulgarischen Beschäftigten eingestellt. Das Aufgabengebiet der beiden Akademikerinnen ist so unklar wie riesig, und deswegen sind die gebürtige Bulgarin und die gebürtige Rumänin zunächst einmal Expertinnen für das deutsche Behördenwesen geworden.

Die beiden fahren den ganzen Tag mit einem Bulli durchs Land. Stehen vor Schlachthöfen. Auf den Parkplätzen von Netto und Lidl. Man hört vor allem das Klingeln ihrer Handys. Dauernd werden sie angerufen, dauernd geht es um existenzielle Probleme. Eine Frau, die sich nicht traut, ihrem Vorarbeiter zu sagen, dass sie schwanger ist. Sie glaubt, dass sie sonst sofort aussortiert wird. Ein Mann, dem schon der Finger abfault, den der Vorarbeiter aber nicht zum Arzt lässt – weil der Kranke keine Krankenversicherung hat.

Gibt es in dieser Geschichte auch Menschen, die das nicht hinnehmen, sich auflehnen, Hoffnung verbreiten? Die beiden Beraterinnen Reim und Krumova sind solche Menschen. Auch Paul Sandmann, Leiter eines Lohner Jugendclubs, der Joana und Darian eine Wohnung und neue Jobs besorgt hat, ist einer, der sich wehrt. Evelyn Hertel, eigentlich Deutschlehrerin für Ausländer, organisiert weit über ihr Aufgabengebiet hinaus in Essen/Oldenburg mühsam die Integration der Arbeiter – gegen die Sorge der Deutschen, ihnen könnte dadurch etwas weggenommen werden.

Aber auch einige Arbeiter erheben neuerdings ihre Stimme. Noch ist das eine ungewöhnliche Szene: Vor einem Stall in Garthe stehen in der Herbstsonne zwölf Arbeiter. Ungewöhnlich ist nicht nur, dass sie an einem Nachmittag nicht in der Fabrik sind, sondern auch, dass sie sich getraut haben, sich zu versammeln. Zwölf fahle Gestalten in Trainingsjacken. Zaghaft bilden sie einen Kreis. In der Mitte steht angriffslustig: Nicolae R.

"Warum wurde so vielen von uns in den letzten Monaten gekündigt?", fragt er.

"Warum war Adrian dabei, der seit fünfeinhalb Jahren hier arbeitet, immer nur nachts?" Nicolae R. ist Mitte 40, von seinem Gehalt müssen auch seine Frau und die beiden Kinder in Rumänien leben. Daniela Reim übersetzt seine Fragen an den Subunternehmer Ulrich Schürmann, der ein paar Meter weiter neben seinem Rechtsanwalt steht.

Nach und nach heben alle Arbeiter an zu sprechen. Das ist der Chor der Geisterarmee:

Warum bekommen wir nie Geld, wenn wir nachts arbeiten?

Warum bekommen wir nicht all unsere Stunden bezahlt?

Warum haben wir einen Chip, wenn er unsere Stunden nicht erfasst?

Warum haben im letzten Monat 30 Stunden auf einer Abrechnung gefehlt?

Warum dürfen wir nicht nach zweieinhalb, sondern erst nach fünf Stunden Pause machen?

Warum dauert die Pause nicht eine halbe Stunde, sondern wenige Minuten?

Warum müssen wir 240 Euro im Monat für diese Unterkunft zahlen?

Warum schlafen wir zu viert in einem Zimmer?

Der Subunternehmer sagt: gar nichts. Wie viele Werkvertragsangestellte er hat? Weiß er nicht. Wie viele Firmen? Weiß er nicht. Wie seine Firmen heißen? Weiß er nicht.

Wortreich erklärt sein Anwalt, es habe sich eben um betriebsbedingte Kündigungen gehandelt, nichts zu machen. Schürmann bestreitet, dass die protestierenden Arbeiter Geflügel für Heidemark zerlegen, aber der ZEIT liegen Unterlagen vor, die genau dies bestätigen. Heidemark sagt, man habe keine Kenntnis von den Vorgängen.

Subunternehmer und Arbeiter betreten jetzt den umgebauten Stall, in dem Nicolae R. wohnt. Schürmanns Firma hat den Stall gemietet. Als Erstes betritt man einen riesigen Raum. "Vor zwei Tagen war der noch leer", sagt Nicolae R. "Erst als wir unseren Protest angekündigt haben, haben sie uns eine alte Couch und einen Tisch hineingestellt. Und ein Van-Gogh-Poster an die Wand gehängt", sagt er und deutet auf ein winziges Bild.

Weiter hinten sind die Schlafzimmer, vollgestopft mit Decken und Klamotten. Ausrangierte Bundeswehrbetten. Aus Metall. Fleckige, durchgelegene Schaumstoffmatratzen. Drei Betten stehen da, "ein Bett pro Zimmer wurde in der Eile entfernt", sagt Nicolae R.

Herr Schürmann, wie geht es Ihnen, wenn Sie das sehen?

"Das ist hier standardmäßig ausgestattet", sagt Schürmann. "Als ich meine Fleischerlehre gemacht habe, habe ich mir auch eine Matratze auf den Boden gelegt." Dass er damals nicht wie Nicolae R. Mitte 40 war und auch kein Familienvater, kommt ihm nicht in den Sinn.

"Ich bin Christ", sagt Schürmann, fügt dann aber hinzu: "aber kein gläubiger."

Nach der Begehung beginnt Schürmann, sich zu rechtfertigen. Immerhin bekämen seine Arbeiter den Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde, der erst von Januar an in der Fleischindustrie auch für Werkvertragsarbeiter verpflichtend wird.

Womöglich hat Schürmann schon eine neue Methode gefunden, den Mindestlohn zu umgehen. Dass Arbeiter für ihre Kleidung, ihr Arbeitsgerät und die Reinigung zahlen müssen, ist längst normal. Schürmann aber lässt den Arbeitern mit der Gehaltsabrechnung einen Beipackzettel aushändigen, der sie auffordert, einen bestimmten Betrag – mal 240 Euro, mal 290 Euro – an ein anderes von Schürmanns Unternehmen, die UM Service GmbH, zu überweisen. Schürmanns Anwalt sagt, bei den Überweisungen handele es sich um die Miete und die Kosten für den Transport zur Arbeit. Aber die Arbeiter wissen nicht, wofür sie das Geld überweisen. Auf den Zetteln, die der ZEIT vorliegen, steht keine Begründung.

Am Ende bekommt die Szene fast etwas Surreales. Der Subunternehmer, sein Anwalt und der Arbeiter stehen hilflos nebeneinander. Sollen sie sich jetzt einfach verabschieden, so als sei nichts geschehen? Betreten wirken sie, peinlich berührt. Nicolae R. setzt ein paarmal an zu sprechen, aber er bringt kein Wort heraus. Schließlich hebt er seinen Blick, wagt es, Schürmann in die Augen zu schauen, und stellt ihm noch eine Frage: "Bitte lassen Sie mich arbeiten. Bitte sagen Sie mir: Was habe ich falsch gemacht?" Regungslos steht Schürmann da und schweigt.

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